„Lenin heute“: Die Möglichkeit der Revolution

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Lenin ist bekannt als Protagonist der russischen Oktoberrevolution. Sein Name steht synonym für den revolutionären Versuch, die alte, zaristische und kapitalistische Ordnung zu überwinden und durch eine sozialistische zu ersetzen. Zugleich sticht Lenin als ein Theoretiker hervor, der den Marxismus maßgeblich weiterentwickelte und an die zeitgenössischen Anforderungen sowie insbesondere an die russischen Realitäten anpasste. Weniger bekannt hingegen ist sein Spätwerk, in welchem er versuchte, Fehlentwicklungen des sowjetischen Staates durch das Festhalten an einem revolutionären Denken zu korrigieren.

Slavoj Zizek, Lenin heute. Erschienen bei wbg-wissenverbindet.

In seiner jüngsten Publikation führt uns der slowenische Philosoph Slavoj Zizek in dieses Spätwerk ein und fragt nach seiner Aktualität. Im Mittelpunkt steht die Bemühung Zizeks, neue Möglichkeiten und Wege für die Kritik am zeitgenössischen Kapitalismus aufzuzeigen – Lenin soll dabei helfen. Ergänzt wird das brisante Essay Zizeks durch den Abdruck der wichtigsten Originalschriften aus dem Spätwerk Lenins.

Zizek gilt als Enfant terrible der Szene und ist einer der bekanntesten und umstrittensten Philosophen unserer Zeit. Sowohl die politische Linke als auch die Rechte streitet sich um seine Schriften und deren Auslegung. Liberale hingegen werden bei der Lektüre wohl noch weniger glücklich. Immer wieder polarisiert Zizek gegen die liberale Demokratie und das marktwirtschaftliche System. Klar ist: Wenn Zizek sich einem Thema annimmt, dann geht es stets um das Grundsätzliche. Und das Grundsätzliche ist für Zizek der Marxismus und die Vision einer anderen Gesellschaft.

„Es gilt nur immer wieder darauf hinzuweisen, dass demokratische Wahlen nicht per se ein Indikator der Wahrheit sind – in der Regel spiegeln sie tendenziell die von der hegemonialen Ideologie bestimmten aktuellen Meinungsverhältnisse wider.“

Wer bei der Auseinandersetzung Zizeks mit Lenins Spätwerk eine trockene Einführung erwartet, der wird im positiven Sinne enttäuscht. Zizeks Anliegen liegt der Versuch zugrunde, Lenins Denkweise aus dem historischen Kontext herauszuheben und in einen größeren Rahmen zu spannen. Es geht also weniger darum, konkrete Gedanken und Methoden Lenins aufzunehmen, sondern das „Feld der Möglichkeiten“ zu sichten, das er begründet hat. Es gilt, eine „emanzipatorische Vision“ wiederzubeleben, oder anders ausgedrückt: Revolutionäres Denken soll wieder eine Möglichkeit sein.

In seiner letzten zeitpolitischen Veröffentlichung „Der Mut der Hoffnungslosigkeit“ versuchte Zizek, an die allgemeine Hoffnungslosigkeit anzuknüpfen und diese für den politischen Kampf zu mobilisieren. In der Auseinandersetzung mit Lenin hingegen wird jener wieder auf seinen Ursprung zurückgeführt: Die Revolution. Lenin soll dabei helfen, den Horizont einer möglichen gesellschaftlichen Veränderung zu eröffnen. Dies heißt allerdings ausdrücklich, dass es kein Zurück zu Lenin gibt:

„Lenin zu wiederholen heißt zu akzeptieren, dass „Lenin tot ist“, dass seine Lösung ein Fehlschlag war, ein ungeheurer Fehlschlag sogar.“

Mit Lenins Hilfe versucht Zizek, einen revolutionären Freiheitsbegriff zu reaktivieren. Er verweist dabei auf die marxistisch-leninistische Entgegensetzung zwischen „formaler” und „wirklicher“ Freiheit. Freiheit werde erst Wirklichkeit, wenn man die zeitgenössische Lebenswelt umdefiniere und neu bestimme. Die „wirkliche Freiheit“ bestehe darin, die hegemoniale Macht zu brechen und die politischen Koordinaten neu festlegen zu können. Der Revolutionsbegriff setzt also die Möglichkeit für eine andere Wirklichkeit gedanklich voraus.

