Einblicke in die DDR-Literatur: Waldgang im Herbst

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„Schöner Übermut des Herbstes“ ist der Titel des 1982 erschienenen Romans von Kurt Nowak. Der Held ist ein Professor mit dem Spezialgebiet deutsche Frühromantik, ein Mittvierziger, der sich in seiner Haut nicht länger wohlfühlt und in Klausur geht.

„Alles in meinem Leben war auf meinen Tod aus. Ich war eingesperrt. Jenen Gedanken, irgendeinen, hatte ich gestern gedacht oder vor zehn Jahren? Die Zeit stand still. Schauderhaft.“

Nowak selbst war Insider, allerdings nicht Professor der Germanistik, sondern der Theologie. Und er führt nicht – wie von einem Theologen zu erwarten gewesen wäre – die existenziellen Probleme des Protagonisten Hans Laskers in den Kosmos der Religion über. Worunter Lasker leidet, darunter könnte jeder anspruchsvolle, empfindsame und reflektierende Mensch der Moderne leiden und tat und tut dies vielleicht auch: dem Verschwinden des Geistes aus den Dingen, den Tätigkeiten, der Gesellschaft.

Wie der klassische Rebell der bürgerlichen Gesellschaft, so steigt auch der DDR-Professor aus einem Leben, das ihm nur vorgeschrieben und nicht selbst gewählt erscheint, aus. Sein Leben ist geprägt durch Routine, sinnfreie Planerfüllung und Überkontrolliertheit.

„So viele Erlebnisse. Und alles hinter Milchglas. In einem Plastiksack. Ich habe ein Vorurteil gegen mich, ich breche meine Begeisterung und meinen Schmerz vorzeitig ab. Sachlich sein. Eine Sache sein. Sich selbst eine Sache sein…Die Unverbindlichkeit aufheben, in die du dich geflüchtet hast. Du bist ein unverbindlicher Mensch. Unverbindlich freundlich. Unverbindlich aggressiv. Hier stehe ich, ich kann auch anders. Ich habe Angst, unter die Räder zu kommen. Ich flüchte in Lebenstechniken. Halte die Regel, und die Regel hält dich…Wichtig und festzuhalten: du bist nicht nur Produkt von Familie, von Gesellschaft, von Staat. Du bist auch Produzent. Das ist nicht neu, aber es klingt plötzlich gut für mich.“

Laskers zieht sich zurück, versteckt sich vor seiner ratlosen Ehefrau zunächst zur Untermiete in einem möblierten Zimmer am Thomaskirchhof, später in einer zeitweise leerstehenden Einraumwohnung im Neubaugebiet Grünau, danach in seinem Elternhaus und zuletzt in der Wohnung eines Freundes, des Ich- Erzählers und Arztes Schenda.

Nowak schafft es, das „Unbehagen in der Kultur“ bei einem Menschen, der auf seiner Individualität und eigenständiger Sinngebung besteht, weder mit grundlegender Kritik des Gesellschaftssystems noch mit einem Bekenntnis zu ihr zu verbinden. Seine Kritik ist eher existenzialistischer oder anthropologisch-psychologischer Natur. Die Institutionen und die in ihnen Agierenden, in sie Eingepassten erscheinen als typische maschinenähnliche Produkte der modernen Industriegesellschaft. Wobei die meisten Menschen in der DDR zumindest die Entfremdung durch eine selbstläufige anonyme Macht des Marktes und seiner Folgen für überwunden halten. Man könnte jetzt, wie man will.

Nun sind es die Menschen selbst, die aus Bequemlichkeit, Ehrgeiz, irrationaler Angst und niederen Bedürfnissen heraus ihrer Freiheit und Selbstentfaltung im Weg stehen. Die Konventionalität seiner Ehefrau, Ärztin von Beruf, und fast des gesamten Kollegen- und Freundeskreises, die Biederkeit ihres Denkens, ihre Kleingeistigkeit und ihr Anpassungswahn sind es vor allem, die Lasker unangenehm berühren und an denen er sich nicht länger beteiligen will.

