Stefan George (III) – Blaue Stunde

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Was den Sängern Gershwins „Summertime“ und den Malern ihr Arkadien, das ist den Lyrikern wohl am ehesten die ‚Blaue Stunde‘ der Dämmerung nach dem Sonnenuntergang bis zum Eintritt der vollkommenen nächtlichen Dunkelheit. Weder Ingeborg Bachmann noch Gottfried Benn kamen in ihren Werken an diesem Phänomen vorbei; und auch Stefan George hat ihm Verse gewidmet, die im 1899 veröffentlichten – und von Melchior Lechter prunkvoll ausgestalteten – Band ‚Der Teppich des Lebens‘ Aufnahme fanden.

Georges Freund und Interpret Ernst Morwitz berichtet in seinem 1969 erschienenen Werkkommentar, das Gedicht erzähle von gemeinsam mit dem Maler-Ehepaar Lepsius verbrachten Abendstunden in einem Garten des Berliner Westend: Zwar zieht die kostbare Zeit dort schneller vorüber, als es den versammelten Gefährten lieb sein kann, doch wird sie – die stimmig mit hellen Vokalen anhebt und folgerichtig in dunkleren verschwebt – als Entgelt für ihre bleichen, weniger erfüllten Schwesterstunden unterschwellig nachwirken.

BLAUE STUNDE

Sieh diese blaue stunde

Entschweben hinterm gartenzelt!

Sie brachte frohe funde

Für bleiche schwestern ein entgelt.

Erregt und gross und heiter

So eilt sie mit den wolken – sieh!

Ein opfer loher scheiter.

Sie sagt verglüht was sie verlieh.

Dass sie so schnell nicht zögen

So sinnen wir · nur ihr geweiht –

Spannt auch schon seine bögen

Ein dunkel reicher lustbarkeit.

Wie eine tiefe weise

Die uns gejubelt und gestöhnt

In neuem paradeise

Noch lockt und rührt wenn schon vertönt.

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