Sag nur: Europa – und horch auf dein Herz.

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In unregelmäßigen Abständen widmen wir uns bei Anbruch auch der Poesie. Dass auch modernere Lyrik wertvoll und schön sein kann, beweist George Forestier (Pseudonym des deutschen Dichters Karl Emerich Krämer) mit seiner Liebeserklärung an unseren Kontinent. Es folgt ein Auszug aus seinem Gedicht

„Mein Lied für Europa“

Das alte Europa
kann noch nicht sterben,
unter brandigen Narben
pocht stark sein Blut,
treibt durch Kanäle,
Arterien und Venen,
schießt durch die Glieder
und Herzgefäße
spült über Schutt
und Asche und Trümmer
bis hin zur Nogat
Weichsel und Oder,
pocht tief im Küstensaum
des Kanals und Atlantik.

Rom heißt sein Herz,
Paris ein andres,
London, Berlin,
Den Haag und Madrid.
Das alte Europa
hat viele Herzen,
hat viele Kronen,
die nie verdunkeln.

Sag Moskau und fühle:
Du bist allein
Nenne New York
und du bist
in der Fremde.

Shanghai, Benares
sind Abenteuer
Sidney und Rio:
ein Gruß aus der Ferne.

Wo dein Traum
dich auch hintreibt
stets kehrst du wieder
heim nach Athen
nach Wien oder Oslo

Sag nur: Europa
und horch auf dein Herz.
Zwischen Feuer und Eis
glimmt aprilne Luft.
Der Himmel ist näher
und süßer die Erde.
Die Stuben sind eng
und voller Gefühl.

Dicht beieinander
spürst du die Gräber,
spürst du die Väter
bei jedem Schritt.

Horch auf dein Herz:
Europa stirbt nicht.
Es kann nicht sterben,
solang du es liebst.

 

aus Forestier, George: Am Ende der Straßen bleibt jeder allein, Argus Verlag: Opladen 1974

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