#leinwandhelden: Fritz Hörauf

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„Kulturpessimist“, so stellte der Aphoristiker Michael Klonovsky einmal ebenso hellsichtig wie missvergnügt fest, „wird geheißen, wer auf dem überfluteten Vorderdeck kein Liedchen trällern mag.“ Kulturpessimist, so ließe sich diese durchaus nicht unberechtigte, vielleicht aber wohl doch einen Schuss zu schwarzgallige Einschätzung ergänzen, darf mitunter auch einfach nur geheißen werden, wer auf der Suche nach Argumenten gegen den Kulturpessimismus einen zu kurzen Atem beweist.

Die Geburt des Horus, 1975.

Denn sobald man sich vom überlaufenen Vorderdeck fort in Richtung des verwinkelten Lade- und Maschinenraumes der bundesrepublikanischen Kulturtitanic zu orientieren beginnt, geraten vereinzelt nach wie vor leinwandheldische Erscheinungen ins Blickfeld, die sämtlicher Loblieder würdig wären, welche an der Reling in aller Regel ohne ersichtliche Anlässe erschallen.

Bildnis eines Wesens, 1998.

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Eine dieser Figuren ist der Münchner Maler, Zeichner, Radierer und Bildhauer Fritz Hörauf, der am 17. April 2019 seinen 70. Geburtstag begeht. Dass er hier als bloße „Figur“ firmiert und nicht etwa als „Wesen“, könnte ihm dabei, wenn er nicht über ein erfreulich ausgleichendes Temperament verfügte, glatt seinen Ehrentag vergällen. Denn „Figuren“ werden in Höraufs visuellen Arsenalen und ihren Betitelungen kaum je vorstellig, während sich „Wesen“ munter die Klinke in die Hand geben.

Bildnis eines Wesens, 1995.

„Was schon genannt ist liegt gefällt umher“, heißt in Stefan Georges ‚Stern des Bundes‘ über den erstickenden Anspruch, Erscheinungen auf einen allzu deutlichen Begriff bringen zu wollen. Auch Hörauf, seines Zeichens nicht nur Besitzer einiger George-Erstausgaben, sondern gemeinsam mit seiner Frau Tamara Ralis stilechter Bewohner und Nachzügler von Georges Schwabing, pflegt seine wohlig vagen Visionen nur ungern mit vokabularischen Lassowürfen zu malträtieren.

Selbstbildnis, 1985.

Stattdessen nähert er sich ihnen gemächlich in konzentrischen Kreisen und verzichtet darauf, das, was die Titel so vieler seiner Bilder unscharf als ‚Wesen‘ umreißen, durch etwaige Präzisierungen in Bedrängnis zu bringen. Womöglich hat der Maler den ‚Stern des Bundes‘ aufmerksam genug studiert, um zu wissen, dass er seinen Geschöpfen, indem er sie zumindest dem Titel nach an möglichst langen Leinen spazieren führt, den Königsweg offenhält: „Bringt kranz und krone für den Ungenannten!“

Das Innere des Kristalldoms, 1983.

Dabei könnte sich das „Geschöpf“ nach dem Figur-Wesen-Fauxpas bereits als zweiter Stolperstein erweisen, an dem Fritz Hörauf übel aufstößt, was eigentlich als unverfänglicher Geburtstagsgruß gedacht war. Denn der Maler sieht sich keineswegs als originärer Schöpfer seiner Bildwelten, sondern allenfalls als ihr Chronist und Enthüller, wie er in einem Gesprächs-Einsprengsel betont, das in seiner aufwendig bebilderten Werkbiographie enthalten ist:

„Malen und Zeichnen verstehe ich als eine Art Freisetzung. Dies ist vergleichbar mit einem Nebel, der sich nur langsam, nach und nach, auflöst und die hinter ihm liegende Landschaft erkennen lässt. Dem Nebel entspräche das Weiß der Leinwand oder des Papiers. Das Sichtbarmachen einer unsichtbaren Welt ist jedoch kein mechanischer Prozess, wie etwa bei einem Medium, sondern ein ständiger Dialog, ein Austausch, ein Ringen um die Form. Die so entstandenen Bilder verfolgen keine Absicht im Sinne einer Ideologie, sie wollen nichts erzählen, was sich in Worten ausdrücken ließe, sie illustrieren nichts.“

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Tempel der Winde, 1994.

Gewinnender und entschiedener könnten Überzwecklichkeit und Eigengesetzlichkeit des Ästhetischen kaum herausgekehrt werden. Und doch lassen sich bei aller Zeit-, Raum- und Zweckferne selbst in Höraufs absichts- und bedingungslosem Oeuvre mit nur geringer Mühe auch solche Werke ausfindig machen, die – horribile dictu – nachgerade deutbar sind: So etwa die beiden Gemälde vom ‚Tempel der Winde‘, entstanden 1994 bis 1998.

Tempel der Winde, 1994.

Zeigt das erste Bild die zerklüftete Kultstätte noch in waagrechter Ruhe und den Weg der vier Gestalten im Vordergrund hinauf zum Tempelberg als ohne Weiteres begehbar, so hat sich die Szenerie in der zweiten Fassung von 1998 bedrohlich verändert: Berg und Tempel scheinen zu wanken und die Körpersprache der dunkel gewandeten Gestalten im Vordergrund deutet auf Alarmbereitschaft hin. Der Pfad zum Sakralbau, vormals ein Spaziergang, mutet nunmehr unwirtlich und waghalsig an, sofern er nicht bereits vollends abgebrochen ist.