Der Liberalismus hingegen verneint diesen grundsätzlichen Freiheitsbegriff und beruft sich, so Zizek, auf einen formalen. Der Liberalismus dränge dem Subjekt seinen Wahrheitsbegriff auf, indem er die Gründe für seine Befolgung naturalisiere. Somit gelten die liberalen Subjekte als die unfreiesten, denn durch die aufgedrängte Wahrnehmung der Freiheit können sie ihre Unterordnung nicht einmal mehr erkennen. Jene Denkfigur erinnert an das marxsche Diktum vom „falschen Bewusstsein“ bzw. an den Begriff des Verblendungszusammenhanges, welcher von Adorno und Horkheimer geprägt wurde. Für einen neuen Freiheitsbegriff gibt es nur eine entscheidende Frage:

„Trägt diese Freiheit dazu bei, die revolutionäre Grundoption offenzuhalten, oder schränkt sie sie ein?“

Daran anschließend kritisiert Zizek die Position der Neuen Linken und deren „egalitaristischen Extremismus“. Die Politische Korrektheit beispielsweise zeuge von einer nicht zu unterschätzenden politisch-ideologischen Verschiebung des Fokus innerhalb der Linken, denn sie entferne sich von der zentralen Marxschen Annahme, „wonach der politische Kampf ein Schauspiel darstellt, das sich nur über die Ökonomie entschlüsseln lässt.

Letztlich ist die momentane Versteifung der Linken auf Minderheitenrechte und die damit zusammenhängende allgegenwärtige Tugendprahlerei also nur ein Zeugnis ihrer Unfähigkeit, an den eigentlichen Verhältnissen zu rütteln. Anders formuliert könnte man sagen, dass sich die Linke dem Spiel des Systems unterwirft und sich willentlich auf den Köder stürzt, der ihr hingehalten wird, anstatt sich auf die Stützen der kapitalistischen Ordnung zu konzentrieren.

Lenin heute lesen heißt somit, Lenin radikal von Marx aus zu denken. Dies bedeutet zugleich, sich an einem wahrhaftigen Freiheitsbegriff zu orientieren, dem der Keim der Wirklichkeitsveränderung innewohnt. Die politischen Parameter müssen gesprengt werden, um revolutionäres Denken zu ermöglichen. Lenins Vermächtnis hat nichts mit dem stalinistischen Mythos vom Leninismus zu tun, sondern mit der Aufrechterhaltung einer grundsätzlichen Möglichkeit einer anderen Zivilisation. Auch Fehler sind dabei gestattet, denn gerade sie zeigen neue Wege auf.

Slavoj Zizek, Lenin heute, Darmstadt 2018. Erschienen bei wbg, hier erhältlich.

1 KOMMENTAR

  1. “Lenin heute lesen heißt somit, Lenin radikal von Marx aus zu denken. Dies bedeutet zugleich, sich an einem wahrhaftigen Freiheitsbegriff zu orientieren, dem der Keim der Wirklichkeitsveränderung innewohnt. ”
    Diese Aussage scheint mir etwas unklar. Sich orientieren , sich nach etwas ausrichten , sollte doch eine klare Vorstellung vom richtungsgebenden Begriff voraussetzen. Was ein “wahrhaftiger Freiheitsbegriff” sein kann , ist nicht so einfach definierbar. Seit Kant und seinem kategorischem Imperativ sollte klar sein , daß Freiheit als solche nur ein relativer sein kein; sofern sich nicht jemand entschließt als Eremit auf einer einsamen Insel zu leben.
    Für das , was unter dem “Wahrhaftigen” zu verstehen ist , würde ich mir eine Erläuterung wünschen , da ansonsten nicht zu verstehen ist , wovon hier gesprochen wird.

