Zur Notwendigkeit der kulturellen Erneuerung

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Tradierten gesellschaftlichen Verhältnissen wird durch Digitalisierung und die Durchsetzung einer globalen Monokultur der Boden entzogen. Ein Gemeinschaftsgefühl, das durch eine geistige und kulturelle Grundlage entsteht, wird ausgehöhlt. Unumgänglich ist dadurch die Schaffung neuer Anknüpfungspunkte, sowie die Erneuerung unseres kulturellen Bewusstseins.

Konventionelle konservative Positionen beruhen auf der Annahme, dass der Mensch durch Erziehung, Bildung und Sozialisation tief mit seiner eigenen Kultur verbunden ist. Dadurch bildet der Einzelne, teils unbewusst, seine Identität und seinen eigenen Blick auf die Welt aus. Zudem offenbart spätestens der Ernstfall dann Kultur als ein Gesamtsystem, mit der Forderung zur Kampf- und Verteidigungsbereitschaft, das dem Einzelnen seine Stellung unmittelbar zuweist. Seine kollektive Identität wird spätestens dann zum bestimmenden Faktum. Solcherlei Grundannahme führen zugleich zu Bestrebungen, dieses Erbe gegen den Verfall desselben zu mobilisieren.

Auf die Jugend, die in urbanen Zentren im Zeitalter der Digitalisierung aufgewachsen ist, treffen diese Grundkonstanten jedoch kaum noch zu. Selbst wenn der jungen, urbanen Bevölkerung ein inneres Unbehagen gegenüber Formen moderner Zivilisation innewohnt, so fehlt doch ein geistiges Fundament, sich auf Quellen des europäischen und abendländischen Ursprungs zu berufen und diese fruchtbar zu machen. Es fehlt ihnen schlicht die Möglichkeit, sich diesen Quellen und Formen authentisch annähern zu können, um ihre Symbolkraft zu entschlüsseln: Der Blick auf die Welt ist verschoben.

Selbstverständlich begegnet uns Kultur noch immer als „Einheit des Stils“ (Nietzsche) und macht somit einen globalen Universalismus unmöglich. Dennoch ist das schöpferische Element dieser kulturellen Grundlage verloren gegangen. Zwangsläufig kann das Unbehagen in der Jugend auch nur mit postmodernen Mitteln kompensiert und durch die Vergnügungsindustrie kanalisiert werden. Die Sprache der Tradition und Kultur ist nicht mehr verständlich, denn sie wird von einer globalen bzw. digitalen Wahrnehmung überlagert.

Durch diese Entwicklung erscheinen Bestrebungen, durch die Rückbesinnung auf das europäische Erbe mögliche Auswege aus der Postmoderne aufzuzeigen, wie beispielsweise durch den (vorkonzilianischen) Katholizismus, immer abwegiger. Zwar mögen in Architektur und Liturgie noch Formen dieser Kultur zu erkennen sein, doch fungieren diese lediglich als Fenster, die den Blickpunkt auf ferne, abgenutzte schöpferische Elemente richten. Sie sind temporär nicht viel mehr als museale Andenken.

Infolgedessen offenbart sich zugleich die große Dialektik, dass jene Traditionslinien, denen wir nachzuspüren versuchen, uns an diesen Punkt der Gegenwart geführt haben, an dem sie für uns unverständlich werden und nicht mehr sinnstiftend wirken. Die europäische Geistesgeschichte, erwachsen aus antiken Quellen und durch die biblische Offenbarung in eine Richtung gebracht, mündet in einer Legitimierung zur Selbstauflösung. Aus uns selbst kommt die Ideologie der Dekonstruktion und ist mit den Elementen unsere Kultur unwiderruflich verschmolzen.

