Laokoon im Käfig – Das schwierige Vermächtnis des Ezra Pound

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Gegen Ende seines Lebens sah sich Ezra Pound als gescheitert an. Gegenüber einem letzten Ratsuchenden, Allen Ginsberg, dem jüdischen Dichter der Beat-Generation, verwarf er seine eigenen Cantos als Durcheinander, als reine Bezugnahmen, gleichsam als Wortfeldübungen und verweigerte ihnen damit den Rang eines Epos, das zu schreiben sein Lebensziel gewesen war. Ab 1961 verstummte er literarisch ganz und räumte 1968 nur noch Pier Paolo Pasolini ein legendäres Interview ein, in welchem wunderbarerweise ein als Faschist verfemter und ein linker Protagonist jener Tage im Ungehorsam gegen die dominante Kultur des Konsums zueinander fanden.

Ezra Pound hatte eine zu hohe Meinung vom Wort und von sich selbst als dessen Medium, um Kompromisse mit dem Zeitgeist eingehen zu können. Ein Dichter hatte für ihn nicht nur eine sakrale Funktion als Vermittler. Er war selbst ein Demiurg, ein Schöpfer, der mit der archaischen Erbinformation eines Wortes eine Welt erschaffen konnte und musste. Ganz im Einklang mit der Etymologie von Poesie, dessen griechische Stammvokabel poiesis „Erschaffung“ bedeutet. Alles andere war bloß Zierrat. Lyrik war für Pound (ähnlich wie für Stefan George) ein lebensdienlicher Vorgang und durfte unter keinen Umständen vom Kommerz profaniert werden.

Der Todeskampf des Laokoon, Vatikanisches Museum.

Zusammen mit denjenigen US-Amerikanern, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts bewusst für Europa und dessen Erbe entschieden hatten (vor allem T. S. Eliot) empfand er einen tiefen Hass auf den Kommerz, den er wie nichts anderes mit seinem Heimatland USA verband. Es war dieser Hass mitsamt seiner antisemitischen Konnotation (davon sollte er sich später distanzieren), der ihn letztlich in die Arme des Faschismus trieb, in welchem er sein Ideal einer schöpferischen Vermählung von Geist und Kraft realisiert zu sehen glaubte. Es blieb ihm gleichwohl nur die Rolle eines Laokoon, eines von höheren Mächten bestraften Warners vor den „Danaergeschenken“ der liberalen Moderne.

„Hüte dich vor Abstraktionen!“

Ezra Pound verachtete den Publikumsgeschmack und noch mehr jene Literaten, die sich ihm bereitwillig unterwarfen. Es konnte bei ihm, der davon überzeugt war, dass alle Zeitalter bis in die Gegenwart reichten und diese unsichtbar beeinflussten, nie um Moden gehen. 1913 schrieb er, dass es vielerlei Sorten von Klarheit gebe. Die lyrische Klarheit zählte dabei zur ältesten und langlebigsten Sorte. Ihr zu ihrem Recht zu verhelfen galt sein dichterisches Streben.

Dennoch war er alles andere, als ein nostalgisch dreinblickender Restaurateur. Pounds Lyrik wollte revolutionär sein, in dem sie das revolutionäre Potential des vermeintlich Überholten, des Angestammten und des Erbes zum Leben erweckte. Neubelebung statt Wiederbelebung lautete sein Credo. Ezra Pound wollte an den Zellkern des Wortes, an seine Erbinformation, an das Organische im scheinbar Abstrakten heran, um die darin eingeschlossene Schöpferkraft zu entfesseln. Dies ging am besten in der Paarung der Worte zu einer sogenannten Imago, einem intellektuell-emotionalen Molekül, das den Leser bzw. Hörer schlagartig über sich und seine Zeit hinaushob. Dichtung war Paarung, war ein erotischer Zeugungsakt, der von Pound auch in dieser Plastizität formuliert wurde. Ezra Pound überschritt Grenzen mit Worten und redete sich dabei, besonders nach 1945, zuweilen um Kopf und Kragen.

