Tod und Utopie (2) – Transhumanismus als Möglichkeit?

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Hier geht es zum ersten Teil.

Wir alle kennen alte Menschen, die die Nähe zum Tod und ihre Lebenserfahrung keineswegs zu Weisen gemacht. haben. Sie denken in den gleichen engen Bahnen, in denen sie ihr Leben lang gedacht haben. Sie haben ihren Kindern und Enkeln im Grunde nichts Wichtiges zu sagen. Und glücklich waren und sind sie auch nicht. Nun verbringen und genießen sie bei guter Gesundheit einen Tag um den anderen – in der Überzeugung, dass danach nichts mehr kommt.

Die Sinngebung des Sinnlosen haben sie in der Pflichterfüllung und der Verantwortung für ihre kleine Familie gesehen. Sie haben immer getan, was die Gesellschaft von ihnen erwartet oder gefordert hat: im Nationalsozialismus genauso wie im Sozialismus. Und im Kapitalismus sind sie brave und dankbare Rentner, die über den Zustand der Welt, über Politik und Politiker klagen, aber über die Reflexion auf Stammtischniveau niemals hinausgekommen sind. Wären sie glücklich, wenn sie im gesunden Zustand noch Jahrzehnte oder Jahrhunderte leben könnten, sogar unsterblich wären? Ist Unsterblichkeit die Bedingung der Möglichkeit von Glück? Canetti folgend sind hier Zweifel angebracht: – „Die Kürze des Lebens macht uns schlecht. Es wäre nun erst auszuprobieren, ob eine allfällige Länge des Lebens uns nicht auch schlecht machen würde.“

Als weltliches Gegenstück zu Religionen haben immer wieder auch Gesellschaftsutopien versucht, dem zeitlich befristeten Dasein der unglücklichen Zeitgenossen Sinn und Lebensinhalt zu bieten: ein Leben in Freiheit, Wohlstand und Glück in einer Gesellschaft, die alle Formen der Entfremdung der Menschen von ihren Möglichkeiten, von ihren Mitmenschen und der Natur überwunden hat. Ernst Bloch und Theodor W. Adorno sahen aber auch hier den Tod als Stachel im Fleisch an:

Der Tod stellt in der Tat die härteste Gegenutopie dar. Der Brettschlag am Ende macht mindestens allen unseren individuellen Zweckreihen ein Ende, entwertet also auch das Vorher.

Ernst Bloch

Adorno darauf: „Utopisches Bewusstsein meint ein Bewusstsein, für das also die Möglichkeit, dass die Menschen nicht mehr sterben müssen, nicht etwas Schreckliches hat, sondern im Gegenteil das ist, was man eigentlich will.“ Utopie sei an sich ambivalent: „Es gibt in der ganzen Utopie etwas tief Widerspruchsvolles, nämlich dass sie auf der einen Seite ohne die Abschaffung des Todes gar nicht konzipiert werden kann, dass aber auf der anderen Seite diesem Gedanken selber – ich möchte sagen – die Schwere des Todes und alles, was damit zusammenhängt, innewohnt.“

Heißt das: Auch in einer idealen Gesellschaftsform würde der über alles entscheidende Glücksfaktor fehlen, wenn an der Sterblichkeit der Menschen nichts geändert werden könnte? Müßte jede gegenwärtige und zukünftige Gesellschaftsutopie notwendig eine drastische Lebensverlängerung, wenn nicht gar Unsterblichkeit verheißen? Ein kühner Gedanke!

Und er wird gedacht. In amerikanischen Think Tanks wie der Singularity-Universität im Silicon Valley arbeiten Wissenschaftler unter dem Transhumanisten Ray Kurzweil daran, den lang gehegten Menschheitstraum von Unsterblichkeit in absehbarer Zeit zu realisieren. Die Verbindung von künstlicher Intelligenz mit dem menschlichen Körper halten sie für die logische Fortführung der Evolution. Der Transhumanismus soll in den Rang einer neuen, zeitgemäßen Religion erhoben werden – vorerst ohne Gott, wie Kurzweil augenzwinkernd bekennt.

Die Wissenschaftler stellen sich vor, daß über mehrere Teilschritte hinweg (Roboterisierung, Gehirn-ComputerSchnittstelle, Fusion von Kybernetik, Neurologie, Robotik, Nanotechnologie und Genetik) der neue Mensch das Licht der Welt erblicken kann. Er soll zu gleichen Teilen aus organischen und technischen Elementen bestehen. Damit wird zunächst die Lebensdauer dieses Menschen erheblich verlängerbar und seine Fähigkeiten gesteigert. Im nächsten Schritt soll es möglich werden, ein organisches Gehirn in einen Cyborg zu verpflanzen und dadurch Unsterblichkeit zu erlangen. Wird dann auch noch der gesamte „Inhalt“ eines Gehirns in einen Computer download- und der „Körper“ auswechselbar, bleibt vom alten Homo sapiens im Grunde kaum noch etwas übrig. Evolution besteht dann in der gezielten Schöpfung neuer Intelligenzen.

