Walter Benjamin und das Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit

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Die Betrachtung Walter Benjamins über den Wandel der Kunst durch die moderne Technik gehört bis heute zu den Klassikern der Kunsttheorie. An seine Kritik der modernen Kunstform, dem Film, schließt sich eine Kritik an der Entstehung der „Massierung“ moderner Gesellschaften an. Es wandelt sich nicht nur die Kunstform selbst, sondern das Verständnis von Kunst und somit auch die kollektive Wahrnehmung überhaupt. Benjamin entwirft eine Grundlage für die Kritik moderner Verhältnisse, die geprägt sind durch den alles bestimmenden Warencharakter kultureller Erzeugnisse. Es gilt, diesen Teil seiner Analyse aus dem Sog des Dekonstruktivismus und ihrer Deutungshoheit herauszuholen und wieder fruchtbar zu machen.

Walter Benjamin schreibt seinen Kunstwerk-Aufsatz im Jahr 1935 im französischen Exil unter dem Eindruck der Entstehung des Faschismus. Er schickt seinem Aufsatz gar voraus, dass seine neu entworfene Terminologie „für die Zwecke des Faschismus völlig unbrauchbar“ sei und vielmehr „zur Formulierung revolutionärer Forderungen in der Kunstpolitik brauchbar“ wäre. Es steht außer Frage, dass Walter Benjamin ein überzeugter Marxist war, der seine Theorie auf der Analyse der kapitalistischen Produktionsverhältnisse von Karl Marx aufbaut, zugleich aber als der „erste historische Materialist, der radikal mit der Fortschrittsideologie bricht“ (Michael Löwy) auf den Plan tritt und somit massiven Einfluss auf die Bildung neomarxistischer Theorien genommen hat. Benjamin geht allerdings über die Analyse reiner Besitzverhältnisse weit hinaus, denn im Stil der klassischen Ideologiekritik weiß er, hinter dem scheinbar allgemeinen Interesse verbirgt sich das besondere Interesse der Herrschenden. Auf dieser Grundlage gilt es die Schrift „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ zu deuten, weniger wegen der kunstästhetischen Komponente, sondern weil Benjamin zeigt, wie der Mensch mit seinem ganzen Wesen in den Prozess der Reproduzierbarkeit eingebunden wird.

Die Bedingung der Möglichkeit zur Reproduktion

Kunstwerke zu reproduzieren ist keine genuine Formel der Moderne, Kunstwerke wurden versucht zu kopieren seitdem es sie gibt, sei es um den Schöpfer des jeweiligen Kunstwerks zu würdigen, um durch den Prozess der Reproduktion gewisse Techniken zu erlernen oder schlicht um sie zu fälschen. Maßgeblich ist jedoch, dass im 19. Jahrhundert die technische Reproduktion die Gesamtheit aller Kunstwerke zu ihrem Objekt macht, und zwar durch das Auftreten der Photographie. Bei diesem Prozess der Reproduktion durch Photographie ist das hier und jetzt bzw. die Echtheit des Kunstwerks nicht übertragbar, denn die Echtheit eines Kunstwerks liegt stets in seinem Ursprung, der durch die Massenreproduktion zwangsläufig Verloren gehen muss. Benjamin spricht bei diesem Prozess von dem Verlust der Aura. Die Aura bezeichnet das Heilige, die Unnahbarkeit, die die Hauptqualität des archaisch-antiken Kunstwerks, also des klassischen, darstellt. Diese höhere Qualität des Kunstwerks liegt in seinem archaischen Entstehungskontext begründet, in dem Kunstwerke ursprünglich im Dienste des Rituals standen, und nur um ihrer selbst willen produziert wurden. Dem neuzeitlichen Vorgang der Reproduktion hingegen liegt einzig das dingliche Substrat des Kunstwerks zu Grunde. Das Kunstwerk verliert seinen inneren Anspruch, den es bis dato an das Ritual hegt – dieser Verlust führt zum Wandel des Kunstwerks mit Kultwert hin zu einem Kunstwerk mit Ausstellungswert. Die Einzigartigkeit des Kunstwerks, die nur in dem Zusammenhang der Tradition und seinem Ursprung verständlich ist, wird aus diesem herausgelöst und massenhaft verbreitet. Walter Benjamin, weist trotz der Emanzipation des Kunstwerkes vom Ritual auf die Erschütterung der Tradition als die Kehrseite der Modernisierung hin, da somit das schöpferische Element des Kunstwerkes unwiderruflich vernichtet wird.  Nach dieser Analyse lässt sich auslegen, dass es einen tiefen inneren Zusammenhang von Vermassung (Adorno würde sagen Vergegenständlichung) der Gesellschaft und dem Wandel des Symbolwerts des Kunstwerks gibt.

