„Nur mein Schritt bricht die Stille“: Zur Lyrik von Ulrich Schacht

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Im Alltag, in den Medien und auch im Großteil der Bücher, die der Buchmarkt hervorbringt, leben wir ständig mit einer funktionellen Sprache; Klischees und vorgefertigte Schablonen sind schnell zur Hand. Die Sprache guter Lyrik aber ist von anderer Art. Sie greift aus in Unbekanntes, Ungesagtes und im Grunde vielleicht sogar Unsagbares und versucht dennoch, es zu benennen – jenseits des allzu Bekannten, jenseits der Klischees und Schablonen. So ist gute Lyrik immer auch eine Einübung in Freiheit und geistige Beweglichkeit. Das gilt auch für die Lyrik von Ulrich Schacht.

Die 2006 verstorbene Lyrikerin Hilde Domin schrieb in ihrem Essay „Wozu Lyrik heute? Dichtung und Leser in der gesteuerten Gesellschaft“: „Indem das Gedicht dem Menschen hilft, er selbst zu sein, indem es ihm hilft, die eigene Erfahrung zu benennen und mitzuteilen, hilft es ihm, der Wirklichkeit Herr zu werden, die ihn auszulöschen droht. […] Es ist dies eine Illusion, gewiß. Und doch mehr als eine Illusion. Etwas, was sich im Bewußtsein abspielt, in einem Augenblick des ‚Innehaltens‘ in der Zeit, einem Augenblick höchster Identität und Befreiung. Etwas, was wirken kann über diesen Augenblick hinaus, oder auch nicht. In dem Innehalten ist das ‚Unvorhergesehene‘. Ein Sprungbrett ist da, von dem gesprungen werden kann, wo sonst gestoßen würde. Atemraum für etwas wie Entscheidung.“

Am Ende eines Gedichtverses ist das Weiß, von dem aus der Leser in die nächste Zeile springen muss. Ich glaube, dass viel von der Stimmung, die das Lesen eines Gedichtes vermittelt, diesem Weiß entspringt. Das gilt ganz besonders dann, wenn es sich um Gedichte handelt, die nah an der gesprochenen Alltagssprache liegen, die also auf metrisch streng gebundene Verse und Reime verzichten, wie es der Fall ist bei den meisten Gedichten von Ulrich Schacht. Das Abbrechen des Verses und das Weiß der Seite ist Sinnbild des Nichts – das aber kein leeres Nichts ist, sondern ein Nichts, das Befreiung ermöglichen und als das von Domin erwähnte „Sprungbrett“, als „Atemraum“ dienen kann.

Ulrich Schacht beherrschte die Kunst des sinnträchtigen Zeilenumbruchs. In seinem letzten Gedichtband „Platon denkt ein Gedicht“ (erschienen bei Edition Rugerup, Berlin 2015) winden sich die Sätze meist über mehrere Verse hinweg, Satzzeichen werden wenig oder gar nicht eingesetzt. Das erschwert zwar die Lektüre, zwingt zu langsamem, hochkonzentriertem Lesen, eröffent dabei aber einen Überschuss an Sinn, den ein reiner Prosatext nicht entfalten kann. Selbst dort, wo Reime eingesetzt werden, finden sich diese häufig nicht am Zeilenende, sondern sind inmitten der Zeilen „versteckt“. Daneben findet sich in dem Band aber auch ein Zyklus aus drei Gedichten in Sonettform, eine Verbeugung vor der großen lyrischen Tradition, die sich mit dieser Form verbindet.

„Platon denkt ein Gedicht“ ist in sieben Teile gegliedert, die verschiedene Bezirke der Welt, der Geschichte und der Erinnerung durchwandern. So ist der erste Teil ein Jahreszeiten-Zyklus, der die schwedische Natur von Winter zu Winter im Gedicht vergegenwärtigt, der zweite Teil versammelt italienische Schauplätze und der sechste Teil Gedichte, die Deutschlands Geschichte und Gegenwart zum Thema haben. Daneben erleben wir beispielsweise Szenen aus Paris und Prag.

In jedem Vers dieser Lyrik wird deutlich, was Paul Celan über den „Unendlichkeitsanspruch“ des Gedichtes sagte: Das Gedicht suche „durch die Zeit hindurchzugreifen – durch sie hindurch, nicht über sie hinweg.“ Auch die Lyrik Schachts lebt aus dem Konkreten, aus dem Bild und versucht, durch das Konkrete hindurch das Überzeitliche, Exemplarische zu zeigen. Eine Szene aus dem schwedischen Sommer, ein Bild taumelnder Falter, wird in dem Gedicht „Juli“ zum Gleichnis dafür, dass alles Wissen vergänglich und trügerisch ist. Das immer wiederkehrende Bild des Meeres wird zum Gleichnis des vorsokratischen apeiron, des Unbegrenzten und Unendlichen (so in dem längeren Gedicht unter dem Titel „To Apeiron“).

