Ein propagandistisches Feuerwerk: Wie der Stahl gehärtet wurde

0

In diesem Jahr feiert die bolschewistische Oktoberrevolution ihr hundertjähriges Jubiläum. Grund genug, dem vielleicht entscheidendsten Machtwechsel des 20. Jahrhunderts auf literarischer Weise nachzuspüren. Anstatt eine historisierende Außenperspektive einzunehmen, widmen wir uns einem der bekanntesten sowjetischen Propagandaromane und versuchen, die Motivation, sich den roten Garden für die Weltrevolution anzuschließen, zu ergründen.

Nikolai Ostrowskis autobiographischer Roman „Wie der Stahl gehärtet wurde“, zuerst veröffentlicht 1933 (Neuauflage vom Renovamen Verlag, 2017), katapultiert den Leser mitten in die Wirren der Revolution und des Bürgerkriegs. Dank des ausführlichen Vorworts von Benedikt Kaiser, das nicht nur den historischen Kontext der Handlung sondern auch die spätere Wirkmächtigkeit des Buches herausstellt, wird deutlich: Bei diesem Werk handelt es sich um viel mehr als um einen einfachen Roman über jugendlichen Idealismus, Rebellion und Revolution.

Der blutjunge Protagonist Pawel Kortschagin ist an allen Fronten zugegen: Ob mit dem Gewehr auf der Schulter, dem Spaten in der Hand oder dem Marxschen „Kapital“ und Leninschen Pamphleten auf dem Schreibtisch. In der ukrainischen Provinz aufgewachsen, erlernt Pawel nach diversen Aushilfsarbeiten die Berufe des Heizers und Elektrikers, bevor die Nachrichten aus Sankt Petersburg auch das Hinterland erreichen. Die den Zaren entthronende Februarrevolution, die Rückkehr Lenins und schließlich die Machtübernahme der Bolschewiken ziehen den jungen Arbeiter sofort in ihren Bann, und als ein Freund der Familie, der Ostseematrose Schuchrai, ihm die ersten Lektionen über den Klassenkampf erteilt, gibt es für Pawel kein Zurück mehr in kleinbürgerliche Tagträumereien:

Ich lebte in Armut. Manchmal hab ich mir die satten und herausgeputzten Herrensöhnchen angeguckt, und dann hat mich der Hass gepackt. Wie oft hab ich sie verdroschen! […] Leisetreter und Speichellecker kann ich nicht ausstehen. Jetzt ist auf der ganzen Erde der Brand ausgebrochen. Die Sklaven haben sich erhoben, sie müssen das alte Leben in den Grund bohren.

Tabula Rasa par excellence: Das Gewachsene mit Stumpf und Stiel ausreißen, um die neue Saat zu säen. Der Roman ist reichlich gespickt mit emotionalen und aufrüttelnden moralischen Appellen, die oft einen gewissen Nerv treffen und ebenjene tiefsitzenden Beweggründe besser zu erleuchten vermögen als jedes trockene Proseminar.

Ich habe mir selbst das Wort gegeben, Mama, kein Mädchen anzurühren, bis wir auf der ganzen Welt mit den Burshuis fertig sind. […] Nein, Mama, lange hält sich der Burshui nicht mehr… Dann haben wir eine einzige Republik für alle Menschen, und euch […] die ihr euer Leben lang gearbeitet habt, schicken wir nach Italien, das ist so ein warmes Land am Meer. […] Wir quartieren euch in den Palästen der Burshuis ein […] Wir fahren inzwischen nach Amerika, um den Burshui zu erledigen.“

So oder so ähnlich sah es wohl in den Köpfen der meisten Kommunisten aus, und diese kindlich-naive, binäre Sichtweise war es, die der ganzen Bewegung so ungeheuer viel Kraft und Selbstsicherheit verlieh. Der nur so vor Selbstvertrauen strotzende Idealismus für den Kampf um eine bessere Welt ist stets greifbar und omnipräsent, egal ob es um lange und heftige Diskussionen mit Parteigenossen oder den Bau einer Bahnstrecke im tiefsten Winter geht, um die Stadt mit lebenswichtigem Brennholz zu versorgen. Die dort eingesetzten Komsomolzen tun alles, um den Aufbau des Sozialismus zu realisieren, auch wenn das heißt, dass sie dafür im Zweifel ihr Leben lassen müssen. Die mit Sicherheit vorgenommenen Ausschmückungen und Beschönigungen dieses biographischen Werks tun der Lesefreude keinen Abbruch, wenn man weiß, dass es sich um (künstlerisch wertvolle) Propaganda handelt, ganz im Gegenteil:

Ohne Übertreibungen, das nötige Pathos und die selbstversichernde moralische Integrität der eigenen Weltanschauung wäre die Mythenbildung um die Geschichte und den Autor sicher nie zustande gekommen. Auch hier zeigt sich: keine politische Bewegung kommt ohne ihre Helden aus, und für viele Kinder und Jugendliche jenseits des Eisernen Vorhangs war der junge Rotgardist „Pawluscha“ eben genau das. Allzeit bereit, treu, tapfer und mutig bis zur Selbstaufgabe. Und genau hier liegt auch die größte Schwäche des Romans. Haupt- und Nebenfiguren wirken über weite Strecken des Buches zu holzschnittartig, zu steif, zu unglaubwürdig, zu unrealistisch, letzten Endes unmenschlich. Darüber hinaus wäre es vermessen, das Werk stilistisch als besonders wertvoll zu charakterisieren, obwohl die Beschreibungen von Orten, Personen und Gefühlswelt stets lebhaft bleiben und nicht ellenlang ins Tal der Langeweile abschweifen. Doch Ihre propagandistische Absicht haben solche Zeilen mit Sicherheit nicht verfehlt, wenn Pawel zu seiner Geliebten sagt:

Tonja […] du weißt, dass ich dich geliebt habe, und meine Liebe wiederkommen kann, aber dafür müßtest du mit uns gehen […] ich würde ein schlechter Ehemann sein, wenn du meinst, ich gehöre vor allem dir und erst dann der Partei. Ich werd immer zuerst der Partei gehören und danach dir und den anderen.“

Doch die langen Jahre im Kampf gegen die bürgerlichen Ausbeuter, die weißen Garden und für die Sache der Arbeiterklasse und den „neuen Menschen“ lassen auch den aufrechtesten Streiter für Gerechtigkeit nicht ohne Narben zurück. Pawel, schon seit den frühesten Kämpfen auf einem Auge erblindet, hat eine lange Krankenakte und wird zur Erholung auf die Krim geschickt. Seine körperlichen Gebrechen jedoch machen ihm weniger zu schaffen als die Tatsache, dass er sich nicht mehr wird einreihen können in die Armee des Proletariats. Anstatt sich jedoch dem Schicksal zu fügen, beginnt er mit einem Selbststudium und beschließt, der glorreichen sozialistischen Idee auf diese Art und Weise seine verbleibende Lebenszeit zu widmen.

Kann es eine schlimmere Tragödie geben, als wenn in einem verräterischen, versagenden Körper das Herz eines Bolschewiken steckt und ein Wille, der ihn unaufhaltsam zur Arbeit zieht, zu Euch, in die aktive Armee, die auf der ganzen Front angreift, dahin, wo sich die eiserne Lawine des Sturms entfaltet? Noch glaube ich daran, daß ich in Reih und Glied zurückkehre und mein Bajonett sich in die Sturmkolonnen einreiht. […] Zehn Jahre in der Partei und im Komsomol haben mich in der Kunst des Widerstands geschult, und die Worte des Führers gelten auch für mich: ‚Es gibt keine Festung, welche Bolschewiken nicht nehmen könnten‘“.

Hier verschmilzt Ostrowski ganz mit seinem Alter Ego Kortschagin, die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion verschwimmen zum Ende der Geschichte vollends. Es stimmt: Der Autor hat sich wieder in die Sturmkolonnen eingereiht, doch statt des Bajonetts wird nun der Bleistift geschwungen. Der Roman ist mindestens genauso eine scharfe Waffe im Kampf gegen die Burshuis wie die gewetzte Klinge am Gewehr. Wer sich selbst davon überzeugen will, muss bei diesem propagandistischen Feuerwerk zugreifen!

Titelbild: