#leinwandhelden: Kay Nielsen

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Der Illustrator betritt die Arena der Artisten unter einer Ausgangsbedingung, die im Zeitalter von Originalitätsfuror und Epigonalitätsangst vielfach als schwere Hypothek angesehen wird: Statt aus sich selbst heraus bezieht er seine Inspiration auch und gerade aus den Stoffen der Weltliteratur, aus heiligen wie profanen Schriften, aus Mythos und Märchen.

Unter den zeitgenössischen Belächlern dieses geschichtssatten Zugangs wird mit Routine verdrängt, was Leonardos ‚Abendmahl‘, Botticellis ‚Geburt der Venus‘ oder Michelangelos ‚Die Erschaffung Adams‘ mit den meisten anderen kunsthistorischen Dauerbrennern gemein haben: Bei nahezu allen müsste – streng genommen – die Rede von ‚Illustrationen‘ sein.

Dornröschens Schlaf

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Stefan George hat es Hugo von Hofmannsthal nicht nachsehen wollen, dass dieser sich in seiner zweiten Lebenshälfte als Librettist ins Regiment von Richard Strauss begab. Der wahrhaftige Schöpfer, so zumindest die Konzeption des GeorgeKreises, sollte nach Möglichkeit an niemandes Seite und schon gar nicht unter jemandes Kuratel stehen, sondern einsam über Nebelmeeren.

So wird es zum geflügelten Wort in Georges Umgebung, dass jener Hofmannsthal, den man einmal gekannt habe, der große ‚Loris‘ des Fin de Siècle also, tot sei und im nunmehrigen Handlanger eines Opernkomponisten bestenfalls schemenhaft wiederzuerkennen. Erst Hofmannsthals tatsächlicher Tod im Jahr 1929, ein Schlaganfall auf dem Weg zur Beerdigung des eigenen Sohnes, stutzt diesem Wort die Flügel.

Schneewittchens Sarg

Misst man Georges Urteil gattungsübergreifende Geltung zu, dann wäre Kay Nielsen unter ästhetischen Gesichtspunkten eine vergleichsweise langlebige Totgeburt: Denn der Däne, 1886 in Kopenhagen als Sohn von Schauspielern zur Welt gekommen, tritt zeitlebens durch kaum mehr hervor als durch Illustrationen, zumeist Untermalungen klassischer europäischer Märchen, seien es die der Gebrüder Grimm oder die seines Landsmannes Hans Christian Andersen.

Der standhafte Zinnsoldat

Den Gedanken, dass die Eingliederung in Traditionslinien unvermeidlich sei und Schöpfung unter dem sichtbaren Eindruck von Vorangegengenem demnach nicht notwendigerweise ein Ausdruck von Kleinmut, brachte Karl Kraus in seinem Gedicht über ‚Das Originalgenie‘ in maliziöse Versform:

Nie nahm er etwas aus zweiter Hand

und hielt sich bloß an die Originale,

und wo er nur etwas Gutes fand,

dort stahl er es stets zum ersten Male.

Als Knabe, sagt man, war weltvergessen

versunken er gern im Waldesweben.

Da sei er oft an der Quelle gesessen,

und habe sie niemals angegeben.

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Mit Zeuxis und Parrhasios scheint es Nielsen in keiner Sekunde aufnehmen zu wollen. Der Überlieferung zufolge sollen sich diese beiden antiken Maler in immer kühneren Wettkämpfen auf dem Feld der Mimesis aneinander abgearbeitet haben: Zeuxis legte mit solch naturgetreuen Trauben vor, dass herbeigelockte Vögel die Leinwand zerpickten. Parrhasios wiederum, so berichtet Plinius der Ältere in seiner ‚Naturalis Historia‘, soll sich revanchiert haben mit einem Gemälde, auf dem so täuschend echt ein Vorhang dargestellt war, dass Zeuxis ihn vergeblich wegzuschieben versuchte.

Naturgetreu ist bei Kay Nielsen indes wenig. Seine Figuren wirken betont artifiziell, stets bis an die Grenze des Bizarren verfremdet und typisiert. Alles scheint hier entschieden andersweltlich; nichts wirkt täuschend und doch alles echt: mit Rolf Schilling könnte man die Visionen des Dänen „mehr als wahr“ nennen. In vielen herrscht eine nordisch-gotische Vertikalspannung: Regelmäßig wachsen Nielsens Bäume in den Himmel, etwa auf der ‚Rast im tiefen Wald‘, einer Szene aus dem norwegischen Volksmärchen ‚Westlich der Sonne und östlich des Mondes‘, das von einem Prinzen und einer Bauerntochter erzählt, die sich mit allerlei Listen aus der Gewalt von Trollen befreien.

