Nicht willkommen – Die Sentinelesen und der Andere

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Es war ein Sturm, der durch die Weiten des Internets fegte und für ordentlich Furore und Diskussionsstoff sorgte: Der US-Amerikaner John Allan Chau, seines Zeichens selbsternannter christlicher Missionar, wurde von einem Ureinwohnerstamm auf der Insel North Sentinel im Indischen Ozean getötet. Chau, der laut Medienberichten mit den Worten: „Mein Name ist John. Ich liebe euch, und Jesus liebt euch“ die Insel betrat, hatte wohl nicht die geringste Vorstellung davon, wie die in kompletter Abgeschiedenheit von der Außenwelt Lebenden auf jemanden wie ihn reagieren würden.

Die Sentinelesen machten, und dies nicht zum ersten Mal, kurzen Prozess. Ohne zu zögern töteten sie den Eindringling, der ohne Not und in törichter Naivität ihren seit Jahrhunderten gleichbleibenden Lebensrhythmus störte. Der Stamm gehört zu den wenigen verbleibenden Gemeinschaften, der keinerlei Kontakte zu anderen Menschen außerhalb ihres Inselreiches pflegt und aus gutem Grund daran festhält: Ethnologen schätzen die Gesamtanzahl der Stammesangehörigen auf ungefähr 100, und sollte ein Westler Krankheitserreger auf sie übertragen, so käme dies höchstwahrscheinlich der Auslöschung des indigenen Volkes gleich.

Was für die meisten Zivilisationsmenschen wie barbarisches und primitives Verhalten klingt und ihnen den Schrecken in die Glieder fahren lässt, ist für den Fortbestand des Stammes von allerhöchster Bedeutung. Im völligen Fehlen von Impulskontrolle sowie in der archaischen Rohheit des Umgangs mit dem als feindlich definierten Anderen wird uns unmissverständlich mitgeteilt:

„Ihr seid nicht willkommen. Dies ist unsere Insel und wird auf ewig unser Territorium bleiben, und wer uns angreift, wird vernichtet.“

Der Zusammenprall zwischen zwei völlig unterschiedlichen Menschen- und Charaktertypen offenbart die gigantische Kluft, die sich in Tausenden von Jahren zwischen der modernen Zivilisation und dem Neolithikum herausgebildet hat. Der über lange Jahrhunderte entstandene westliche Moralkodex hat dem urzeitlichen Reflex der sofortigen Gewaltanwendung nichts entgegenzusetzen, wenn es  „ums Ganze“ geht. Im Angesicht mit dem „ganz Anderen“ präsentiert der Indigene sich als viril, vital, verteidigunsbereit. Er tötet nicht, weil er es in blutdurstiger Enthemmtheit will, sondern weil er es muss.

Die Sentinelesen sind sich der Tatsache wohl sehr bewusst, dass, sollten die Fremden dauerhaft mehr als einen Fuß auf ihr Inselreich setzen, sie dem Untergang geweiht wären. Der französische Romancier Jean Raspail schilderte diesen Vorgang eindrucksvoll in seinem Roman „Sie waren die ersten“. Die unüberbrückbare kulturelle Inkompatibilität mit der modernen Welt ist ein unter allen Umständen zu bewahrendes Alleinstellungsmerkmal aller indigenen Völker.

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