Stefan George (V) – Der Widerchrist

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In seiner – je nach Zählung – achten oder aber siebenten Gedichtsammlung, dem ‘Siebenten Ring’ von 1907, überlässt Stefan George noch weit weniger dem Zufall als sonst und ohnehin schon: Der Band besteht aus sieben Abschnitten, in denen Werke gruppiert sind, deren Anzahl jeweils ein Vielfaches von Sieben beträgt. Werden im ersten Sektor unter dem Titel ‘Zeitgedichte’ noch einzelne historische Figuren – unter ihnen Dante, Nietzsche und Böcklin – rückblickend als Felsen in der täglich ordinäreren Brandung der Zeitläufte besungen, so wirft George im nächsten Kapitel – ‘Gestalten’ – mit dem ‘Widerchristen’ einen breit rezipierten Blick in die nähere Zukunft.

Wiederholt wurde die akkurat durchformte Prophetie – in der verschiedene biblische Motive vom alttestamentarischen Sinaibund (“…dort kommt er vom berge…”) über die Hochzeit zu Kana (er wandelt in wein / Das wasser…”) bis hin zu den Fanfaren des Jüngsten Gerichts (“Und schrecklich erschallt die posaune.“) miteinander verflochten sind – als prägende Lektüre für Claus von Stauffenberg hervorgehoben, der 1923 gemeinsam mit seinem Bruder Berthold in den Kreis eingeführt worden war. Robert E. Norton publizierte 2009 in der ZEIT einen Essay unter dem Titel ‘Lyrik und Moral‘, der Stauffenberg hohe Anerkennung aus-, George aber zugleich jeglichen Einfluss auf das Attentat seines bekanntesten Jüngers abspricht. Die in ihrer Pennälerhaftigkeit geradezu anrührende Beweisführung des amerikanischen Germanistik-Professors liest sich wie folgt:

“Schaut man zum Beispiel in die Wortkonkordanz zur Dichtung Stefan Georges, die die 18-bändige Gesamtausgabe seiner Werke erfasst, so sucht man vergebens nach den Stichwörtern “Verschwörung”, “Umsturz” oder “Staatsstreich”. Keines taucht auch nur ein einziges Mal auf. Ebenso fehlen “Aufstand”, “Putsch” und “Komplott”; nirgends findet man “Attentat”, “Revolution”, “Umwälzung” oder dergleichen.”

Atmen wir nun tief durch, unterdrücken wir den mitunter gesunden Impuls zur Diskursverweigerung und tun das, was man mit überseeischen Kapazitäten in geistigen Dingen gelegentlich tun muss: Nehmen wir Norton bei der Hand und helfen wir ihm auf die Sprünge: Es einem phonetischen Feinköstler wie George allen Ernstes vorzuhalten, so wenig sangbare Vokabeln wie “Putsch”, “Umwälzung” oder “Staatsstreich” in seinen Dichtungen unberücksichtigt gelassen zu haben, bedarf der weiteren Kommentierung nicht. Was diese von Norton vermissten Begriffe allerdings meinen, kann man sowohl im Werk des Dichters als auch in seinen anderweitigen Verlautbarungen vielfach beschworen finden.

Zumindest dann, wenn sich die Suche – wie man es in akademischen Umfeldern erwarten können sollte – nicht darin erschöpft, literarische Wortkonkordanzen auf willkürlich ausgewählte Wendungen hin zu überfliegen. Im Gedicht ‘Der Täter‘ etwa aus dem ‘Teppich des Lebens’ werden – obschon es keines der aufgezählten Signalworte enthält – die letzten Gedanken des Verschwörers am Vorabend einer Tat geschildert, die er im vollen Bewusstsein darüber auszuführen gedenkt, dass seine Mitwelt sie nicht als selbstloses Opfer, sondern als zu sühnenden Verrat begreifen wird: “Dann werden verfolger als schatten hinter mir stehn / Und suchen wird mich die wahllose menge die steinigt.” Allein diese Fundstelle lässt Termini wie “Umsturz” oder “Attentat” für Georges Vorstellungswelt deutlich weniger fremd wirken, als Norton seine Leser glauben machen will.

Und auch die im ‘Neuen Reich’ von 1928 geweissagte Führergestalt, die für eine Sprengung der Ketten oder wahlweise für die Befreiung eines unterjochten Volkes aus der “fessel des fröners” Sorge tragen soll, lässt auf bedächtigen Reformismus ebenso wenig schließen wie ein später, von Robert Boehringer zitierter Ausspruch Georges: “Hätte ich, zwanzigjährig, 20.000 Soldaten gehabt, ich hätte alle Potentaten Europas verjagt.” Offenbar bereits 45-jährig altersweise geworden, rückt der Dichter 1913 zu Gunsten der Substanz von der bloßen Zahl ab: “Fleht nicht um schnellern zuwachs grössrer macht: / Die krönungszahl birgt jede möglichkeit.” Warum gesamte Divisionen in seine Gewalt bringen wollen, wenn auch der Einfluss auf noch formbare Einzelne genügen kann, um dem Rad der Geschichte zu gegebener Stunde in die Speichen zu greifen?