In diesem Sinne offenbarte er seine Herkunft aus dem Land der Pioniere. In der Tat fanden sich in seiner Mutter die Vornehmheit der europäisch orientierten Ostküste und in seiner väterlichen Linie das Abenteuer der Wildwest-Pioniere (unter seinen Vorfahren sollen sich Pferdediebe befunden haben). 1885 in Hailey/Idaho geboren, entdeckt der junge Student an der University of Pennsylvania seine Leidenschaft für Lyrik und seinen Widerwillen gegen den ihn umgebenden Materialismus. Er beginnt, Elite nur noch über ihren Bezug zur Geistigkeit zu definieren.

Eine akademische Laufbahn bedeutet schon für den jungen Pound den sicheren Tod in der Durchschnittlichkeit, weshalb er (nach einem von ihm provozierten Skandal) 1908 eine abenteuerliche Reise quer durch Europa unternimmt. Von Spanien, über Frankreich nach Paris, Venedig und London geht es über weite Strecken zu Fuß. Überall enthüllt sich ihm die europäische Geistesgeschichte, die ihn zu ersten Versen inspiriert. Besonders das Liebesideal der französischen Troubadours wird ihm zeitlebens als Vorbild für die Schöpferkraft des Unerreichbaren dienen.

Doch Ezra Pound entwickelt sich darüber hinaus auch zu einem Netzwerker, der sich in künstlerischen Kreisen bald einen Namen macht. Der irische Dichter William Butler Yeats wird sein Mentor. Die 1914 geschlossene Ehe mit Dorothy Shakespear ermöglicht ihm zeitweilig den Ausgang aus der prekären Existenz als Bohémien (später wird die Ehe durch Olga Rudge zur ménage à trois). 1915 entstehen erste Gedichte eines Mammutwerkes, mit dem er schließlich bekannt werden sollte. Die Cantos (Gesänge) sehen sich in einer Reihe mit Homer und Dante, doch enthalten sie auch Bezüge zum Alltäglichen und zu biografischen Erinnerungen des Autors, was die Beziehungs-Kontinuität zwischen Alt und Neu, zwischen Gestern und Heute verdeutlichen soll. Zudem beginnt er, in poetischen Zeitschriften, wie Blast und Poetry seine Vorstellungen von Lyrik darzulegen. Sie kreisen alle um seine Imagismus-Theorie. Der Lyriker dürfe der harten Auseinandersetzung mit der Welt der Gegenständlichkeit nicht entfliehen. Die natürlichen Gegenstände geben dem Wort den Angriffspunkt, in sie entlädt es seine erotische Kraft, um etwas Höheres hervorzubringen. Der fliehenden Abstraktion wird die „erotische Bindekraft des «Imaginären»“ (Eva Hesse) entgegengesetzt. Und so konnte er jedem angehenden Poeten 1913 in einem Artikel zurufen: „Hüte Dich vor Abstraktionen!“.

Die Suche nach solch einer explosiven Imago könne durchaus ein ganzes Leben dauern, so seine Warnung an poetische Himmelsstürmer. Alle, die sich in ihren Anfängen an Ezra Pound wandten und die er großzügig wie streng unter seine Fittiche nahm, haben ihm ein ehrendes Andenken bewahrt und in den schwierigen Jahren für ihn Fürsprache eingelegt, so T. S. Eliot, aber auch Ernest Hemingway.

In Pounds Bemühen um eine „Erdung“ des Wortes und damit der Dichtung mag der Verdacht eines Materialismus auf hohem Niveau aufkommen, dessen vulgärer Ausprägung er doch schon in seiner Heimat den Kampf angesagt hatte. Dem technischen Begriff der Materie setzte Ezra Pound freilich stets den Körper und damit die Natur entgegen. Das „Fleisch“ sollte gleichsam „Wort werden“, ohne sich dabei in die Abstraktion zu verflüchtigen. Der Materialismus, den er zeitlebens anprangerte war hingegen Ausgeburt eines Dämons, namens Usura (lat.- ital. „Wucher“, „Nutzen“, „Ausnutzung“), wie er ihn lautmalerisch nannte. Das Körperlich-Natürliche wurde durch dieses personifizierte Böse seines Wesens beraubt und somit denaturiert.

