Subkultur – Ultras, eine Suche nach Identität

0

Wer hat noch nicht von ihnen gehört, den berühmt-berüchtigten Ultragruppen, die bei Fußballspielen für ihr fanatisches und teils martialisches Auftreten bekannt sind: Bengalische Feuer, tribünenüberspannende Choreographien und gelegentliche Gewaltexzesse prägen das medial kolportierte Bild.

Schätzungen zufolge organisieren sich mehrere zehntausend junge Erwachsene in Deutschland in ebenjenen Gruppierungen, und man darf mit Fug und Recht behaupten, dass keine andere Subkultur eine derart breite und enthusiastische Gefolgschaft besitzt. Ein weit verbreiteter Slogan lautet: „In den Farben getrennt, in der Sache vereint“. Welche Sache steht hier im Vordergrund und warum lassen sich junge Menschen in Scharen mobilisieren, wenn es um etwas vermeintlich Nebensächliches wie Fußball geht?

Da es sich bei Anbruch primär um Identitätsfragen dreht, sollen die folgenden Ausführungen verdeutlichen, auf welche Art und Weise sich „die“ Ultras selbst sehen, ihre gruppenbezogene Identität bilden und aufrechterhalten. Es wird  dabei durchaus bewusst pauschalisiert und verallgemeinernd über „die Ultras“ gesprochen. Klar ist, dass innerhalb der Szene auch differenzierte Standpunkte vertreten werden. Im Blickpunkt steht an dieser Stelle lediglich ein Überblick über die vorherrschenden Geisteshaltungen zum Thema „Identität“.

Die Ultragruppe als Lebensmittelpunkt

Der Fokus der Ultras liegt nicht wie man vielleicht zunächst vermuten mag, beim Verein selbst, sondern auf der Gruppe. Soziologisch handelt es sich hierbei also um eine höchst „konstruierte“ Sache, um eine künstlich um einen (Fußball-)Verein entstandene fanatische Fangruppierung. In Deutschland zeigt sich seit einigen Jahren der Trend, dass die meisten Gruppen, vor allem im Westen der Republik, deutlich nach links gedriftet sind, was sich zum Beispiel an der kompletten Ablehnung der Unterstützung von Spielen der Nationalmannschaft (hinsichtich des Marketings und des Verhaltens des DFB auch durchaus nachvollziehbar) oder an Refugees-Welcome Plakaten zeigt. Die quasi sakrale Unhinterfragbarkeit der Gruppenidentität führt zu teils absurden Geisteshaltungen, die in einer Art Pseudorebellion gegen „Staat“, „Verband“,  „Kommerz“ und „Bullen“ verkrustet. Das binäre Schwarz-Weiß-Denken feiert durch gegenseitiges Schulterklopfen bei gemeinsamen Fahrten und den dort intonierten Gesängen eine fröhliche Renaissance. Doch warum handelt es sich um eine Pseudorebellion?

Die Ultragruppen inszenieren sich selbst gern als stahlharte Kämpfer gegen den modernen Fußball (omnipräsente Kommerzialisierung, absurde Gehälter und Fernsehgelder etc.) und erzeugen durch ihr oftmals martialisches Auftreten in und um das Stadion (Märsche zum Stadion, kritische Plakate gegen Vereine und Verbände) die Illusion, den „Herrschenden“ zumindest symbolisch entgegenzutreten und diese herauszufordern, um das Rad des völligen Ausverkaufs zurückzudrehen. Es ist banal festzustellen, dass junge Heranwachsende in postmodernen Gesellschaften händeringend auf der Suche nach kollektiven Identitäten sind, und was böte sich für vor allem junge Männer besser an als die Ultra-Welt? Ein bisschen Gewalt hier, ein wenig Poserei dort, starke und abgrenzbare Gruppenidentität da, Zusammenhalt, Erlebnis… die Aufzählung ließe sich wohl endlos fortsetzen. Hier wird es interessant, lässt sich die Subkultur der Ultras doch nicht ohne weiteres mit anderen von jungen Erwachsenen dominierten Subkulturen vergleichen. Die Gruppenidentität ist weit stärker ausgeprägt ist als z.B. bei Punks und Rock-Fans, da sie die jeweiligen Gruppen durch Aufopferungsbereitschaft tief in das private Leben des Einzelnen eingreifen. Ein weiterer Grund für die große Attraktivität scheint deshalb auch die heute fast totale Abwesenheit oben genannter Jugendsubkulturen zu sein, die noch in den 70er, 80er und 90er Jahren weite Teile der Jugend in Europa für sich begeistern konnten.

