Über das Wahre im Wirklichen

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Recht ambivalent sind die Erwartungen, die der Titel des jüngsten Buches erweckt, das der Kulturphilosoph Frank Lisson vorgelegt hat. Wie sollte sich die Suche nach dem Wahren gestalten? Und ist das Wahre im Wirklichen überhaupt zu finden? Oder ist die Weltverlorenheit das Ergebnis einer vergeblichen Suche nach dem Wahren im Wirklichen?

Nach Frank Lisson sind Eitelkeit, Nachahmungstrieb, Profilierungssucht und Karrieregeilheit die Hauptantriebskräfte menschlicher Natur – schlechte Voraussetzungen sowohl für die Erkenntnis des Wahren wie des Wirklichen. Immer manifester legt der Autor mit jeder neuen Seite seines Buches fest, daß der Eigenwert der Erkenntnis uns entschwunden ist, nachdem ihr, wie Lisson meint, kein Blendwerk des Ökonomischen angehaftet werden konnte.

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Die Gefallsucht, resultierend aus den Hauptantriebskräften menschlicher Natur, macht den Menschen somit zum Gefallenen, der vor dem Druck und der Wucht der Massenmeinung kapituliert hat, und zwar ohne wirkliche Not. Die Massenmeinung ihrerseits stützt sich oft auf Kapitalgeber im Hintergrund. Der nicht mehr nach freier Erkenntnis strebende Mensch sucht die Gefolgschaft der Gefallsucht, was nichts anderes ist als die Kapitulation, die Beugsamkeit des Menschen vor dem Kapital. Totaler, erniedrigender und bedingungsloser als jede militärische Niederlage ist die Kapitulation des sich von freier Erkenntnis abwen-denden Geistes vor dem Kapital.

Gedanken und Gefühle des frei denkenden Menschen werden nicht vom Welthauch des Zeitgeistes erfaßt und finden so «in der Welt der übrigen Menschen keinen Resonanzkörper». Die körperliche Erotik braucht einen Liebespartner zur Erfüllung, die gedankliche Erotik einen Denkpartner, um der Weltverlorenheit zu entgehen.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert, jeweils ohne eigenen Titel, von denen jeder in drei Kapitel enthält; im ersten etwa fünfzig Seiten umfassenden Teil versucht Frank Lisson eine Standortbestimmung der Weltverlorenheit und der in ihr Verlorenen, indem er eingangs die Frage stellt: «Wo sind wir, wenn wir in der Welt sind?»

Im zweiten, doppelt so umfangreichen Teil spürt Lisson den Ursachen, den Quell- und Abgründen der Weltverlorenheit nach. Der weitaus größte Teil der Ursachenanalyse ist dem Irre-Werden gewidmet. Darin findet sich eine detaillierte Beschreibung der geistigen Wirrnis im Angesicht der Wirklichkeit und eine Handvoll mehr oder weniger bekannter Irre-Gewordener von Hölderlin bis Walter Benjamin.

Vom Irre-Werden bedroht ist, wem wie dem blinden Sänger Teiresias Einblick in das Betriebsgeheimnis der Welt gewährt wurde. Die Antike, allen voran die griechische, versuchte dem irre-Werden durch den Ausweg der Kunst zu entkommen, das Mittelalter durch religiöse und mystische (Glaubens-) Vorstellungen, der neuzeitliche Mensch «durch Klassifizierung und Verwahrung der erkannten Dinge.» Doch immer sind es synthetische Wirklichkeiten, Schein und Wahn, die das Leben als Trost vor der drohend-unerbitt-lichen ersten Wirklichkeit benötigt.

In unserem industriell-medialen Zeitalter macht eine ganze Unterhaltungsindustrie mit ihrem «Reservoir an Wirklichkeitsversüßern» die Scheinwelt als Schleier vor der Seinswelt erträglich. Doch das Wissen, daß die Scheinwelt eben nicht die wahre Welt ist, läßt uns an der Welt und an uns selbst irrewerden. «In die Irre geht, wer den Weg unausgesprochener Abmachungen und tradierter Übereinkünfte verläßt…» Bei der Gottgläubigkeit stößt der meschliche Erkenntnisdrang an die allem menschlichen Sein unüberwindbare Schranke der Transzendenz:

«Menschen haben Gestalten wie Gott oder andere übernatürliche Superhelden auch deshalb nötig, um das Große ins Unvermeidbare zu erhöhen und also sich selber nicht mehr daran messen lassen zu müssen.»