Auf der Rast im tiefen Wald

Eines der Kinder, zu dessen Gemüt dieses Märchen samt Bebilderung noch zu Nielsens Lebzeiten geführt wurde, war Karl Lagerfeld. Als der Modeschöpfer 2016 eine Kollektion in Rom vor der Kulisse des nächtlichen Trevi-Brunnens inszenierte, ließ er sich von der traumtänzerischen Stimmung leiten, die Kay Nielsens Illustrationen bis heute verströmen:

„Sehen Sie, wir sind hier sehr poetisch vorgegangen. Es ist alles wie in einem Märchen. Ich habe mich von jemandem inspirieren lassen, der in Vergessenheit geraten ist. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts lebte ein Däne mit dem Namen Kay Nielsen. Er war ein wundervoller Illustrator. Sein Stil ist minimalistisch, ein bisschen seltsam, sehr nordisch – ganz anders als im Jugendstil oder bei Art déco. Ich habe ihn ganz per Zufall wiederentdeckt, man hat ihn aus den Augen verloren…“

Hänsel und Gretel

„Ganz anders.“ So wenig an dieser Einschätzung zu deuteln ist, so sehr drängt sich doch auch die ein oder andere Assoziation ins Bild, das man sich heute von Nielsen machen kann: Jene etwa zur eigenwilligen Ornamentierung Melchior Lechters, über lange Strecken Haus- und Hofillustrator Stefan Georges. Daneben mag man von Nielsen den Bogen etwa zu Friedensreich Hundertwasser spannen, der ein ähnliches Verhältnis zu rechten Winkeln und zu naturalistischer Akkuratesse unterhielt wie der Däne, oder aber zu den dunkel schimmernden Traumwelten eines Gustave Moreau.

An Lechter erinnert insbesondere Nielsens Illustration des Märchens ‚Von dem Machandelbaum‘, das seinerseits auf den früh verstorbenen Maler Phillip Otto Runge zurückgeht und von einem Jungen erzählt, der von seiner Stiefmutter umgebracht und dem ahnungslosen Vater zerstückelt zum Fraß vorgeworfen wird, woraufhin die Schwester seine Knochen sammelt und unter einen nahen Wacholderbaum bettet. Als tirilierender Vogel erscheint der verlorene Sohn zunächst in den Wipfeln anderer Bäume wieder und bedingt sich für seinen Gesang verschiedene Geschenke der ergriffenen Hörer aus: Vom Goldschmied eine Kette, vom Schuster rote Schuhe, vom Müller den Mühlstein.

Der Machandelbaum

Als der Junge in seiner neuen Gestalt zum heimischen Wacholderbaum zurückkehrt, gibt er Jedem das Seine: Dem hintergangenen Vater wirft er die goldene Kette um den Hals, der fürsorglichen Schwester die Schuhe vor die Füße und der bösen Stiefmutter den Mühlstein auf den Kopf. In Nielsens Illustrationen kommt Grauenhaftes und Unheimliches, wie es nicht wenige Märchen unterschwelllig durchzieht, auf ähnlich leisen Sohlen daher wie in den literarischen Vorlagen und nimmt mitunter sogar einen Zug ins Verspielte an, was den beklemmenden Eindruck auf den Betrachter freilich nur verstärkt.

Illustration für ‚Fantasia‘

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Ein weiterer Name, den man neben Lechter, Hundertwasser oder Moreau bedenkenlos im Umfeld des dänischen Illustrators verorten könnte, ist der von Walt Disney: Und tatsächlich wird Nielsen 1939 in den USA vorstellig – unter anderem, um den Film ‚Fantasia‘ künstlerisch zu begleiten, dessen bekanntester Part Goethes Ballade vom ‚Zauberlehrling‘ in Szene setzt. Doch bleibt die Arbeit für Disney ein spannungsreiches Intermezzo, als dessen letzter Ausläufer heute der 1989 vollendete Erfolgsfilm ‚Arielle, die Meerjungfrau‘ angesehen wird.

„In alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat…“ Mit dieser Wehmutsformel beginnen einige Märchen der Gebrüder Grimm. Zu Nielsens Zeiten, so scheint es in der Rückschau, half das Wünschen schon nicht mehr weit. 1957 stirbt der Maler vergessen und verarmt in der kalifornischen Diaspora. Als seine Witwe das verbliebene Werk dem Architekten Frederick Monhoff in der Hoffnung übergibt, es an Museen zu vermitteln, stoßen beide auf taube Ohren. In der deutschen Wikipedia, die keinen Leon Löwentraut auslässt, ist Kay Nielsen bis heute ohne Eintrag.

Die sechs Schwäne

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