Stefan George (VI) – Sprich nicht immer

0

Im Widmungsgedicht an Hugo von Hofmannsthal aus dem ‘Jahr der Seele’ wagt Stefan George die selbstbewusste Vorhersage, dass dem österreichischen Gefährten künftig wohl “nie wieder strofen so im ohr” mehr donnern würden wie die seinen. Tatsächlich scheinen es nicht wenige Verse aus Georges Feder darauf anzulegen, als Naturgewalten – schroff und urwüchsig – wahrgenommen zu werden, vom Dichter nur mit äußerster Mühe im stilistischen Zaum gehalten. Robert Boehringer indes hebt, wenn er die Stimme seines Meisters als zugleich “harnischhart und zart” besingt, auf eine weitere Facette ab, die nur selten und dafür umso entwaffnender unter dem Kettenhemd des sendungsbewussten Propheten hervorblitzt.

Um das geläufige Zerrbild von George als fluchschleuderndem Eiferer zugunsten einer differenzierteren Betrachtung aufzubrechen, empfiehlt es sich, vor allem sowohl die Ursprünge als auch späteste Ausläufer seiner literarischen Produktion ins Visier zu nehmen: die gemütvollen Liebesgedichte etwa an Ida Coblenz oder volksliedhafte Anklänge im ‘Neuen Reich’ bis hin zum – durch Wendelin Bitzan würdig vertonten – ‘Du schlank und rein wie eine flamme‘, dem letzten Gedicht der Gesamtausgabe. Eines der geglücktesten unter Georges entharnischten Werken – aus dem ‘Buch der hängenden Gärten’ von 1895 – erzählt auf denkbar minimalistische Weise von Vergänglichkeit und Umgestaltung.

 

Sprich nicht immer

Von dem laub ·

Windes raub ·

Vom zerschellen

Reifer quitten ·

Von den tritten

Der vernichter

Spät im jahr.

Von dem zittern

Der libellen

In gewittern

Und der lichter

Deren flimmer

Wandelbar.

 

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here