Das Scheitern der Aufklärung führt zur totalen Ökonomisierung des Lebens und schließlich zur Frage «Wäre es unter den heutigen Umständen überhaupt vorstellbar, daß sich ein Zivilisationsmensch irgendwann einmal existentiell nach dem Abendland sehnen wird, wie sich so viele abendländische Menschen einst nach der Antike sehnten?» Der Hyperion des Friedrich Hölderlin und der Phaeton seines Verehrers und Epigonen Waiblinger sind Beispiele für eine Manifestation der Weltverlorenheit in der Weltliteratur. Weitere Beispiele der Weltverlorenheit findet Lisson bei Mitteilungen und Briefen von Nietzsche, bei Kafka und Heidegger und in Wilhelm Meisters Lehrjahren des Johann Wolfgang v. Goethe.

Der dritte Teil des Buches ist der Synthese aus Symptomen und Ursachen der Weltverlorenheit vorbehalten; doch die Synthese enthält keine Lösung, schon gar keine Erlösung. In dem Kapitel «Erhabenheiten» finden sich noch Sätze wie «Denken und Schreiben anstatt ordentlich zu arbeiten dürfe nur, sagt das Gewissen, wer mit seinem Denken und Schreiben genug Geld verdiene, um davon leben zu können.» Der Streifzug auf der Suche nach Erhabenheiten gerät schnell zur anstößigen Suche nach der Wahrheit, denn er trifft auf die «ungeheure Zerstörungskraft» des gnothi seauton (Erkenne dich selbst) des delphischen Orakels, das allem menschlichen Erkenntnisdrang als mahnender, unübersehbarer Markstein gesetzt ist.

Das Wirkliche trifft in der Zeitgenossenschaft oft das Blödsinnige, im «das große Vergeblich» betitelten Kapitel dämmert die Erkenntnis, daß «der Anspruch auf Wahrheit und Schönheit ins Leere zielt.» – «Leben heißt lavieren, sich einordnen, teilhaben, taktieren.» In Analogie zum Fin de siècle-Lebensgefühl des aus-gehenden 19. Jahrhunderts könnte das beginnende 21. Jahrhundert «chinoisement des siècle» genannt werden, denn die Devise dieser Zeit lautet: Chinesisch werden!

Das letzte Kapitel des Buches ist, wohl als dialektischer Widerspruch, dem Schweigen gewidmet. «Vom Schweigen» zu schreiben, ist von ebenso unmöglicher und utopischer Natur wie von der absoluten Leere zu berichten oder über das Nichts zu referieren. Da es für menschliches Dasein keine Rechtfertigung aus sich selbst heraus gibt, und auch die Kunst des «Maschinenmenschenwesens» der «Selbstgleichschaltung» in einem Kunstbetrieb ausgesetzt ist, bleibt für den Weltverlorenen, der seines geistigen Adels in diesem Betrieb nicht verloren gehen will, nur der Ausweg des Verstummens. «Man ist aus der Welt gefallen und liegt nun irgendwo unauffindbar herum.»

Die Zeit, in der wir vergehen und die erst durch uns und unsere Vergänglichkeit vergeht, wird zeigen, ob der Autor der Weltverlorenheit dem Weg des selbstbeschränkten Verstummens eines Botho Strauß oder eines Rolf Peter Sieferle folgen wird. Der Autor dieser Rezension hofft, daß dem nicht so sei, denn «Schweigen heißt ja nicht unbedingt verstummen; sondern die Ebene wechseln: nicht mehr zu den Zeitgenossen sprechen, sondern zum Menschen überhaupt, der als losgelöster Empfänger die Gesamtheit der Gattung bildet; … Erkenntniskommunikation ohne Selbstdarstellungsakrobatik; denn jedes Sich-herausstellen-Wollen bleibt zwangsläufig in seinen biologischen Prozessen gefangen, die zwar dem Leben und den eigenen Weltbildern nützen mögen, nicht aber der Wahrheit hinter den Bildern.»

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