Tempel der Winde, 1998

Wenn es daran ginge, mit Antworten zur Frage aufzuwarten, wer oder was hier die einst intakte Harmonie stört, welche Faktoren die offenkundige Dissoziation und Verschärfung begünstigt haben könnten, würde Fritz Hörauf exakte Festlegungen wohl ebenso scheuen wie bei der Betitelung vieler seiner Werke: Ist der Vorwurf an den Betrachter selbst zu richten, der den Tempel in der ersten Fassung noch erdverwachsen und ehrfürchtig anzublicken, sich in der zweiten Fassung aber bereits so ausweglos verstiegen zu haben scheint, dass sein Fall nur noch eine Frage der Zeit ist?

Tempel der Winde, 1998

Wandelt der Maler hier in den zivilisationskritischen Fußstapfen eines Ludwig Klages oder Gustav Nagel? Geißelt er einen allzu legeren Umgang des fortgeschrittenen Menschen mit der Sphäre des Sakralen? Hat er womöglich Rudolf Otto gelesen und 1994 das mysterium fascinans, 1998 dann das mysterium tremendum ins Bild gesetzt? Oder wollte er schlicht seiner Bestürzung über den rotgrünen Regierungsantritt von 1998 Ausdruck verleihen? Könnte man auch nur eine dieser Varianten mit letzter Sicherheit ausschließen, dann würde Hörauf selbst wahrscheinlich sein Werk im künstlerischen Wert empfindlich gemindert sehen. Darauf jedenfalls lassen seine Worte über den Reiz der Unauslotbarkeit schließen, 2012 im Gespräch mit dem Schriftsteller Roman Hocke an den Mann gebracht:

„Ja, ich kann meine Werke nie wirklich ausloten. Selbst nach der Fertigstellung bleibt ein Geheimnis, das sich mir entzieht und dem ich mich immer wieder neu annähere. Aber so geht es mir bei jedem Werk, das sein Geheimnis nicht preisgibt, etwa die ‚Toteninsel‘ von Arnold Böcklin. Andere Werke stimulieren mich vielleicht bei der ersten Betrachtung, dann aber verlieren sie ihren Reiz, ihre Macht. Das wahrhaft Symbolische und der darin verborgene Sinn ist – ähnlich wie große Musik – nicht in Worte zu fassen.“

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Bereits der Name des Malers bewegt sich zwischen Klonovskys ernüchternder kulturkritischer Zustandsbeschreibung und unserem vorsichtigen Einwand: Einerseits lesbar als defätistisches ‚Hör doch auf!‘, als Anstiftung zum Werfen des Handtuchs auf dem abschüssigen Vorderdeck, andererseits als ermunterndes ‚Horch auf, ob sich im Schiffsbauch nicht doch Einzelnes noch zu entdecken lohnt.‘

Signatur.

Wer sich für die zweite Lesart entscheidet, dem steht nicht nur der Erwerb von Höraufs Bildbänden frei, sondern auch der Besuch einer Werkschau, die vom 10. Mai bis zum 10. Juni des Jubiläumsjahres 2019 in der Villa Meixner zu Brühl (Baden) zu sehen ist. Der Maler selbst, dessen Schaffen noch am ehesten in der hermetischen Tradition von M. K. Ciurlionis oder William Blake zu verorten wäre, eignet sich übrigens vergleichsweise schlecht zum Bannerträger eines biederen Kulturpessimusmus. Dem konservativen Kunsthistoriker Hans Sedlmayr zumindest, der 1948 durch seine ästhetischen Verlustanzeigen bekannt wurde, lässt Höraufs umsichtige Relativierung nur wenig Wind in den Segeln:

 „Für ihn gibt es schon seit dem Rokoko fast ausschließlich subjektive Künstler, die ihr eigenes Ego in Werken vervielfältigen, denen kein objektives Maß mehr entspricht. Meines Erachtens ist seine Bewertung jedoch übertrieben. Er sah nicht die Chance, die in der gegenwärtigen Situation liegt – nämlich dass der Künstler eine enorme Verantwortung aus ihr ableiten und sich auf die Suche nach einer Welt machen kann, die dann zu einem bisher undenkbaren oder nicht beachteten Koordinatensystem führt.“

Isis, 2000.

2 KOMMENTARE

  1. […] Für halbe Sachen stellt sich Fritz Hörauf nicht zur Verfügung: Veranstaltungen in Räumlichkeiten, die einen anderen Geist als den ihm gemäßen atmen, sagt der Münchner Maler entweder von vornherein nicht zu oder aber nach reiflicher Überlegung wieder ab. Nicht so jedoch die Vernissage, die für den 10. Mai in der Villa Meixner zu Brühl (Baden) anberaumt war. Man durfte folglich gespannt sein darauf, warum das 1899 erbaute Jugendstil-Haus Gnade fand vor den blaugrünen Augen des bisher einzigen zu Lebzeiten gekürten Leinwandhelden. […]

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