„Ich spürte die Heftigkeit einer Erwartung in mir. Mein bisheriges Leben hatte darin bestanden, zu den Plänen anderer ja zu sagen, anstatt mir selbst zu vertrauen. Die innere Stimme. Hörte ich sie noch und war ich fähig, sie von anderen Stimmen zu unterscheiden?…Man muß das Leben üben und keine Angst haben…Ein mechanisch funktionierendes Teilchen der Gesellschaft zu sein, ertragt es nicht länger.“

Alle scheinen ihm nur noch mit der Perfektionierung ihres Eigenheims und Privatlebens befasst und jeder höheren Idee und Leidenschaft abhold zu sein. Es herrschen Langeweile, Stillstand, Saturiertheit in der akademischen Oberschicht: Abgeklärtheit und Gehorsam in einem.

„Enthusiasmus und Phantasie, das galt es neu zu entdecken. Ich hatte Aufträge übernommen und mich in Gremien wählen lassen und war darüber blind geworden für das, worauf meine Existenz gegründet war. Welches Recht haben wir, so zu tun, als gäben wir uns neuen Ideen hin, da wir doch wissen, was wir damit anstellen? Am Anfang wissen wir es; später umhüllt uns schon Blindheit.“

Seine bisherigen wissenschaftlichen Arbeiten hält Hans Lasker in diesem neuen Licht der Erkenntnis für wertlos, zeitgeistig und unbedeutend.

„Ich warf mein in eine Form gestanztes Wissen mit der Leblosigkeit einer Maschine aus.“

Ein „Anschein von Schöpfertum“ wird gegen die „Angst vor Auslöschung“ gesetzt. Bevor es zu spät ist in seinem Leben, will er seine ganze Energie in eine neue Theorie stecken, eine wirkliche Innovation, die aus wissenschaftlicher Leidenschaft, aus „der Mühe des Denkens und Empfindens“ und nicht aus Pragmatismus und Berechnung entstehen soll. Lange, beharrlich und verzweifelt arbeitet er in seinem selbst gewählten Exil daran (wovon er in dieser Zeit lebt, wird nicht thematisiert: Geld spielt keine Rolle). Aber irgendwann stellt er auch diese Tätigkeit ein, weil er erkennt, dass er mit diesem Ziel immer noch mit beiden Beinen fest in der für Individualität blinden und tauben Leistungsgesellschaft steckt.

Ein anderer Kollege, Gerlitz, der schon vor Jahren der Universität und damit des wissenschaftlichen Lebens verwiesen wurde und den Lasker in die Einsamkeit seines Grünauer Exils zu Besuch einlädt, verschafft ihm die Einsicht, dass es in seiner Lebenskrise um alles geht: um seinen, Laskers, Lebensstil, seine Selbstbestimmung.

Gerlitz hatte mit seiner Frau einen heruntergekommenen Bauernhof gekauft und ihn eigenhändig saniert. Nun beobachtete er Damhirsche im Morgennebel. Auf Laskers Schilderung seiner Lebenslage reagiert der ehemalige Kollege mit seiner Aussteiger-Philosophie:

„Die Maschinerie des Todes, sagte er leise…Dieser ganze perverse Kreislauf des Leistens. Wenn du aufmerksam genug bist, wirst du auch für anderes noch gut sein. Mache es dir zur Pflicht, jeden Tag eine indische Legende zu lesen…Ein neues Bewusstsein quillt herauf. Wenn du zum Mitwisser werden willst, was ich dir wünsche als meinem ehemaligen Freund, dann beginne so, dass du all jenen Dingen Aufmerksamkeit zu schenken beginnst, die du immer übersehen hast. Beginne mit einer Meditation über die brennende Kerze…“

Er rät ihm zu Ruhe und zum Vermeiden von Extremen und lässt den Ratlosen an seiner neuesten Erkenntnis teilhaben:

„Individualismus sei übersteigertes Geltungsbedürfnis, ein soziales Übel. Spätestens zu Beginn des dritten Jahrtausends würden die Individualisten abdanken müssen. Gewölle. Die Menschheit habe größere Probleme zu lösen. Sie müsse ihr physisches Überleben sichern.“

Obwohl so ziemlich alle benannten und beklagten Umstände in der jetzigen Gesellschaft erhalten geblieben sind und sich vielleicht sogar verschärft haben, wirken Laskers Bekenntnisse fast dreißig Jahre nach Untergang seiner Heimat merkwürdig anrührend. Hier scheinen Luxusbedürfnisse in einer Welt ohne Konkurrenzkampf und materielle Nöte und Zwänge verhandelt zu werden, die sich heute kein Mensch mehr leisten kann und die irgendwie aus der Zeit gefallen scheinen.