Die Krönungszahl birgt jede Möglichkeit: Stefan George mit Claus und Berthold von Stauffenberg 1924 (ARD-Screenshot).

Zu den Gedichten Georges, die augenfällige Bezüge zum ‘Widerchristen’ aufweisen, zählt neben ‘Nova Apocalypsis‘ (1919) – einer im direkten Vergleich regelrecht salopp anmutenden Behandlung des Endchrist-Stoffes – nicht zuletzt das kryptische Dialoggedicht ‘Der Mensch und der Drud‘, das den blinden Triumphalismus der zivilisatorischen Weltbemächtigung entlarvt: “Die schätze hoben wir von see und grund”, teilt der Mensch dem Druden – einem urwüchsigen Wesen aus mythischer Sagenfrühe – dort überlegen mit, “zum himmel rufen steine unsre siege.” Auch der Widerchrist wird in der siebten Strophe als Erscheinung kenntlich gemacht, der es an Schätzen nicht mangele. Dass jedoch der Verzicht auf nachhaltiges “säen und baun” bei gleichzeitigem Verschleiß “gespeicherter kräfte” ein unwirtliches Ende verheißt, bleibt die wesentliche Mahnung des Druden: “Wär nur dein geist am werk gewesen: längst (…) / Wär euer holz verdorrt und saatfeld brach.”

Spricht in der ersten Strophe von Georges ‘Widerchrist’ noch die verblendete Masse über ihren vermeintlichen Erlöser, so übernimmt ab der zweiten dieser höchstselbst das Wort und gibt es bis zum letzten Vers nicht wieder ab. In acht Terzetten breitet der falsche Heiland seine Verachtung für die ihm Verfallenen aus: “O könntet ihr hören mein lachen bei nacht.” Nicht am hellichten Tag und schon gar nicht vor Mikrofonen oder im Plenum, sondern lediglich unter vier Augen gegenüber Albert Speer soll Hitler im März 1945 versichert haben, das deutsche Volk verdiene nichts anderes als den Untergang. Neben Stauffenberg, der die Verse in ihrem makaber tänzelnden Daktylus vor dem 20. Juli gleich mehrfach rezitierte, las auch Henning von Tresckow das Gedicht im engeren Freundeskreis – wenige Tage bevor das Wachbataillon in der Nacht zum 21. Juli den siebentletzten Vers von Georges Vision durch eine Gewehrsalve auf seinen Adepten vollstreckte: “Zu grund mit dem rest der empörer!

Macht Bahn für den Zug des Erstandnen: Bodenschatz zwischen Hitler und Stauffenberg im Juli 1944 (ZDF-Screenshot).

 

 

DER WIDERCHRIST

 

»Dort kommt er vom berge · dort steht er im hain!

Wir sahen es selber · er wandelt in wein

Das wasser und spricht mit den toten.«

 

O könntet ihr hören mein lachen bei nacht:

Nun schlug meine stunde · nun füllt sich das garn ·

Nun strömen die fische zum hamen.

 

Die weisen die toren – toll wälzt sich das volk ·

Entwurzelt die bäume · zerklittert das korn ·

Macht bahn für den zug des Erstandnen.

 

Kein werk ist des himmels das ich euch nicht tu.

Ein haarbreit nur fehlt und ihr merkt nicht den trug

Mit euren geschlagenen sinnen.

 

Ich schaff euch für alles was selten und schwer

Das Leichte · ein ding das wie gold ist aus lehm ·

Wie duft ist und saft ist und würze –

 

Und was sich der grosse profet nicht getraut:

Die kunst ohne roden und säen und baun

Zu saugen gespeicherte kräfte.

 

Der Fürst des Geziefers verbreitet sein reich ·

Kein schatz der ihm mangelt · kein glück das ihm weicht ..

Zu grund mit dem rest der empörer!

 

Ihr jauchzet · entzückt von dem teuflischen schein ·

Verprasset was blieb von dem früheren seim

Und fühlt erst die not vor dem ende.

 

Dann hängt ihr die zunge am trocknenden trog ·

Irrt ratlos wie vieh durch den brennenden hof ..

Und schrecklich erschallt die posaune.

 

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