Zwei Kulturen des Widerstandes: Thomas Brasch und Gerhard Gundermann

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In den gehobeneren Kinos der Republik laufen derzeit zwei interessante Filme, die – jeder auf seine Weise – Schicksalen von kritisch-verzweifelten Künstlern in der DDR der siebziger und achtziger Jahre beleuchten: der Spielfilm „Gundermann“ von Andreas Dresen und der Dokumentarfilm „Familie Brasch“ von Annekatrin Hendel.

Sowohl der Liedermacher Gerhard Gundermann (1955-1998) als auch der Schriftsteller Thomas Brasch (1945-2001) waren Gläubige: aus kommunistischer – partiell anarchistischer – Überzeugung heraus kritisierten sie die Arbeit und den Charakter von Funktionären, den seelenlosen Bürokratismus, die ständigen Verletzungen der Würde des einzelnen Menschen. Der real existierende Sozialismus war ihnen nicht links genug. Beide waren große Melancholiker. Der verborgene  Kampf war ihre Sache nicht – sie litten, klagten, mahnten in aller Öffentlichkeit. Unter ständiger Zensur und Einschränkungen ließ man sie zu Wort kommen.

Soweit das Gemeinsame. Spannend wird es bei den Unterschieden: Brasch gehörte zur dissidenten Bohème, die in starkem Maße aus Kindern der herrschenden antifaschistischen Funktionärsschicht  bestand. Sie lebten in Berlin, waren hedonistisch und narzißtisch, politisch kritisch bis zum Zynismus, wollten alle Künstler sein, bestätigten sich ihre Größe ständig gegenseitig und haben kaum je für ihren Lebensunterhalt praktisch gearbeitet. (Thomas Brasch allerdings jobbte als Kellner und Straßenbauarbeiter und wurde für kurze Zeit zur Bewährung in die Produktion geschickt.)

Die erotische Libertinage, die hier herrschte, wurde damit begründet, daß man sich diese Freiheit nahm, weil es keine andere gab. Im Film werden vier männliche und drei weibliche Liebhaber von Brasch interviewt. Er soll unter Bindungs- und Verlustangst gelitten haben. Alle sagen ihm eine ungewöhnliche Präsenz nach, die faszinierte: ein Held der Szene.

1968 wurde er von seinem Vater an die Stasi verraten und verbrachte ein paar Monate im Gefängnis. 1976 verließ er mehr oder weniger freiwillig die DDR, nachdem Texte von ihm nicht publiziert wurden, und lebte fortan in Westberlin, wo er unter seinem Bedeutungsverlust als Schriftsteller litt, Alkohol und Drogen zu sich nahm und so zerrissen war, wie es sich für einen wahren Künstler gehört. Aber seine Texte wurden publiziert.

“Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber

wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber

die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber

die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, aber

wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber

wo ich sterbe, da will ich nicht hin:

Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.”

Thomas Brasch

 

Wie anders Gerhard Gundermann: Er stammte aus einer Arbeiterfamilie in der sächsischen Bergarbeiterregion Lausitz und hat selbst bis zu seinem Lebensende als Baggerfahrer im Braunkohlenbergbau in Hoyerswerda gearbeitet – auch dann noch, als er mit Musik seinen Lebensunterhalt hätte bestreiten können. Er wollte von „echter“ Arbeit leben und der Gefahr der Kommerzialisierung seiner Musik dadurch entgehen. Auffallend war seine Natürlichkeit – jede künstlerische Attitüde war ihm fremd. Er lebte zusammen mit den Kumpels ein bescheidenes Leben und fühlte sich mit Land und Leuten tief verbunden. Er wollte einer von ihnen bleiben und entfernte sich nie für lange von seiner Heimat.

 

Hier bin ich geborn wo die Kühe mager sind wie das Glück.

Hier hab ich meine Liebe verlorn und hier kriege ich sie wieder zurück.

Hier liegt mein Vater unter der Erde. Meine Mutter liegt auf’m Balkon.

Hier frißt mir eine Kinderherde die letzten Haare vom Ballon.

Hier sind wir alle noch Brüder und Schwestern. Hier sind die Nullen ganz unter sich.

Hier ist es heute nicht besser als gestern. Und ein Morgen gibt es hier nicht.

Hier hab ich meine letzten Freunde beleidigt, harte Herzen zu Butter getanzt.

Hier hab ich junge Pioniere vereidigt und Weihnachtsbäume gepflanzt.

Hier hab ich meine Leichen im Keller, hier spielt Mensch ärger dich nicht.

Hier krieg ich immer nur einen halbvollen Teller an einem runden Tisch.

Hier gab es billigen Fusel auf Marken und genauso sehn wir heute aus.

Hier läßt man Fremde nicht gerne parken, es sei denn sie geben einen aus.

Hier dreh ich meine Kreise wie ein fest verankertes Schiff.

Hier führt mich meine Reise nicht weit, aber tief.

Hier bin ich geborn wie ins Wasser fiel der Stein.

Hier hat mich mein Gott verlorn und hier holt er mich wieder ein.

Gerhard Gundermann

 

Sein Idealismus ließ ihn 1976 zum Inoffiziellen Mitarbeit der Staatssicherheit werden. Er wollte die ganzen Ungereimtheiten und Absurditäten, die das sozialistische Wirtschaftssystem produzierte, mit Hilfe des Staates im Staate bekämpfen. Dabei schrieb er auch Persönliches über Bekannte und Freunde und war nach der Wende schockiert von seinen eigenen Berichten. Seine Band wollte ihn dennoch nicht verlassen. Er wurde von der Stasi geschaßt und selbst zum Opfer. Er wurde Mitglied der SED, bis auch die ihn von sich wies. Er liebte lange eine Frau und wartete auf sie, bis sie so weit war, sich trotz zweier gemeinsamer Kinder von ihrem Ehemann zu trennen. Er bekam Kinder und lebte mit ihr bis zu seinem frühen Tod, der wohl die Konsequenz seiner Dauerselbstüberforderung war. Er rauchte nicht und trank keinen Alkohol.

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Zwei Kulturen des Widerstandes, wie sie unterschiedlich kaum sein könnten. Auf der einen Seite das intellektuelle Milieu der Großstadt in Sichtweite des politischen Rivalen. Auf der anderen Seite das arbeiterliche Milieu der tiefsten ostdeutschen Provinz an der Grenze zu Polen.

Thomas Brasch wünschte noch aus dem Westen seinem Heimatland das Gelingen seines großartigen Experimentes. Um den Gemeinschaftssinn, der in den verschiedenen Soziotopen des Ostens herrschte, beneideten sogar westdeutsche Intellektuelle die skurrile Gesellschaft der DDR. „Ich war mein Land. / Man hat uns weggeschenkt. / Wo schläfst du, DDR, ich habe mich verrenkt.“ Diese tieftraurige Rückschau Thomas Braschs auf das geliebt-gehaßte untergegangene Land hätte auch von Gerhard Gundermann stammen können.

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