    “Die politischen Parameter müssen gesprengt werden, um revolutionäres Denken zu ermöglichen. Lenins Vermächtnis hat nichts mit dem stalinistischen Mythos vom Leninismus zu tun, sondern mit der Aufrechterhaltung einer grundsätzlichen Möglichkeit einer anderen Zivilisation. Auch Fehler sind dabei gestattet, denn gerade sie zeigen neue Wege auf.”

    Revolutionen sind selten friedlich , in der Regel sehr gewaltsam. Vor allem birgt ihre Dynamik stets den Ausgang des Ungewissen. Wenn es denn im Heutigen ein revolutionäres Denken gibt , dann bei den islamischen Gotteskriegern. Sie haben ein Ziel und eine klar zu vermittelnde Idee , die nicht zu Abstrakt formuliert ist , eine wachsende Gemeinschaft von jungen handlungsbereiten Männern und keine Legitimationshemmnisse bei der Anwendung von Gewalt.
    Wer soll denn in Deutschland revolutionäres Denken befürworten ? Einige Faktoren sprechen dagegen :

    1.)
    Der Altersdurchschnitt der Bevölkerung ist sehr hoch. Der Revolutionen begünstigende “youth bulge” fehlt in Deutschland. Wobei ein zunehmder Anteil der nachwachsenden jungen Bevölkerung ohnehin nicht mehr als deutsch im kulturellen Sinn zu verstehen ist. Deren Agenda könnte ja auch eine ganz andere sein. Ältere Menschen haben ihr Leben gelebt und sind überwiegend wohl eher gewillt es ruhig auslaufen zu lassen ( Verdienter Ruhestand , “Hör mir bloß auf , laß mich in Ruhe” )

    2.)
    Die Lebensumstände werden derzeit noch als sehr gut empfunden. Die Grundversorgung für alle und die Zukunfschancen der wenigen Jungen können von großen Teilen der Bevölkerung als positiv eingeschätzt werden. Aus meiner Sicht ist das zwar nur ein Zehren von der Substanz , die irgendwann einmal abgetragen sein wird , aber für solche Einsichten muß ja auch ein Bewußtsein bestehen. Auch unter diesem Aspekt wird keine revolutionäre Stimmung zu erwarten sein; und falls doch , welches Lager wird sie für sich zu nutzen wissen ?

    3.)
    Die meisten Revolutionen werden mit den Mitteln der Gewalt durchgesetzt. Dies bedarf der Bereitschaft zum eigenen Opfer. Unsere Gesellschaft kann aber als postheroisch und pazifistisch definiert werden.
    Malte-Sören und Jan-Torben haben heute ein eher distanziertes Verhältnis zur Ausübung von Gewalt. Wir haben unsere Kinder seit Jahrzehnten dazu erzogen , Konflikte im Stuhlkreis zu lösen. Waren zu meiner Kindheit Raufereien und Keilereien noch üblich und wenig skandalisiert , werden die meisten Jungen heute erwachsen , ohne sich auch nur einmal körperlich gemessen zu haben.
    In meiner Kindheit haben Lehrer zwar eingegriffen , wenn sie eine Keilerei wahrgenommen haben , ich kann mich aber an keine Schulkonferenzen und Betroffenheitsbekundungen ( “Wir sind schockiert !” ) erinnern. Wir waren Jungs , haben gelegentlich Dampf abgelassen und gut war’s. Nach einer Woche hat man sich meistens wieder vertragen.

    Revolutionen laufen in Gefahr das Bestehende gründlich zu zerstören. Da muß man schon ein klare Vorstellung vom erwünschten Kommenden vermitteln können. Denn vieles was besteht , ist durchaus von Wert. Das Wagnis des Verlustes will also gut begründet sein. Instinktiv schätzen die Menschen derlei ein , prüfen unbewußt auf mögliche Gewinne und mögliche Verluste. Was nicht wirklich klar zu verstehen und zu erfassen ist , wird natürlicherweise abgelehnt. Diffus ist nicht gut.
    Bevor von der Revolution gesprochen wird , sollte klar sein , was die Ziele sind und ob zur Erreichung dieser Ziele eine Revolution wirklich das unbedingte Mittel der Wahl sein muß.

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