Was Benjamin anhand des Kunstwerks beschreibt ist ein gesamtgesellschaftlicher Prozess, der weit über eine veränderte Ästhetik der Kunst hinausgeht. Durch die Reproduzierbarkeit des Kunstwerkes wird aus einem einmaligen, einzigartigen Vorkommen ein massenhaftes Produkt, herausgeschält aus seiner Aura, seiner Symbolik. Grundlegend geht diesem Prozess jedoch eine veränderte Wahrnehmung voraus, so spricht Benjamin ganz bewusst von der Reproduzierbarkeit, die eine Bedingung der Möglichkeit der Reproduktion darstellt. Eine Veränderung im Medium der Wahrnehmung hat gesellschaftliche Ursachen, nämlich die zunehmende Bedeutung der Massen, die Tendenzen tragen, sich Dinge räumlich näher zu bringen und die Überwindung des Einmaligen durch die Aufnahme von Reproduktionen begünstigen. Vollständig wird die Realität auf die Massen ausgerichtet. Ein reproduziertes Kunstwerk braucht einen Referenten, der ebenfalls reproduziert wurde und somit in einer Wechselwirkung in diesen Prozess der Reproduzierbarkeit eintritt. Das Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit setzt also zum einen die technischen Mittel voraus, zum anderen eine Veränderte optische und taktile Wahrnehmung des Menschen, die in der massenhaften Verbreitung der Kunst angelegt ist. Der Mensch wird zum Abbild seiner selbst, reproduzierbar und zugleich reproduziert durch die Kultur der Massen. Dieses Phänomen findet im 20. Jahrhundert seine höchste Form und greift auf die Epoche als gesamtgesellschaftliche Erscheinung über.

Ein Abbild der Realität

Neben die Reproduzierbarkeit, die es sowohl technisch als auch gesellschaftlich zu verstehen gilt, tritt im zweiten Teil von Benjamins Analyse eine Kritik des Films. Der Film, der aus der Photographie hervorgeht, ersetzt das klassische Bühnenschauspiel. Als grundlegende Unterscheidung des Bühnenschauspiels vom Film hebt Benjamin das Publikum und die Schauspieler hervor. Steht doch im klassischen Theater der Schauspieler in direktem Austausch mit dem Publikum und spannt mit ihm eine Beziehung auf, so befinden sich beim Film beide, Schauspieler und Publikum, der „Apparatur“, der Kamera, ausgesetzt. Sich auf die Einzigartigkeit des Gegenübers einzulassen, wie es das klassische Theater erfordert, wird abgelöst durch eine Interaktion mit der Kamera bzw. dem Bildschirm. Zwischen den direkten, menschlichen Austausch tritt eine Maschine, die dem Faktor der Aura nicht gerecht werden kann und diesen zwangsläufig ausklammert. Zu der Kamera spricht eine andere Natur als zum Auge, das vom Menschen mit Bewusstsein durchwirkt ist. Diese veränderte Sichtweise auf die Realität wirkt sich folglich auf die Wahrnehmung des Rezipienten aus und prägt somit nachhaltig die „massierte Kultur“.

Daraus, so analysiert Benjamin, ergibt sich ein transportables Spiegelbild der Realität voller Leere, das zugleich auch einen veränderten Zugang zu der Realität selbst hervorbringt. In diesem Vorgang wird die Persönlichkeit des Schauspielers zur personality, zum Star, dem der „faulige Zauber des Warencharakters“ innewohnt. Der Schauspieler wird von der kritiklosen Masse konsumiert, da die Beziehung zwischen Schauspieler und Publikum sich auf ein Minimum beschränkt. Kritiklos konsumiert die Masse deshalb, da durch den Film eine neue Art der Konventionen geprägt wird, die der Einzelne nicht unabhängig von seiner Verwebung in die Masse bewerten kann. Die Masse als Konsument kontrolliert sich in der öffentlichen Rezeption des Films selbst. Dadurch wird das Publikum in eine begutachtende Haltung gebracht, die kaum Aufmerksamkeit erfordert und somit die Zerstreuung des Einzelnen fördert.

Benjamins monumentaler Aufsatz bietet durchaus eine mögliche konservativ-kulturkritische Lesart, die jener neomarxistischen Interpretation als Pamphlet für die Mobilisierung der Kunst zugunsten des Kommunismus entgegensteht. Unter anderem wird jene alternative Interpretation durch die Rezeption Benjamins von konservativen Kulturkritikern wie Aldous Huxley oder Paul Valéry gestützt. Treffsicher beschreibt Benjamin den Vorgang der Moderne, die, hofiert durch die Technik, den tradierten Kunst- und Kulturbegriff durch die massenhafte Reproduktion kultureller Erzeugnisse zerrüttet. Darüber hinaus wird durch die Photographie und den Film ein neuer Blickwinkel auf die Realität produziert, der die Entstehung einer Massenkultur zur Folge hat. Der Blick durch die Kamera auf die Welt entfremdet das menschliche Bewusstsein und somit den Menschen selbst.

 

Literatur:

Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt am Main 1963.

Burkhardt Lindner/Thomas Küpper (Hg.), Benjamin – Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart 2011.

Titelbild: Pixybay/CC0