Es ist fast überflüssig, darauf zu verweisen, daß sich hinter solchen Plänen ein mechanistisches, krude-materialistisches Welt- und Menschenbild verbirgt. Sie stellen eine Abkoppelung von den großen metaphysischen Erzählungen in der Menschheitsgeschichte, eine Absage an jegliche Spiritualität und ein einseitiges Anknüpfen an die naturwissenschaftlich-technische (im weiten Sinne aufklärerische) Tradition des Abendlandes dar– eine Machbarkeitsideologie im Paradigma der MenschMaschine von La Mettrie aus dem Jahre 1748.

Camus und Canetti, Adorno und Bloch würden sich mit Grausen abwenden. Wir Heutige hingegen und erst recht die Menschen von morgen werden über die alles durchdringende Digitalisierung peu à peu an das neue Menschenbild des technisch aufgerüsteten Homo sapiens herangeführt.

Unsterblichkeit ist für den „natürlichen“ Menschen nicht erreichbar. Dabei bleibt es wohl. Aber das Ziel hat nichts von seiner Verführungskraft verloren, und Wissenschaftler können nun mal nie der Versuchung widerstehen, alles zu machen, was machbar ist. Womit wir bei aller Hybris tatsächlich rechnen müssen, ist die technische und pharmakologische Aus- und Verbesserung und Ergänzung heutiger Menschen bzw. deren Nachkommen („Enhancement“). Das heißt: Diejenigen, die sich diesen Service leisten können, bekommen die Möglichkeit, ihr Leben bei akzeptabler Gesundheit zu verlängern – mit allen Folgen, die das sozial haben wird. Der Erfinder des transhumanistischen Konzeptes Ray Kurzweil macht es schon einmal im Rahmen heutiger Möglichkeiten vor: wie er selbst angibt, nimmt er täglich einen enormen Nahrungsergänzungscocktail zu sich, um den Zeitpunkt seiner Prognose der Singularity – um 2045 herum – noch in seiner alten physischen Hülle zu erleben.

Muß sich ein moderner, kulturrevolutionärer Ansatz nun auf die Seite Heideggers schlagen und zum Anwalt des Todes werden? – Die Diskussion ist eröffnet.

 

Literatur

  • Albert Camus: Caligula. In: Sämtliche Dramen. Rowohlt 2014.
  • ders.: Der glückliche Tod. Rowohlt 1996.
  • Elias Canetti: Über den Tod. Hanser 2003.
  • Gespräch Ernst Bloch – Theodor W. Adorno: Über Möglichkeiten von Utopie heute. SWR 1964.
  • Tobias Hülswitt/ Roman Brinzanik (Hrsg.): Werden wir ewig leben? Gespräche über die Zukunft von Mensch und Technologie. Suhrkamp 2010.
  • Miriam Ji Sun/Andreas Kabus (Hrsg.): Reader zum Transhumanismus. BoD Berlin 2013.
  • Stefan Lorenz Sorgner: Transhumanismus. Die gefährlichste Idee der Welt? Herder 2016.

2 KOMMENTARE

  1. Dieser Aufsatz, der den Stand der Hirnforschung zu dieser Frage zusammenfasst, ist m.E. ebenfalls sehr lesenswert:
    https://aeon.co/essays/your-brain-does-not-process-information-and-it-is-not-a-computer
    Die Transhumanisten gehen demnach von einer falschen Analogie aus, wenn sie behaupten, dass das Gehirn ein Datenspeicher und das Bewusstsein eine Gruppe von Algorithmen sei. Vom neurowissenschaftlichen Standpunkt aus sei der Ansatz der Transhumanisten zum Scheitern verurteilt.

  2. Die ganze Diskussion krankt an der grundsätzlichen Schwäche, nicht eingrenzen, also nicht definieren zu können, was selbstreflexives Bewusstsein, also “der Mensch”, eigentlich ist. Solange das nicht sinnvoll definiert wird oder werden kann, erübrigt sich jegliches Fabulieren über das dazugehörige “Trans-“.
    Analoges gilt für den Tod – was auch Leute wie Camus nicht erkannt haben, weshalb sie sicherlich keine “radikalen Denker” waren. Denken, das wirklich zur Radix reicht, betrachtet sich selbst und stellt sich so quasi automatisch in Frage, transzendiert sich also und verschwindet schließlich – idealerweise – sogar.
    Erst dann kann sich “Sinn” wirklich, das heißt als lebendige Seinsqualität, offenbaren. Alles andere ist hohles theoretisches Geschwafel.

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