Wie sehr er am eigenen Leib die Verifizierung seiner harten Poetologie erfahren sollte, konnte Ezra Pound zu dieser Zeit wohl noch nicht ahnen. Geistig zerbrochen ist er jedoch nicht so sehr an dieser Prüfung, sondern an der Allmacht eines alles nivellierenden Zeitgeistes. Das Reich der Usura war angebrochen.

Die Welt in der Einzelzelle

Am 3. Mai 1945 wird der fast 60jährige Ezra Pound in seinem Haus nahe Rapallo von italienischen Partisanen festgenommen und der Militärpolizei der 92. US-Division übergeben. Er hat gerade noch Zeit, ein Bändchen Konfuzius sowie ein chinesisches Wörterbuch einzustecken. Sie werden ihm das geistige Überleben im berüchtigten Disciplinary Training Center (DTC) bei Pisa, eine Art frühes „Guantanamo“ für Deserteure und Kriminelle der US-Armee, ermöglichen. Seit Juli 1943 existierte eine Anklageschrift vonseiten der amerikanischen Generalbundesanwaltschaft gegen Pound wegen Hochverrat bzw. wegen Verletzung der Treuepflicht gegenüber der US-Verfassung im Kriegsfall, so die offizielle Formulierung.

In Meldungen und Befehlen, die zwischen den Stäben der in Italien operierenden US-Einheiten gewechselt werden, wird Ezra Pound als Kriegsverbrecher bezeichnet. Sein Verbrechen bestand darin, dem faschistischen Regime Mussolinis seine Stimme geliehen zu haben. Es entbehrt dabei nicht der Ironie, dass der Dichter, der an die Wirkmächtigkeit des Wortes glaubte, für Worte unter Anklage gestellt worden war. Dass er sie wie Hammerschläge einsetzen konnte, beweisen nicht nur seine Cantos, sondern auch ein Interview für den Philadelphia Record, in dem er als Festgenommener Adolf Hitler mit Jeanne d’Arc gleichsetzt sowie als Heiligen und Märtyrer tituliert. Im gleichen Atemzug nennt er Stalin den besten zeitgenössischen Politiker und lobt das faschistische Wirtschaftsmodell. Es sind Äußerungen, wie diese, welche zusammen mit seinen Radioansprachen aus Rom, die sich von 1941 bis 1943 an die amerikanische Öffentlichkeit richteten, die auch Wohlmeinende an seinem Geisteszustand zweifeln lassen.

Eines der populärsten Bilder aus der Phase des Futurismus: Carlo Carra, Die Ermordung des Anarchisten Galli, 1911.

Pounds Beziehung zum Faschismus, vor allem zum italienischen Original, war allerdings mehr als nur ein Flirt. Er sah in diesem politischen Phänomen der Zwischenkriegszeit sein chthonisches Weltbild, so wie es sich durch seinen Arbeiten zieht, verwirklicht. Er rebellierte mit der Phalanx der Schwarzhemden gegen die liberale Moderne und war mit ihnen dieser Moderne dennoch verpflichtet. So unterstützte Ezra Pound früh die provokanten Bemühungen der futuristischen Avantgarde um Filippo Tommaso Marinetti, eines artistischen Vorläufers faschistischer Gestaltungsformen, das Ich in der Kunst zu zerstören, um das Außerindividuelle zu enthüllen. Gleichzeitig grenzte er sich gegen den ebenso kollektivistischen Kommunismus ab, dessen mechanistischen Blick auf Welt und Geschichte er ablehnte. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass Ezra Pound, der seine Dichtung sendungsbewusst auch als politischen Beitrag einordnete, kein politisch versierter Künstler war. Das von Pound lang ersehnte erste und einzige Zusammentreffen mit dem Duce am 30. Januar 1933 in Rom verlief ergebnislos. Mussolini hatte wenig Sinn für das Anliegen des exzentrischen amerikanischen Poeten.

