„Nachgehört“: Modrige Pilze

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Deutschlandradio Kultur am 7.8.2019 in der Sendung Tonart 11.08 Uhr.

Frage: Ist Identität das große Thema im Pop?

Antwort von Katja Lucker, Leiterin des Berliner Festivals Pop-Kultur:

„Also sagen wir mal, ich persönlich finde es sehr sehr wichtig und ich setz diese Stränge auch gerne ganz bewußt, weil ich als erklärte Feministin, als weiße, privilegierte Frau tatsächlich immer sage, ich spreche aus einer privilegierten Situation heraus. Wir müssen aber die queere community dazuholen, wir müssen die person of colour dazuholen, weil das ist die Realität und ich glaube, das wurde ganz lange so’n bißchen vergessen. Das spiegelt sich auch in der Kultur wider. Wir müssen gar nicht darüber reden, daß die Kultur, vor allem die Musikkultur, von Männern, von weißen Männern  beherrscht wird, und deshalb ist das ein ganz zentrales Thema, und das spiegelt sich in unserm Programm wider: über 50% queere Szene und Frauen auf der Bühne, Dozentinnen und alles, was wir so machen…Wir wollen Diskurs, wir wollen, daß Menschen sich erst mal mit der Thematik beschäftigen, wir wollen möglichst viele anregen, darüber nachzudenken, daß kuratieren auch heißt, divers zu kuratieren …und da passieren eben ganz viele spannende Sachen.“

Gratulation an Katja Lucker: Wer macht es ihr nach, innerhalb von wenigen Sätzen, in Beantwortung einer Frage, ein ganzes Arsenal politisch über-korrekter Begriffe von sich zu geben? Es gibt sie tatsächlich: Menschen, denen es nicht peinlich ist, uneingeschränkt als Sprachrohr einer herrschenden Ideologie zu fungieren. Und zwar freiwillig.

Einem Ostler ist das Ablassen standardisierter Phrasen unter Ausschaltung des eigenen Gehirns etwas durchaus Vertrautes. Nur kann er sich zugutehalten, daß die bereits beim Aussprechen der noch im Munde modernden Pilze einzig auf Druck einer alles beherrschenden Polit- und Ideologie-Kaste abgesondert wurden. Der gemeine Ostler hielt sein Maul, wurde er nicht ausdrücklich zur Verbalisierung seines Klassenstandpunktes aufgefordert.

Selbst den zahlenmäßig weitaus unterlegenen Überzeugungstätern war es ein wenig peinlich, das gestanzte Vokabular der Bekenntnis-Artikel des „Neuen Deutschland“ in den Mund zu nehmen, war ihnen doch, arbeiteten sie an der „ökonomischen Basis“, die Kluft zwischen ihren tatsächlichen Erfahrungen und deren Interpretation durch den Propagandaapparat durchaus bewußt. Frau Lucker hingegen entläßt aus ihrem Mund die westdeutsch- linksliberalen Codices in einer Attitude des Widerstandes – als ob sie nicht zur kulturellen Hegemonialkaste gehöre und offene Türen einrenne.

Carolin Emcke lieferte 2016 mit ihrer Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels ein ähnliches Schauspiel. Wohlfeiles Aufstampfen. Nicht einmal die Funktionäre der SED gaben ihrer erfolgreichen Gehirnwäsche mit so viel Selbstgewißheit und Selbstgerechtigkeit Ausdruck.

Oft wird gefragt, ob sich die gelernten Bundesbürger in der DDR anders verhalten hätten, als es die realen Ostler taten. Ob sie sich früher und mit größerer Vehemenz gewehrt hätten. Ich denke, spätestens dreißig Jahre nach der Wende ist klar: Sie hätten nicht.

(Der Terminus modrige Pilze geht zurück auf den sogennanten „Brief des Lord Chandos an Francis Bacon“ von Hugo von Hofmannsthal:

Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen. Zuerst wurde es mir allmählich unmöglich, ein höheres oder allgemeineres Thema zu besprechen und dabei jene Worte in den Mund zu nehmen, deren sich doch alle Menschen ohne Bedenken geläufig zu bedienen pflegen. Ich empfand ein unerklärliches Unbehagen, die Worte »Geist«, »Seele« oder »Körper« nur auszusprechen. Ich fand es innerlich unmöglich, über die Angelegenheiten des Hofes, die Vorkommnisse im Parlament oder was Sie sonst wollen, ein Urtheil herauszubringen. Und dies nicht etwa aus Rücksichten irgendwelcher Art, denn Sie kennen meinen bis zur Leichtfertigkeit gehenden Freimut: sondern die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urtheil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.)

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