Auch konkrete moderne Identitätsverhältnisse wie z.B. die der nationalen Identität stehen diesen Auflösungstendenzen nur scheinbar gegenüber. Totale Vereinzelung und eine von Soziologen oftmals beschworene Ausdifferenzierung der Gesellschaft, entziehen tradierten nationalen Identitäten den Boden. Lediglich als Staatskonstrukt mit organisierter Umverteilung von Vermögen und Instandhaltung von Infrastruktur hat diese Identitätsvorgabe für die junge Generation noch konkrete Bedeutung. Moderne Staaten legitimieren sich zumeist aus ihrem wirtschaftlichen Erfolg und Nutzen heraus, nicht durch demokratische Strukturen oder gar identitätsstiftende, zusammenführende Elemente. Das Gemeinschaftsverständnis speist sich aus längst vergessenen Quellen, die ihre Schöpfungskraft verloren haben. Lediglich Überbleibsel werfen Schatten in Form von gesellschaftlichen und habituellen Institutionen, die das Gemeingefüge unzulänglich zusammenhalten. Ein Gemeinschaftsgefühl, dass durch eine gemeinsame geistige und kulturelle Grundlage entsteht, ist nicht mehr vorhanden. Die Lebenswelten und Milieus driften Tag für Tag weiter auseinander.

Wir leben zwar immer auch in einer tradierten, alten Kultur und nur aus dieser heraus können wir Fragen an uns selbst richten, doch durch Entwicklungen im 21. Jahrhundert wird offenkundig, dass eine Erneuerung der kulturellen Grundlage unumgänglich ist, um ein Verständnis für das Eigene rehabilitieren zu können. Zugleich leitet sich aus diesem Verlust der kulturellen Grundlage auch eine Notwendigkeit zur Reformation konservativ-revolutionärer Theorien ab, denn durch diesen Verlust schwinden zugleich auch die Fundamente konservativer Positionen. Es gilt, neue Anknüpfungspunkte zu schaffen, wenn eine konservative Fundamentalopposition mehr will, als das von Verlustängsten geplagte Bürgertum zu mobilisieren.

Ein denkbarer Ansatz für eine solche Erweiterung der Theorie könnte die Gewissheit sein, dass die Suche nach Identität bzw. nach einem Überdauern des Zeitlichen eine anthropologische Konstante darstellt. Auch technische Fortschrittsprozesse ändern nichts an dem Bedürfnis, sich durch individuelle und kollektive Identitäten in der Welt einzurichten und sein Leben in einen größeren Sinnzusammenhang zu stellen.

Zwar gehört zu dem Selbstverständnis der Moderne, dieses Bedürfnis adäquat befriedigen zu können, doch kann sie dies nur oberflächlich und zwar in zu konsumierenden Formen. Daher liegt doch die Stärke eines konservativ-identitären Standpunktes gerade in der Fähigkeit, aus einem inneren, menschlichen Prinzip die Hypothese moderner Gesellschaften zu kritisieren, ohne dabei in „die Gegnerschaft gefesselt“ (Heidegger) zu sein.

Schöpferisch ist dieser Ansatz allerdings erst dann, wenn der Mensch durch einen neuen Blickwinkel auf die Welt anfängt, diese danach zu gestalten. Etliche künstlerische und literarische Bewegungen haben gezeigt, wie es hierdurch möglich ist, den Menschen in seinem Innersten zu berühren und das schöpferische Element zu mobilisieren. Nur hiervon ausgehend kann der drohenden Auflösung, die den Menschen als Maschinentypus vollends in den Vorgang der Technisierung zwingt, angemessen entgegengetreten werden.

Diese Dringlichkeit der Frage nach erneuernden Kräften führt unumgänglich zu der Notwendigkeit, den Gestaltungswillen herauszufordern. Zu entkräften ist bereits an dieser Stelle der Vorwurf, einen neuen Menschen gestalten zu wollen, so geht es doch vielmehr um die „formende Umgestaltung der Wahrnehmung des Menschen“ (Sloterdijk). Dies funktioniert jedoch nicht durch eine rein deskriptive Beschreibung der Zustände, sondern durch die Mobilisierung derjenigen, die in der Moderne keine Perspektive sehen. Da aber der Verlass auf kulturelle Selbstverständlichkeiten unzulänglich geworden ist, müssen durch Emotionen und Bilder neue Anknüpfungspunkte geschaffen werden, die eben jene Menschen anspricht, die nicht mit diesem Bewusstsein auf die Welt gekommen sind, denn davon gibt es immer weniger.

Titelbild: Victor Karlovich Shtemberg, Sirens by the sea.