Star shopping – Implizite Modernekritik in Form von zeitgenössischer Rapmusik

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Musiker und andere Künstler haben in ihren Werken seit jeher versucht, dem Rezipienten etwas mit auf den Weg zu geben. In vergangenen Epochen geschah dies selbstverständlich auf ganz andere Art und Weise als heute, doch auch zeitgenössische Musik vermag es manchmal, dem Zuschauer oder Zuhörer zu verändern, zu beeinflussen oder, im wahrsten Sinne des Wortes, zu begeistern.

Die folgenden Zeilen widmen sich einem Phänomen, das seit einiger Zeit durch die endlosen Weiten des Internets, der Discotheken und Konzerthallen der westlichen Welt wummert und dem aufgeschlossenen Hörer Dinge aufzuzeigen vermag, die manch anderem wohl verborgen bleiben: Modernekritik in Form der auf die Spitze getriebenen Symbiose von Musik und liberalistischem Ultrahedonismus.

Exponiertester Vertreter des Rap-Subgenres, das irgendwo zwischen Emo-Rap und Trap oszilliert, ist der bereits an einer Überdosis verstorbene US-Amerikaner Gustav Åhr, besser bekannt unter seinem Pseudonym „Lil Peep“. Angesichts des extravaganten Auftretens in Verbindung mit den ungewöhnlichen Beats hat es einige Zeit gedauert, bis die antrainierten konservativen Beiß- und Abwehrreflexe gegen derartige Produkte des Zeitgeistes abnahmen, doch wer sich auf das Phänomen einlässt, wird in jenen Rapmusikern vielleicht etwas mehr sehen als den „singenden und tanzenden Abschaum“ (Tyler Durden dixit) der spätliberalistischen Gesellschaft.

Inhaltlich geht es in den meisten Songs mit den dazugehörenden Videos um typische Probleme der Jugend: Liebe, Party, Sinnsuche, Melancholie bis hin zu Depressionen, Rausch und Absturz. Die schleppenden Beats und die „traumhaften“ Bewusstseinszustände sind elementarer Bestandteil des Genres, das man als „Cloud-Trap“ bezeichnen könnte. Vor allem Rappern, die jenseits des großen Teiches wirken und diesbezüglich nach wie vor die Maßstäbe für europäische Künstler setzen, wohnt in Gestik, Mimik und Gesang eine Behäbigkeit inne, die eine latente Unbekümmertheit bis hin zur Unlust am gesamten Schaffensprozess zur Schau stellt. Besonders deutlich wird dies anhand der Tatsache, dass einige Rapper, gewollt oder ungewollt, stark nuscheln und somit oft nur wenig Anstalten machen, dem Publikum ein für Rockstars standesgemäßes Bild zu vermitteln.

Die Musik von Lil Peep treibt jene liberalistischen Auflösungstendenzen auf die Spitze und löst damit eine Art dialektischen Umschlag aus, denn die omnipräsente Rausch- und Konsummentalität hat das Potential, den Zuhörern als Anschauungsmaterial der bereitwilligen totalen Selbstzerstörung zu dienen. Allein seine LOVE-Tätowierung auf dem Bauch oder der den gesamten oberen Rücken zierende Schriftzug EXIT LIFE fungieren als Indikatoren sowohl für unerwiderte Liebe als auch für die Todessehnsucht des jungen Mannes. Man ist mit dem wandelnden und vor sich hinvegetierenden Endergebnis einer sich selbst verneinenden Kultur konfrontiert. Åhrs Alter Ego und seine eigene persönliche Identität verschwimmen gegen Ende seines Lebensweges zusehends und sind wohl nur von engsten Vertrauten zu unterscheiden. Kunstfigur und Mensch gehen im nie endenden Drogenrausch eine Symbiose ein. Lil Peep ist die fleischgewordene Negation in Form der übersteigerten Affirmation. Sein frühes Ableben ist daher die zwangsläufige Konsequenz. Die Ernsthaftigkeit, mit der dieser Pfad beschritten wurde, ging ihm dabei wohl zu keinem Zeitpunkt ab.

