„Wir übertreiben, weil uns das Spaß macht“

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Bezeichnend für die Moderne ist der Hang zur Übertreibung. In Zeiten der Reizüberflutung braucht es immer neue Trigger, um noch Aufmerksamkeit zu erzielen oder Spaß und Freude zu empfinden. Ein möglicher Ausweg sind bewußte Reduzierungen.

Auch wenn die Überschrift keine Äußerung Philip Glass’ zu einem seiner wichtigsten Werke war, läßt sie sich doch ganz wunderbar darauf beziehen. Vor nunmehr 36 Jahren erschien das monumentale Bildwerk Koyaanisqatsi. Der Dokumentarfilm kontrastiert mit ewig langsam erscheinenden, bohrenden Bildern einerseits und Zeitraffern andererseits Naturschauspiele in den USA mit Szenen der Auswirkung des menschlichen Lebens und Wirkens auf Umgebung und Umwelt. Es fehlen jegliche Handlungen und Dialoge. Die Musik ist ganz auf die Filmsequenzen zugeschnitten.

Der Begriff “Koyaanisqatsi” bezeichnet in der Sprache der Hopi-Indianer ein Leben, das aus der Balance geraten ist, ein Leben im Aufruhr. Daß die Beziehung zwischen Mensch, Natur und Technik aus dem Gleichgewicht geraten war, ließ sich zu Beginn der 1980er Jahre auch jenseits von übertriebenen Katastrophenszenarien wie dem Waldsterben oder dem nuklearen Winter erkennen. Zwei weitere Filme – Powaqqatsi und Naqoyqatsi vervollständigten das Werk zur Trilogie. In Philip Glass’ minimalistischer Musik treten dabei auch immer wieder traditionelle musikalische Elemente zutage.

Der Komponist selbst ist vor wenigen Tagen 81 Jahre alt geworden. Manchen gilt er als Popstar moderner klassischer Musik. Diese Bezeichnung war der eigentliche Anlaß für Glass’ oben zitierte Äußerung. Zahlreiche Soundtracks hat er im Laufe seines Lebens komponiert, dazu unzählige Werbemusiken und Untermalungen für Fernsehserien.

Neben der monumentalen Musik für die Qatsi-Trilogie schrieb Glass auch die Untermalung für die Verfilmung des Lebens von Yukio Mishima aus dem Jahr 1985. Der Film widmet sich dem letzten Tag in Mishimas Leben, dem er durch rituellen Selbstmord ein Ende bereitete. In Rückblenden und Darstellungen, die Mishimas Romanen entnommen sind, entsteht ein spannendes Lebensbild des japanischen Schriftstellers.

Die Aufnahme des Mishima-Soundtracks erfolgte durch das Kronos-Quartett. Mit dem Kronos-Quartett arbeitete Glass auch bei der Aufnahme eines neuen Soundtracks für den alten Dracula-Streifen mit Bela Lugosi aus dem Jahr 1931.

Glass’ Musik ist selten komplex und auch kompositorische Raffinessen sind weniger das Ziel seiner Stücke. Dennoch sind sie in der Lage, eine hypnotische Tiefe zu entwickeln, die oft schon nach den ersten Takten einen eigenen inneren Film entstehen läßt.