Im Zeitalter der Selbstdarstellung spielen Worte wie „Sinnsuche“ und „Wahrheitsstreben in der Wissenschaft“ keinerlei Rolle mehr und wirken nahezu peinlich. „Echtheit“, „Ehrlichkeit“ wurden durch „Authentizität“ ersetzt, meinen aber etwas anderes. Mittlerweile ist auch dem letzten „Ossi“ klar, dass alles nur zum Zwecke des Geldverdienens getan wird und niemandes Herz an irgend etwas hängt. Das Verdienst des Autors liegt darin, Vorformen dieser Haltung bereits in der sozialistischen Gesellschaft entdeckt und geschildert und damit die vermeintlich höher entwickelte Gesellschaft als Teil dessen identifiziert zu haben, was sie überwunden zu haben vorgab: der abendländischen Konsumgesellschaft. Auch wenn die Kulturkritik angesichts neuer Erfahrungen etwas naiv wirkt, erfasste sie doch den Kern dessen, was an Entwicklungstendenzen auf die Menschen der unterentwickelten Konsumgesellschaft des Ostens zukommen sollte, sobald sie zu den Konsum- und Freiheitssternen greifen würden.

Die Schilderung seiner Eindrücke bei einer Studienreise Laskers in die Schweiz liest man daher heute im Lichte dieser Erfahrungen anders als noch 1982 in der DDR:

„Zürich. Man sitzt im Freien vor dem Kaufhaus in der Bahnhofstraße und verzehrt Pizza mit Trüffeln und Frankfurter Würstchen. Einkaufen als Sport und Freizeithobby. Eigentlich benötigt man nichts. Ein kaum noch zu überbietender Sättigungsgrad. Die Verkaufsindustrie ist täglich zu neuen Werbestrategien gezwungen….Ununterbrochener Konsum macht die Konsumlust schal. Ist das Lustreservoir ausgeschöpft, hat Unlust keine Chance mehr, durch Lust überwunden zu werden. Es folgt der Griff zur harten Droge.“

„Beim Anblick der Einwohner von Zürich: Nach der Theorie bürgerlicher Soziologen rufen das Illusionäre und Unsubstantiierte des kapitalistischen Systems Pseudo-Conceptions und Pseudo-Sentiments hervor, denen keine authentische Erfahrung entspricht. Das Ergebnis müssten Neurotiker sein. Neurotische Zürcher….Im Buchladen. Man bietet die Gesammelten Werke von Thomas Mann, Freud, Zuckmayer, Sartre in handlicher Pappkassette an, nach Hause zu tragen wie ein Köfferchen. Dichtung und Wissenschaft als attraktiv verpackte Ware. Das ist doch effizient. Sicher.“

Ein merkwürdiges Buch. Der Held ein Aussteiger westlichen bürgerlichen Musters. Gesellschaftskritik jenseits des Rasters hie Sozialismus hie Kapitalismus. Angebote von Lebenshaltungen und Weltanschauungen, ohne dass sich die Zensur daran gestört hätte. Die Handlungsebenen disparat, so als habe da einer alles, was ihn beschäftigt, hineingepackt. Ein offenes Ende.

Und das Ganze aus dem Jahr 1982. Ein Midlife-Crisis-Roman, der in den Romanen „Die Stunde der wahren Empfindung“ von Peter Handke (1978), „Rumor“ von Botho Strauß (1980) und „Das Windrad“ von Peter Härtling (1983) seine westdeutschen Pendants hat. Ein bemerkenswerter Beitrag zur deutschen Literaturgeschichte.

Literatur:

Kurt Nowak: Schöner Übermut des Herbstes. Greifenverlag zu Rudolstadt, 2. Auflage 1984

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