Schachts Lyrik unterläuft die Gegensätze zwischen individueller und kollektiver Erfahrung, zwischen Erinnerung und Wahrnehmung, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Natur geht in Geschichte über und Geschichte in Natur. Vom Augenblick aus eröffnet sich das Ganze der Zeit – die Ewigkeit –, vom Begrenzten aus das Unbegrenzte. Grundsätzliche Fragen können unvermittelt übergehen in konkreteste Erfahrungen, wie auch umgekehrt.

Im zweiten Gedicht des Zyklus „Abend Landschaft Dresden“ erinnert sich das Ich mehr als sechzig Jahre nach dem Krieg an das Glühen der Trümmer der Dresdner Frauenkirche, die Vergangenheit scheint Gegenwart – und gleichzeitig ist der Schwelbrand in den Trümmern auch Sinnbildes des Schwelbrandes der Geschichte, der sich nicht löschen lässt.

In dem vielleicht gewagtesten Gedicht das Bandes unter dem Titel „Utöya oder Die Toteninsel“ verbindet Schacht das Massaker, das Anders Breivik vor dieser Insel 2011 anrichtete, mit anderen Verbrechen der Geschichte: mit den Massakern in Son My (Vietnam), auf den Killing Fields in Kambodscha und an anderen Orten. In das Gedicht sind Zitate aus den Fragmenten des Philosophen Heraklit eingeflochten. Die Beschreibung der Schönheit der Insel Utöya kontrastiert mit Bildern, die das blutige Verbrechen andeuten, das dort geschah. Schacht gelingt es dabei, den Schrecken erahnen zu lassen, ohne dabei jemals ins Schrille zu verfallen. Gerade in den bloßen Andeutungen wird der Schrecken stärker fühlbar als in Splatterszenen. Die Schönheit der Bilder und der Sprache legt sich wie eine Haut über das Entsetzliche, ohne es zu verharmlosen – ein Verfahren, das an Celans „Todesfuge“ erinnert.

Es ist bekannt, dass Schacht protestantischer Christ war. In dem bereits erwähnten Sonettzyklus verarbeitet er biblische Motive: Jakobs Kampf mit dem Engel, den brennenden Dornbusch, die Flucht der Israeliten aus Ägypten. Auch in anderen Texten tauchen immer wieder biblische Motive auf. Doch handelt es sich bei „Platon denkt ein Gedicht“ niemals um „religiöse Lyrik“ im engeren Sinn, das religiöse Moment ist allenfalls hintergründig präsent.

Besonders gelungen scheint mir Schachts „Naturlyrik“ – eine fast unpassende Bezeichnung, weil sie eingrenzt, was weit mehr als nur das Leben der Natur, sondern stets auch grundsätzliche Fragen des menschlichen Lebens thematisiert. „Wortlos schön“ (S. 53) ist die Natur. Aber die „schöne Stummheit des / Mooses. Der Anemonen. Des Lichts“ (S. 14) überführt der Dichter in Sprache. Dabei gelingen ihm tief bewegende, unvergessliche Bilder, die mit großer Genauigkeit Wahrnehmungen beschreiben, die wir alle kennen, aber meist achtlos verwerfen. Indem Schachts Gedichte diese Wahrnehmungen beschreiben, bergen sie eine kostbare Fülle, die in unser aller Leben präsent wäre, wenn wir wacher und genauer wahrnähmen.

Man kann die Lyrik Schachts auf ganz unterschiedliche Arten lesen: Man kann sich anregen lassen zu eigenen Fantasien und Träumen, man kann über die Sätze und Bilder gleiten und ihre Verknüpfungen und Konstellationen wahrnehmen. Man kann sich aber auch auf Details konzentrieren und sich dabei auf die Suche nach einzelnen „starken Metaphern“ begeben: „Geometriegetöse“, „geborstenes Licht“, „Glutgerinnsel“, „Wolkenromane“ … Einen Wunsch allerdings wird man beim Lesen aufgeben müssen: den Wunsch, alles zu verstehen. Schachts Lyrik ist häufig rätselhaft, aber auch dort, wo sie kristallklar erscheint, birgt sie Abgründe.

Lesen sollte diese Lyrik jeder, der gute Gedichte liebt, aber auch diejenigen, die sich fragen, was diesen Mann umtrieb, der letztes Jahr verschied und der so mutig für eine „selbstbewusste Nation“ eintrat. Seine Lyrik ist vielleicht das Intimste und Persönlichste, was wir von ihm haben. Er hat darin die Vergänglichkeit der Zeit und seines eigenen Lebens, derer er sich sehr bewusst gewesen sein muss, in bleibende „Überlebensmuster“ – eine Wendung aus dem Gedicht „Verfliegende Bilder“ – geprägt. So auch in diesem Gedicht aus dem schwedischen Winter, mit dem ich schließen möchte:

 

„GEFRORENER SCHNEE. Die Februar

Sonne legt Blattgold auf: Ikonischer

Grund, den ich passiere im Schatten der

Stämme des laublosen Waldes der

 

Bach darin schweigt, wie die Vögel. Nur

mein Schritt bricht die Stille entlang der

Feldsteinmauer ihr grünes Moos ist

weiß geworden: Schneemoos.“

 

Januar 2019

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