Von der Erotik zur Sexualität

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Zur Agonie des Eros

Nach der Diagnose des Philosophen und Kulturkritikers Byung-Chul Han hat unsere Kultur eine „Agonie des Eros“ erzeugt, ein langsames, qualvolles Dahinsiechen der Erotik. Es klingt widersinnig, dies von einer Kultur zu behaupten, in der Sexualität allgegenwärtig ist, in der nahezu alle Tabus gefallen sind und man seine sexuellen Bedürfnisse so einfach und schamlos befriedigen kann wie in keiner anderen Kultur. Doch Sexualität ist nicht Erotik. „Sexualität“ ist nach der Analyse des Sprachwissenschaftlers Uwe Pörksen ein „Plastikwort“: aus der Sprache der Wissenschaft in den Alltagsgebrauch eingewandert, stellt es die Erotik in die Verfügung der Experten (der „Sexualwissenschaftler“ und „Sexualtherapeuten“), der Technik, der Ökonomisierung und der Quantifizierung.

Die Verwandlung von Erotik in Sexualität ist ein wesentlicher Bestandteil der „Agonie des Eros“ in unserer Kultur. Eros ist (etwa in Platons Dialog „Symposion“) ein leidenschaftliches Ergriffenwerden vom Anderen – ein Ergriffenwerden, das den Menschen über sich hinaus führt, in Ekstase versetzt und mit dem Anderen eins werden lässt. Sexualität hingegen dient primär der Befriedigung der Triebe des Einzelnen, der so in seiner Subjektivität gefangen bleibt und nicht über sich hinausgelangt zum Anderen.

Auf dem Weg von der Erotik zur Sexualität wurde das Fremde, Ergreifende der geschlechtlichen Liebe – das auch Gefahren und Angst erzeugt – mit einem ganzen Instrumentarium an Techniken verharmlost und zuletzt weitgehend zum Verschwinden gebracht. Zum Instrumentarium dieser Techniken gehören etwa Pornographie und Prostitution, wo Erotik zu einer problemlos verfügbaren Ware wird; die Verwissenschaftlichung, die dem Laien suggeriert, die Experten hätten für jedes seiner „sexuellen Probleme“ eine passende wissenschaftliche Lösung; und nicht zuletzt auch eine partielle Liberalisierung, die mit neuen Tabus sowie mit einer gewissen Schablonenhaftigkeit einhergeht.

All diese Techniken dienen dazu, das Fremde, Ergreifende, den Einzelnen in seinem Narzissmus, aber auch an Leib und Seele Gefährdende an der Erotik zum Verschwinden zu bringen. Was übrig bleibt, ist eine langweilige Wiederholung des Immergleichen. Selbst im Geschlechtsverkehr hat der Narzisst nur mit sich selbst zu tun: „Auch was sich noch der Frau gewährt, ist dunkle süße Onanie“, schreibt Gottfried Benn in dem Gedicht „Synthese“. Es wiederholt sich in jedem Anderen (also in den wechselnden Geschlechtspartnern) und in jedem Geschlechtsakt, in jeder verzweiflungsvoll gesuchten Variation des Immergleichen, nur eines: ich selbst, immer ich selbst. So kennt auch die Pornographie ein festes Repertoire an Bildern und Bildsequenzen, die eine gehemmte, kontrollierte Hemmungslosigkeit zeigen oder zumindest vortäuschen.

Auf dem Weg von der Erotik zur Sexualität wird der beseelte menschliche Körper vom Leib zum bloßen Objekt und schließlich zu einem banalen Stück Fleisch, wie man es auf manchen Bildern moderner Aktmalerei besichtigen kann. Nach der Analyse von Slavoj Žižek wird der menschliche Körper, vor allem der Frauenkörper, in unserer Kultur jeden Glanzes beraubt. Er verliert seine Aura. Er wird vom Fetisch zum Fleisch, von einem Katalysator und einer Projektionsfläche erotischer Fantasien zu etwas durch und durch Banalem.

Liberalisierung und Banalisierung

In dem Maße, in dem der Eros zum Objekt technischen Zugriffs wird, wird er auch (zumindest scheinbar) liberalisiert. Denn wenn die Erotik erst einmal zu etwas so Banalem geworden ist wie das Wasserlassen, ist es ohnehin fraglich, warum in diesem Bereich nicht (fast) alles erlaubt sein sollte. Damit verliert das Erotische seinen Charme, seinen Zauber, seinen Reiz. Es dürfte schwierig sein zu sagen, was zuerst kam: die Liberalisierung oder die Banalisierung der Erotik. Auf jeden Fall hat man es mit zwei einander verstärkenden Prozessen zu tun.

Selbstverständlich kommt auch unsere Kultur nicht ohne sexuelle Tabus aus. Doch wenn gemäß Liberalismus alles erlaubt ist, was niemand anderem schadet, fallen zumindest bei wechselseitigem Einverständnis mündiger Sexualpartner konsequenterweise alle Beschränkungen fort. Keine Form der sexuellen Praxis, keine Konstellation wechselnder „Sexualpartner“ scheint noch ausgeschlossen. Auf diese Weise wird die zur Sexualität gewordene Erotik abgetrennt von festen Verbindlichkeiten, von Liebe, Verantwortung und Treue. „Als personales Wesen aber, als ein lebendiger Jemand mit einem individuell geprägten Menschenantlitz, tritt ja der bloße sex-Partner gar nicht vor den Blick“, schreibt Josef Pieper in seinem Buch „Über die Liebe“. Dies verstärkt wiederum die Banalisierung der Erotik. Der Andere ist als bloßer „Sexualpartner“ nicht die Person, mit der ich, über mich selbst hinausgehend, eins werde, sondern nicht viel mehr als ein Spielzeug, mit dem ich mich besonders effektiv befriedigen kann.

Die Agonie des Eros zeigt sich bis in die kleinsten Details des Alltagslebens. Wenn Erotik zu Sexualität wird, dann wird Schönheit zu sexiness, der Flirt wird zur Anmache. Im Umgang der Geschlechter miteinander gehen verloren: Eleganz, Grazie, Höflichkeit, die Nuance, das Spiel der Andeutungen – denn warum andeuten, wo ohnehin alles offen und klar ist, warum mit Vieldeutigkeiten spielen, wenn alles eindeutig ist? Die Kleidung in ihrem Spiel von Verhüllen und Zeigen wird ebenso banal und vulgär wie das Begehren, das sie erzeugen helfen soll.

Das Gefährliche am Eros

Die antike Dichterin Sappho rief den Eros „bittersüßes, entmachtendes Ungetier.“ Es ist unmöglich, das Gefährliche an der Erotik zum Verschwinden zu bringen. Wer von Erotik spricht, sollte von destruktiven Leidenschaften, von Eifersucht und Schmerz nicht schweigen. Es gibt kaum ein Werk der Weltliteratur, in dem das Gefährliche an der leidenschaftlichen geschlechtlichen Liebe nicht thematisiert wird. Wieso glauben wir, diese Bedrohungen vollständig und endgültig aus dem Leben verbannen zu können?

Eine Unwilligkeit oder Unfähigkeit, vom Eros ergriffen zu werden, schützt uns zwar vor den damit verbundenen Gefahren, beraubt uns aber gleichzeitig einer wesentlichen Dimension unseres Menschseins. Dieses Menschsein besteht – anders als der moderne Liberalismus suggeriert – nicht nur aus unserer Kraft, unseren Taten, unserer Freiheit, sondern auch aus dem Pathischen, dem Erleiden, unserer Ohnmacht, dem Ergriffenwerden von etwas, das größer ist als wir selbst.

In der Erotik kommt dieses Ergriffenwerden besonders deutlich zur Geltung. Der Einzelne verliert in ihr die Kontrolle über sich selbst. Aus diesem Grund war die Erotik in allen Gesellschaften reguliert und durch Tabus eingegrenzt. Wieso glauben wir, jede Regulierung und Tabuisierung über Bord werfen zu können?

Es braucht keinen neuen „Puritanismus“, sondern ein Bewusstsein der Zusammengehörigkeit der Erotik mit Liebe, Treue und Verbindlichkeit. Nicht zuletzt sollte das enge Band zwischen dem Eros und der Fortpflanzung unserer Gattung nicht vollständig zerschnitten werden, auch wenn Phänomene wie Leihmutterschaft, künstliche Befruchtung, pränatale Selektion und Abtreibung in diese Richtung weisen.

Eros als Überwindung der Einsamkeit

Nach Erich Fromm ist die „Kunst des Liebens“ der einzige Weg, das Gefühl des Abgetrenntseins, das uns als moderne Menschen besonders stark beherrscht, dauerhaft zu überwinden. Das gilt besonders für die erotische Liebe: hier treten wir dem Anderen unverhüllt, nackt gegenüber und werden eins mit ihm. Josef Pieper schreibt in dem bereits zitierten Buch, der Sinn der Liebesbegegnung sei „das Hinaustreten aus der eigenen Begrenzung und Ichhaftigkeit durch das Einswerden mit einer anderen Person.“ Eros und Liebe sind die Felsen, an denen das Schiff des Liberalismus mit seinen Flaggen der Autonomie des Für-sich-seins des Einzelnen immer wieder zerschellt. Vielleicht ist genau das der Grund dafür, dass unsere liberale Kultur so eifrig versucht, Liebe und Erotik in Sexualität umzuformen.

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