“This music’s the only thing keeping the peace when I’m falling to pieces”

Exemplarisch für seine Musik und den exzessiven Lebenswandel vom wohlbehüteten Kind aus den amerikanischen Suburbs zum gefeierten Rapstar ist das von einem Fan zusammengestellte Video zum Lied Star Shopping. Das letzte Drittel hat es besonders in sich, denn hier werden Kindheitserinnerungen mit Hilfe musikalischer Untermalung zu einem mitreißenden Ganzen verwoben.

Was auch hier abseits des eigentlichen Geschehens wieder einmal deutlich wird: Der Kapitalismus und weite Teile der modernen Musikindustrie produzieren die von ihnen vermittelten Normen und Wertvorstellungen als eine Art Perpetuum mobile ständig selbst, ohne dass böswillige Drahtzieher bzw. Manipulatoren in verrauchten Hinterzimmern ihr Übriges dazu tun müssten.

Richten wir unseren Blick auf die beiden deutschsprachigen Künstler, die zwar nicht ansatzweise so in ihrer eigenen Selbstzerstörung aufgehen, aber doch als Exponenten einiger oben beschriebener Elemente der zeitgenössischen Rapmusik gelten: RIN und Yung Hurn.

Ganz ähnlich wie bei Lil Peep, so geht es auch bei diesen beiden aufstrebenden Künstlern vornehmlich um ungezügelten Genuss von Pharmazeutika, Alkohol und, vor allen Dingen, die Liebe. Allein die Albentitel sprechen für sich, und so scheint es kaum verwunderlich, dass es sich auf Eros (RIN) und der Love Hotel EP (Yung Hurn) primär um das Eine dreht. Beide Platten gehen für das Rap-Business unkonventionelle Wege, weshalb es auch hier schwer fällt, dem Ganzen eine adäquate Genrebeschreibung aufzukleben. Die unterschwellig vermittelte Botschaft ließe sich folgendermaßen zusammenfassen: Auch wenn es manchmal wehtut, liebt euch so lange ihr könnt.

Musikern vergangener Dekaden war es oft noch ein zentrales Anliegen, gesellschaftliche Probleme anzusprechen und damit ein Millionenpublikum zu erreichen. Anders ist das bei RIN und Yung Hurn, denn diese fokussieren sich in ihrer Musik nahezu ausschließlich auf das Private, auf die Liebe, die Beziehung, ihr „Baby“, respektive „Shorty“. Die Message: Die Welt geht sowieso unter, das Leben ist kurz, also investiert eure Lebenskraft in eure Liebesbeziehungen, zieht euch zurück, genießt und lebt für den Augenblick.

Abseits berechtigter Kritik an etwaiger musikalischer Dürftigkeit und der ungehemmten Glorifizierung des Privaten: Scheint dieses nicht auch eine Art „Dagegen“ zu sein, ein „Nein“ zur artifiziellen, sterilen Plastikwelt und ein klares „Ja“ oder zumindest eine Sehnsucht zu mehr Intimität, Echtheit und Romantik?

Wenn die beklagenswerten Zustände, die die Moderne hervorgebracht hat, von einer lethargischen Jugend zwar instiktiv gespürt werden, von ihr aber keine passende Antwort formuliert werden kann, so kanalisiert sich die Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe heute in ebenjenen neuartigen musikalischen Formen, die selbst Produkt der Moderne sind. Die enorme Popularität dieser Musikrichtung offenbart, dass viele junge Menschen die immanente und Unbehagen erzeugende Unzulänglichkeit der modernen Welt spüren. So wie man damals im kollektiven Lesewahn Goethes “Werther” feierte, so sitzt die Jugend von heute auf der Suche nach Identifikation und Zustimmung vor den Bildschirmen. Sie lechzt wie eh und je nach einem unstillbaren Mehr an Verständnis und Liebe. Vielleicht kommt sie dem Ganzen mit verträumten Cloud-Beats ein Stückchen näher. Vielleicht.

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