Stefan George (II) – Vor der Wende

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Nach Stefan Georges zumindest in seiner Außenwirkung bedeutendstem Gedicht muss man im kommerziell erfolgreichsten Band des Symbolisten nicht mühsam suchen: Mit seiner spätherbstlichen Vision eines totgesagten Parks, der trotz dieser üblen Nachrede dem andächtigen Betrachter rechtzeitig vor Wintereinbruch noch innige Naturerfahrungen beschert, eröffnet der Dichter 1897 sein ‚Jahr der Seele‘ – und korrigiert sich dort insofern, als er die „alten bilder“, denen er ein Leben lang nachhängen wird, nun nicht mehr sämtlich „mit den toten“ schlummern, sondern sie vereinzelt auch in seine eigene Gegenwart hineinlugen sieht.

Dabei kann ihn dieser erfreuliche Sinneswandel auch ‚Im Jahr der Seele‘ an keiner Stelle darüber hinwegtäuschen, dass das Zeitfenster für die Ernte der bereits überreifen Früchte ein denkbar schmales bleibt. Von der unverhofften Gunst dieser flüchtigen Stunde, vor allem aber von ihrem unmittelbar bevorstehenden Ende erzählt ein weniger bekanntes Gedicht aus der genannten Sammlung, mit dem wir unsere Vorstellungsreihe fortsetzen: Die Blütenkelche haben sich bereits geschlossen, die Wespen sind zu fernen Aufenthalten fortgeflogen. Und dennoch hat der Dichter eine letzte Fahrt frei durch totgeglaubtes Terrain, bevor der beschirmende Damastschleier fällt.

 

Nun säume nicht die gaben zu erhaschen

Des scheidenden gepränges vor der wende ·

Die grauen wolken sammeln sich behende ·

Die nebel können bald uns überraschen.

 

Ein schwaches flöten von zerpflücktem aste

Verkündet dir dass lezte güte weise

Das land (eh es im nahen sturm vereise)

Noch hülle mit beglänzendem damaste.

 

Die wespen mit den goldengrünen schuppen

Sind von verschlossnen kelchen fortgeflogen ·

Wir fahren mit dem kahn in weitem bogen

Um bronzebraunen laubes inselgruppen.

 

Auf ihre wohl einsamste Spitze wird die abendländische Spätzeit-Melancholie des Fin de Siècle rund achtzig Jahre später durch Rolf Schilling getrieben, wenn er in seinem Essaywerk ‚Das Holde Reich‘ nicht mehr bloß Jahrhundert-Enden ausruft, sondern das unausweichliche Fin d’age, den inzwischen hinter uns liegenden Jahrtausendherbst. Wenn Einbrüche und Abbrüche lange Nächte oder Winter ankündigen, dann dürfte auf das erste frühjährliche Knospen im neuen Jahrtausend am ehesten durch den anbruch verwiesen sein.

 

 „Ja, es ist Herbst im Reich, von allen Herbsten vielleicht der holdeste, der letzte. Wir stehen an der Scheide zwischen Abendrot und langer Nacht. Nur von den höchsten, solitären Gipfeln, von Adler-Horsten und für Adler-Augen, ist die Sonne noch sichtbar. Bald senken sich die Schleier. Der Nebel kommt. Das Gestaltlose bricht herein. Aber diese Stunde mit ihrem Sagenlicht gehört uns. Und wenn ihr nur diese eine Stunde mit mir wachen wollt, so bin ichs zufrieden.“

 

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