Am Ende fand er sich in einer der engen Käfige im DTC wieder, wo Pound von Mai bis Oktober 1945 in entwürdigender Untersuchungshaft gehalten wurde. Er schlief auf dem Betonfußboden und schützte sich tagsüber mit Teerpappe gegen die Sonne. Dabei las er Konfuzius und beobachtete genau seine Umgebung, registriert die Haltung der Wärter und freut sich über einen Käfer, der ihm Gesellschaft leistet. Nach einem gesundheitlichen Zusammenbruch kam er ins Sanitätsrevier, wo er neben Briefen für die zum Tode verurteilten vor allem seine Haiku-artigen Pisaner Cantos verfasste. Die Lagerzensur vermutete darin geheime Botschaften für den Feind und wurde vom Autor über ihren Sinn belehrt. Der lyrische Blick auf die Wirklichkeit, die Zusammenschau von geistiger Tradition und banalster alltäglicher Verrichtung wurde von Pound damit begründet „den Leser daran zu erinnern, dass wir nicht erst gestern geboren sind“. Und so kommt es, dass man in den Pisaner Cantos Sublimes und Derbes, garniert mit chinesischen Schriftzeichen, nebeneinander findet, wie etwa in Canto LXXVII:

küßte die Erde nach dem Schlafen auf Beton

 bel seno Δημήτηρ copulatrix

 deine Furche

 im Limbo keine Siege, dort gibt es keine Siege –

das ist Limbo; zwischendecks auf dem Sklavenschiff

                 10 Jahre, 5 Jahre

Ezra Pound entging der Todesstrafe, anders als sein Schriftstellerkollege Robert Brasillach in Paris, da er für nicht zurechnungsfähig erklärt wurde. Der Prozess in den USA endete mit seiner Einweisung in eine Klinik, aus der er 1958 entlassen wurde. Pound kehrte sogleich in sein geliebtes Italien zurück und entbot bei der Hafeneinfahrt prompt den faschistischen Gruß.

Vor einer „impotenten“ Zeit?

Ezra Pound wurde nicht exekutiert, wie Laokoon, der Priester von Troja, welcher mitsamt seinen Söhnen auf Befehl von Athene von zwei riesigen Schlangen getötet wurden. Literarisch tot war Pound allemal, auch wenn sein Nimbus noch geraume Zeit fortwirkte.

Die Zeit bzw. der Zeitgeist der Usura, von der auch das bekannte Motto „Zeit ist Geld“ stammen könnte, war das Trojanische Pferd, vor dem Pound lautstark (und auf dem falschen Kanal) gewarnt hatte. Ein Epos zu schreiben, war ihm nach eigener Auffassung nicht vergönnt gewesen, wäre aber heute weitaus unmöglicher als zu seinen Lebzeiten. Das lineare Zeitmaß eines unheimlichen technischen Fortschritts wandelt Worte in Fußnoten, wandelt Bildung bestenfalls in einen Zitateschatz. Episch anmutende Werke sind nur noch als artifizieller Rückgriff auf mittelalterlich angehauchte Fantasy-Welten möglich (siehe Game of Thrones). Die Schnelligkeit heutigen Wort-wechsels zwingt zur Oberflächlichkeit mit Auswirkungen bis in den Quell des Wortes, die Empfindung. Diese Quellen trüben sich ein. Vermutlich sah Pound den Beginn einer poetisch impotenten Zeit anbrechen. Nicht von ungefähr sind lyrische Zeitschriften heutzutage vom Aussterben bedroht und finden lyrische Werke keinerlei Absatz mehr.

Ironischerweise trägt das meist benutzte Textverarbeitungsprogramm den Namen Word. In dieser neu entstandenen virtuellen Binnenwelt wird jedoch nicht mehr gezeugt oder geschaffen, sondern nur noch programmiert. Abstraktion und Kommerz haben die Natur verschlungen, wie die Schlangen den Priester Laokoon.

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