„Transzendentale Obdachlosigkeit“ (2) – Michel Houellebecq

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 „Es gibt Leute, die an Gott glauben, weil sie die Kirchenmusik so schön finden. Der französische Autor Joris-Karl Huysmans war im 19. Jahrhundert so ein Fall. Ich bin das weniger. Mich überzeugt die Harmonie des Kosmos. Ich halte es mit Kant, den hat auch der gestirnte Himmel überzeugt. Das ist kein Argument, aber ein starker Eindruck.“

Michel Houellebecq

Tatsächlich genügt dem Intellektuellen dieser Eindruck aber nicht, um ein zufriedenes Leben zu führen. Houellebecq wird von ähnlichen Fragen umgetrieben wie Huysmans: Wie kann man sich als Individuum in einer sich selbst zerstörenden europäischen Kultur ohne jegliche Transzendenz einrichten, positionieren? Und: Wohin laufen die abendländischen Gesellschaften? Welchen (Er)Lösungen sind vorstellbar?

Vor dem Hintergrund solcher Fragen wählte Houellebecq mehrfach die Perspektive einer fiktiven Zukunft. Er will einen Weg finden, den liberalistischen, zur Atomisierung führenden Individualismus zu überwinden. Zentral war und blieb für ihn die Frage, wie die abendländischen Menschen aus dieser Sackgasse des Libertinismus wohl herauskommen sollten oder würden. Er erarbeitet sich seine ganz spezielle konservative Haltung quasi autodidaktisch und als Leidender, verrät sich in seinem gesamten Werk als Betroffener ohne Schutzschicht. Anders ist nicht zu erklären, dass er dann auch einmal bei skurrilen Lösungen wie der Unterstützung der Ufo Bewegung der Raelianer, landet. Als Leser verfolgt man den Prozeß seiner Suche mit Anteilnahme und Faszination.

Im Roman Elementarteilchen stellt Posthumanismus den „Ausweg“, d.h. die Überwindung des alten homo sapiens mit seiner Einsamkeit, sexueller Frustration, Leid, Schmerz und Tod durch einen postbiologischen Menschentyps, den Klon, dar. Und jüngst schilderte Houellebecq in Unterwerfung – wiederum aus einer fiktiven Zukunftsperspektive – die Selbstzersetzung der abendländischen Zivilisation durch die (Un-)Kultur der Zerstreuung, des Egoismus, des konsumistischen Materialismus und ihm entsprechende Idole. Die Rettung der alten Welt erfolgt in dieser dystopischen Satire durch den Islam, eine in Europa relativ junge, aufstrebende, konservativtraditionelle Religion, die – an die politische Macht gekommen – mit Skepsis, Relativismus, inhaltsleerer Freiheit, Toleranz und überdrehtem Individualismus Schluß macht, an deren Stelle verbindliche traditionelle – teilweise archaische – Werte und Glaubensinhalte setzt und damit wieder Verbindlichkeit und unhintergehbare Positionen festlegt. Für Houellebecq ist es besonders die bürgerliche, gebildete Mittelschicht, die sich mit den neuen, restriktiven Verhältnissen zu arrangieren entwickeln. Im Roman begibt sich der Protagonist in seiner Verzweiflung auf die Lebensspuren Huysmans, über den er zuvor seine Dissertation geschrieben hatte. Er besucht Kirchen und Klöster in der Hoffnung auf Initiation. Aber er scheitert und läßt sich am Ende ebenfalls von der islamischen Partei korrumpieren.

In einem Interview beruft sich Houellebecq auf Auguste Comte, der voraussagte, daß der Epoche der Aufklärung und der Revolutionen ein neues religiöses Zeitalter folgen würde. „Diesem Gedanken habe ich schon immer zugestimmt. Eine Gesellschaft ohne Religion ist nicht überlebensfähig. Der Laizismus, der Rationalismus und die Aufklärung, deren Grundprinzip die Abkehr vom Glauben ist, haben keine Zukunft. Sie finden in vielen meiner Romane Entwürfe einer neuen Religion.“ Bei jeder Beerdigung spüre er, „daß der Atheismus unseren Gesellschaften unerträglich geworden“, ohne Glaube der Tod nicht auszuhalten sei. Er hätte lieber zwischen 1850 und 1910 gelebt, also zu Huysmans‘ Lebenszeit. „Damals hatte der Kommerz noch nicht alles im Würgegriff. Die Kultur war noch nicht vollständig kapitalisiert. Deswegen ist es eigentlich ärgerlich, dass Huysmans seine Epoche so niedermacht. Sie war viel freundlicher als unsere. Er wusste nicht, was noch kommen sollte.“

Die Beschäftigung mit den beiden großen Männern der französischen Literatur und Seismographen ihrer Zeit legt die Hypothese nahe, daß es sich bei dem religiösen Bedürfnis vieler Menschen um eine conditio humana handelt – dies aber nicht unbedingt im engeren Sinne einer Jenseits-Erzählung. Vielmehr scheint es ein allgemeines Bedürfnis nach Transzendenz zu geben, in der dem Menschen wertvolle Dinge oder/und immaterielle Größen in den Status des Heiligen erhoben sind. Die ursprünglichen Motive zur Erfindung von Schöpfergöttern und ihrer Entourage mögen obsolet sein. Doch moralische Entscheidungen bedürfen zu allen Zeiten ihrer Legitimation auf einer Metaebene. Und in der Gegenwart der rein technischen Vision der totalen Machbarkeit, der völlig abhanden gekommenen gesellschaftlichen Visionen und in einer auf Berechnung, Nützlichkeit und Verwertbarkeit gestützten rationalen Welt suchen viele Menschen nach einer Idee, einem Ideal, einem das nüchterne Alltagsleben übersteigenden Erhabenen.

Sicher wird es noch zu manchem Großangriff auf den gesunden Menschenverstand kommen, aber zumindest im Okzident sind neue Staatsreligionen kaum noch vorstellbar. Eher wahrscheinlich ist, daß sich Menschen zusammenfinden, weil sie ähnliche Vorstellungen von Spiritualität haben – genauso wie sich Menschengruppen zur gemeinsamen Verfolgung materieller Ziele bilden. In absehbarer Zeit ist keine Überwindung der Patchwork-Identitäten des Westens abzusehen. Ob es einmal erneut zur Zurichtung ganzer Gesellschaften nach Maßgabe bestimmter Heiligtümer kommt, dürfte offen sein.

Die Verfassung eines Gemeinwesens – in welcher Dimension auch immer – ist jedenfalls nicht ausreichend, quasireligiöse Wirksamkeit zu entfalten. Vielleicht behält auch der Houellebecq der Elementarteilchen recht, und den hybriden Menschen der postbiologischen Ära, an deren Beginn wir ja stehen, kommt jedes transzendentale Bedürfnis abhanden und erhält sich nur in gesellschaftlichen Nischen: residual und klandestin.

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