Stefan George: Von Kultur und Göttern reden

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Als der Klett-Verlag zu Ende des letzten Jahres damit warb, beinahe pünktlich zum 150. Geburtstag von Stefan George bisher Ungehobenes aus dem Nachlass des Dichters zutage fördern zu wollen, durften Kenner gestutzt haben: Was würde sich schon zu Tage fördern lassen an Unbekanntem aus dem Werk eines Mannes, dessen Erben nicht wenige Autographen eigenhändig vernichteten, um den Mythos ihres Meisters zu nähren?

Eines immerhin, falls es ihm zuvor denn noch zweifelhaft gewesen sein sollte, mag selbst der flüchtigste Leser dieser gewissenhaft erarbeiteten Kompilation entnehmen: Dass jener Stefan George, der ‚Im Jahr der Seele‘, im ‚Seelied‘ aus dem ‚Neuen Reich‘ und anderswo nicht müde wurde, wahlweise „götterknaben“ oder „fern im licht geheiligte efeben“ zu besingen, seinerseits kein Wunderkind war.

Kein Wunderkind: Stefan George in jüngsten Jahren

Zumindest keines im Metier der Dichtung, kein „Peter Pan der Lyrik“, zu dem Adorno später für seine Verhältnisse recht reißerisch Hugo von Hofmannsthal umtaufen sollte. Noch die 1890 entstandenen ‚Hymnen‘ offenbaren, bei allen ebenso mitschwingenden und später sämtlich eingelösten poetischen Versprechen, mitunter erstaunliche Holprigkeiten des immerhin 22-Jährigen.

Früher entstandene und im vorliegenden Band aufgenommene Gedichte, das läppische ‚Rosen und Disteln‘ von 1887 etwa, bestätigen diesen Eindruck. Nicht alles jedoch, was Eingang gefunden hat in die umfangreiche, von Ute Oelmann herausgegebene Zusammenstellung, wird dem Novitätsanspruch gerecht, den der Untertitel „aus dem Nachlass“ erhebt: ‚Nova Apocalypsis‘ etwa, Georges antisozialistisches Spottpoem auf den modernen Menschentypus, ist seit geraumer Zeit ebenso bekannt wie der von Hölderlin inspirierte Vierzeiler ‚Lang ist gang in gleicher spur.‘

Umso brennender muss ‚Von Kultur und Göttern reden‘ seine Leser folglich dort interessieren, wo tatsächlich bisher selten oder nie gesichtete Verse des Meisters zum Vorschein kommen: So etwa jene, die George 1902 in der Münchner Wohnung seines Förderers Karl Wolfskehl – in der Römerstraße 16 – vorträgt, woraufhin Maximilian Kronberger, damals noch ein Mensch aus Fleisch und Blut, sie kurzentschlossen abstenographiert:

Da mich das schiff zurück aus landen brachte

Wo ich mit götterkindern sprach und lachte

Kann ich die kalte heimat nicht mehr lieben

Ich fühle um mich nur gewirr und leere

Und du mein trost! Hin über breite meere

Wie find ich dich, wie bist du mir geblieben.

 

Stefan George und Hugo Zernik

Wer kennt ihn nicht und wer würde ihn in diesen Versen nicht wiedererkennen, den Zwiespalt zwischen bürgerlicher Tristesse und dem „Feenland der Lieder“? Doch lassen sich im Falle Georges, der zeitweise mit dem Gedanken einer Auswanderung nach Mexiko – in das Geburtsland seines Kommilitonen Porfirio Penafiel – gespielt hatte, die fernen Lande und die kalte Heimat wohl auch konkreter und geographisch statt allein ideell zuordnen. Eine weitere Querverbindung ließe sich ausgehend von diesem bisher weithin unbekannten Gedicht zu Versen herstellen, die George wenige Jahre später an den 14-jährigen Argentiniendeutschen Hugo Zernik – abermals über die weite See hinweg – richtet, um sie schließlich in den ‚Siebenten Ring‘ (1907) aufzunehmen:

Uns trennen mehr noch als die ewigen wogen

Von unsrem geist die weit sich fliehenden bogen.

Doch deine zarten tränen dankend ehre

Ich über kluft der jahre träume meere.

Eine lohnende Lektüre ist der Band trotz der liebenswürdigen déformation professionelle seiner Herausgeberin – Archivare schweigen eben auch dort nicht, wo es nichts zu sagen gibt – allemal. Wegen der wenigen, aber desto kostbareren unveröffentlichten Verse, wegen der gekonnten Ausflüge des polyglotten Mystagogen ins Englische, aber auch dank einiger Proben fraglos vorhandenen aphoristischen, teils auch humoristischen Talents: So quittiert George ein Bühnenstück des Dramatikers Fritz von Unruh mit der treffenden Kürzestbeleidigung „Gespieener Claudel!“

Ute Oelmann (Hrsg.), Stefan George. „Von Kultur und Götter reden“ Aus dem Nachlass, Stuttgart 2018.

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