Käme man mit einem Durchschnittsultra über Identität, Herkunft und Tradition ins Gespräch, würde er diese für eine Persönlichkeit essentiellen Lebensbereiche ohne weiteres auf das Vereinsumfeld und die dort gesammelten Kindheitserinnerungen sowie seine Gruppe und die dort erfahrene Solidarität und Geborgenheit beziehen können. Natürlich sei man stolz auf die Geschichte der Gruppe, die erbeuteten Fanmaterialien gegnerischer Vereine, die tollen Choreographien und die lebenslang geschlossenen Freundschaften. Dinge, die für den Ultra-Lifestyle selbstverständlich sind, wenn man zum harten Kern dazugehören will (totale Solidarität in allen Situationen, Gruppeninteresse vor Eigeninteresse auch bei familiären Verpflichtungen, männliches und starkes Erscheinungsbild, Verteidigen der als heilig geltenden Zaunfahnen und Gruppenkleidung, lebenslange Verbundenheit auch bei altersbedingtem Herauswachsen aus der Szene) gelten unhinterfragt und konstituieren die innere Kohärenz des gesamten Sozialgefüges der Gruppe. Hinzu kommt, dass Fans, die ein Stadionverbot erhalten haben, szeneintern sozusagen zu Märtyrern erhoben werden, die sich für den Ruf der Gruppe geopfert haben.

Überpersönliche und quasi-transzendente Attribute wie Mut, Aufopferungsbereitschaft, Ehre und Stolz werden immer noch, zumindest in diesem Zusammenhang, als grundlegend und positiv betrachtet und dementsprechend ausgelebt sowie durch die Gruppe einerseits und szeneübergreifenden Applaus für eine gelungene Pyroaktion o.ä. andererseits honoriert.

Gefangen in der Schlinge der Zeitgeistes

Die oben genannten Werte und Überzeugungen gelten jedoch im Kontext von organisch gewachsenen Gemeinschaften wie Völkern, Kulturen und Nationen als völlig überholt und werden intern, falls überhaupt zum Thema gemacht, der Lächerlichkeit preisgegeben. Die Paradoxie ist leicht zu erkennen, denn die Ultras sind stolz auf errungene Siege,  gewonnene Titel und Pokale (zu denen sie in sportlicher Hinsicht niemals etwas aktiv beigetragen haben) und halten das für so selbstverständlich, dass einige von ihnen sich diese Trophäen sogar unter die Haut stechen lassen. Der gleiche Typus aber scheint unfähig zu sein, die Werte, für die er selbst steht und die täglich vorgelebt werden (sollen), auf das große Ganze zu beziehen und dabei seine Echokammer zu verlassen, in der es wichtiger ist, welche Szene die stärkste Reputation genießt und welche Aktionen man bringen kann, um den Gegner zu übertrumpfen oder zu demütigen.

Szeneinterne Hassobjekte, an denen man sich abarbeiten kann (Red Bull Leipzig, 1899 Hoffenheim) weil sie für den modernen Fußball stehen, werden gerne mit dem Gesang „Die Tradition schlägt jeden Trend“ abgefertigt. Auch hier gilt der Doppelstandard: Tradition beim Fußball = gut / Tradition allgemein = tendenziell verabscheuungswürdig. Man verrennt sich mit seiner ganzen jugendlichen Schöpferkraft in ebenjener künstlich aufgeblasenen Pseudorebellionssackgasse und tut dabei so, als riskiere man tatsächlich etwas. Man kann noch so viel von Bullenrepression und Kommerz reden (und dabei marxistisch angehauchte Plattitüden von sich geben): Anders als aufrichtige Europäer und Patrioten riskieren sie ungefähr so viel als verwechsele man morgens beim Zähneputzen Aronal und Elmex.

Viele Ultras haben ihr ganzes Leben dem Ultra-Sein vermacht, und ihre „Betriebsblindheit“ sowie die damit zusammenhängende Beratungsresistenz machen sie nahezu komplett unempfänglich für die wirklich wichtigen Fragen unserer Zeit. Stattdessen geht es um belanglose Nichtigkeiten, nach denen in wenigen Jahren kein Hahn mehr krähen wird, wenn die jetzt schon fragmentierte Gesellschaft vollends erodiert. Man bleibt doch ratlos zurück, denn an Engagement, Durchsetzungsvermögen und Herzblut fehlt es den Burschen wirklich nicht. Sie sind einem zweifelsohne attraktiven Identitätssurrogat erlegen. Dass das fast unausschöpfbare Potential dieser jungen Menschen beim Zurechtbasteln von Papptafeln oder dem Ausspähen und Angreifen gegnerischer Fanbusse verpufft, ist traurig, weil genau diese Verve nötig wäre, um den großen Herausforderungen unserer Generation mit angemessenem Mut die Stirn zu bieten. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die Jugend noch die Kraft aufbringt, für die Zukunft Europas anstatt für seinen Fußballverein aufzustehen.

Weiterführend

Gate 8 – Ultras Nürnberg (https://www.youtube.com/watch?v=UcM-2FJ2Bos)

Ultras in Deutschland – Sky Dokumentation (https://www.youtube.com/watch?v=02nfsZANEyc)

Literatur:

Jonas Gabler, Die Ultras, Köln 2011.

Martin Thein/Jonas Linkelmann, Ultras im Abseits? Porträt einer verwegenen Fankultur, Göttingen 2013.

Titelbild: WikimediaCommons, Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0)