Rom als Gegenbild – Mit Simon Strauss durch die Ewige Stadt

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Die Ewige Stadt galt für nahezu zweitausend Jahre als spiritueller und weltlicher Mittelpunkt Europas. Mittlerweile allerdings offenbaren sich auch in Rom die negativen Begleiterscheinungen der modernen Welt: hohe Arbeitslosigkeit, große Müllberge, verdreckte Straßenzüge, die anhaltende Flüchtlingskrise, ein eher politischer denn katholischer Papst und vor allem gescheiterte Träume. Dennoch strahlt von der Stadt am Tiber noch immer ein mythisch verdichteter, geistig-kultureller Gegensatz zur Gegenwart ab. Aber eignet sich Rom noch als Antithese zur Brüsseler Europakonzeption?

Simon Strauss, Römische Tage, Klett-Cotta 2019.

‚Römische Tage‘ heißt der zweite Roman von Simon Strauss, in dem sich ein Junger Mann 231 Jahre und acht Monate nach Goethe in Rom auf die Suche macht, um „die Gegenwart abzuschütteln.“ Der Protagonist weiß, in einer Welt von Franchise-Buchhandlungen und Bankfilialen ist eigentlich kein Platz für die Suche nach dem Metaphysischen, obgleich die Abwesenheit des selbigen durch die permanente Präsenz des Alltäglichen das Begehren anwachsen lässt. Das weiß somit auch Simon Strauss und schafft es nach seinem Debutrüman ‚Sieben Nächte‘ diese Frage abermals mit pathetischer Verve zu platzieren. Dass Strauss es allerdings nach der ausufernenden Kritik an seinem Erstlingswerk ruhiger angehen lässt und es allen recht machen will, ist ein Wermutstropfen für den Leser.

„Rom steht für das alte Europa, für Nachahmungseifer, Verehrungslust, Geschichtsphilosophie. Für Melancholie und Demut.“

Mit Kalkül zum Eklat

Die Angriffe gegen Strauss, der es sich mit Hilfe seines Bilderbuchlebenslaufs in den Redaktionsstuben der FAZ gemütlich gemacht hat, zielten vor allem darauf ab, dass er die Flanke zur politischen Rechten hin nicht sicher genug bewacht habe. Veranwortlich für die sich in den Feuilletons ausbreitende Diskussion um ein relativ unspektakuläres Erstlingswerk waren in erster Linie die selbsternannten „Rich Kids of Literature“ (RKOL). Strauss pflege eine abstrakte Prosa, kritisiere die „offene Gesellschaft“, träume von einer Literatur, die sich der Ästhetik verpflichtet fühle, propagiere  ein „hartes Männerbild“ usw. Der zähe, immergleiche Brei der linksliberalen „Literaturkritik“ also. Alles nicht neu. Dennoch wurde dadurch eine Debatte losgetreten, die Strauss in Erklärungsnot brachte.

Sollte man Strauss allein deshalb reflexartig zur Seite stehen? Schließlich war er es, der sich bei den rich Kids anbiederte, indem er sich als Inspirtaion auf ein von ihnen publiziertes Manifest mit dem Titel ‚Ultraromantik‘ bezogen hatte.

Der eigentliche Vorwurf, den man dem Autor nämlich machen müsste, wäre der, dass er uns die Seinsfrage als Appetithäppchen präsentiert. Strauss schmückt sich nämlich nicht nur sprachlich gerne mit bestimmten Etiketten, die das, was er sagen will, interessanter erscheinen lassen soll, als es tatsächlich ist. Nicht zuletzt weil Strauss aus dem etablierten Kulturbetrieb, der Komfotzone schlechthin, schreibt, liegt der Verdacht nahe, er wolle bewusst Themen präsentieren, die sonst von denjenigen kommen, die ihr Urteil gegenüber dem Modernisierungskult längst gefällt haben. Es mutet alles etwas zu einstudiert an, zu kalkuliert. Ironischerweise wird Simon Strauss dadurch selbst zum Symbol des von ihm allzu gern kritisierten willkürlichen Modernen, dem es mit nichts mehr ernst ist und alles nur noch als Hobby betreibt, sei es die Literatur oder die Seinsfrage.

„Nichts scheint uns Modernen moderner als die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Das Zusammenspiel von Alt und Neu. Und doch treibt mich die Frage: In welche Zeit gehöre ich? Welche Zeiten leben in mir?“

Sicherheitsabstand wahren

Während seines bildungsbürgerlichen Trips durch Rom, in dem sich der junge Protagonist in der „Via del Corso“, direkt gegenüber der „Casa di Goethe“ eingemietet hat, muss die Stadt als Spiegel für die eigenen Sehnsüchte herhalten, der dem Protagonisten schließlich verdeutlicht, dass vor der pathetischen Sinnsuche erst einmal die Jobsuche kommt. Denn Rom hat sich verändert, die soziale Verfasstheit des italienischen Staates und insbesondere der Ewigen Stadt selbst. Goethes Bezeichnung „Hauptstadt der Welt“ muss heute fast als Karikatur anmuten. Man kommt nicht mehr vorbei an den Alltagsproblemen der Menschen, und damit verändert sich auch der Blick auf Rom. Der Protagonist selbst wird auf seiner Reise von weltlichen Sorgen heimgesucht, er hat Herzprobleme, die ihn sogar einmal ins Krankenhaus treiben und verliebt sich in eine junge Italienerin – wie sollte es auch sonst sein?

Wir erleben aber trotz des in Teilen zu dick aufgetragenen, pathethischen Tons einen deutlich vorsichtigeren Strauss als bisher. Die Urteile sind weicher und reflektierter. Er betrachtet alles mit einem beabsichtigten Sicherheitsabstand, um nicht doch zu nah an die allseits bekannten Minenfelder des Diskurses heranzutreten und sich zu verheddern. Alles bleibt unverbindlich und widerruflich. Den rich Kids und dem Feuilletonbetrieb dürfte dieser vorsichtigere Ton sicherlich besser gefallen. Es scheint, als wäre einer wieder eingeschert, nur um auf das Lob einer nach skandalträchtigen Stellen lechzenden Kritikerszene zu warten.

„Dem Niedrigen einen hohen Sinn geben und das Stadion fluten für einen einzigen Gedichtvortrag!“

Ich habe die 142 Seiten ‚Römische Tage‘ trotzdem gerne und zügig gelesen. Das Talent zur Verdichtung von bestimmten Themenkomplexen und zum pointiertem Schreiben kann man Strauss bedenkenlos attestieren. Man schaut dem Protagonisten mit jedem Schritt über die Schulter, man ist nah dran, egal ob bei dem Beobachten von Passanten auf einer römischen Piazza oder dem Besuch in einem Flüchtlingslager. Strauss gelingt es, Szenerien einzufangen und den Leser gleich mit. Der junge Mann jedoch, den er uns vorstellt, wird Rom nicht als Finder, sondern genau so verlassen, wie er gekommen war: Als Suchender.

Simon Strauss, Römische Tage, Klett-Cotta 2019, 18€.

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