Konstantinos Kavafis – Der letzte Ptolemäer

0

Die Stadt Alexandria hat manchen große Dichter hervorgebracht: Kallimachos, Poseidipp, Theokrit. Sie alle stehen für ein goldenes Zeitalter antiker Lyrik in der Hochblüte des Hellenismus. Konstantinos Kavafis – oft anglisierend Cavafy genannt – lebte zwar in der gleichen Stadt wie seine großen alexandrinischen Vorgänger, doch wurde er in eine Zeit geboren, da Alexandria längst islamisch und der Standort der einstigen Bibliothek längst vergessen war.

Damit teilte Kavafis das Schicksal all jener Nachgeborenen, die durch ihr reiches kulturelles Erbe in den geschichtlichen Schatten gestellt werden. Schon die Herrscher des antiken Alexandria selbst – die Ptolemäer, die später als Diadochen in die Geschichte eingehen sollten – waren einst in die viel zu großen Fußstapfen des Stadtgründers Alexander getreten. Und doch hatten auch sie zumindest insofern zu eigener Größe gefunden, als Alexandria erst unter ihrer Herrschaft seinen ganzen kulturellen Reichtum entfaltete.

Kavafis wurde 1863 in die griechische Diaspora Alexandrias hineingeboren, in eine anglophone Familie wohlhabender Phanarioten, die durch den Baumwollhandel zu Reichtum gekommen waren. Einen Großteil seiner Kindheit verbrachte er dementsprechend auch in England, vor allem in London und Liverpool, wo er eine westliche Bildung erhalten sollte. Durchaus möglich, dass er auch dort im Heimatland der „Classics“ von Byron bis Shelley – in dem Edgar Allan Poe einst die Verse „To the glory that was Greece, / And the grandeur that was Rome“ gedichtet hatte – zum ersten Mal mit der antiken Vorgeschichte seiner Heimatstadt in Berührung kam.

Sicher ist, dass die englischen Jahre prägende waren; denn zeit seines Lebens sprach Constantine Cavafy, wie er sich nun nannte, die Katharevousa – eine ohnehin schon als elitär geltende antikisierende Form des Neugriechischen – mit zusätzlichem britischen Akzent. Nach der Rückkehr seiner Familie nach Alexandria kam es dort bald im Zuge des anglo-ägyptischen Krieges zu antigriechischen Pogromen durch Muslime, was die Familie zu einer erneuten Flucht – diesmal zu Verwandten nach Konstantinopel – veranlasste, wo er den Rest seiner Jugendjahre verbrachte.

Hier widmete er sich intensiv dem Studium antiker griechischer und byzantinischer Autoren, die sein Werk stark beeinflussen sollten, bevor er später wieder nach Alexandria zurückkehrte. Er selbst kommentierte seine Jugendjahre und seinen kosmopolitischen Hintergrund später folgendermaßen:

„I am from Constantinople by descent, but I was born in Alexandria—at a house on Seriph Street; I left very young, and spent much of my childhood in England. Subsequently I visited this country as an adult, but for a short period of time. I have also lived in France. During my adolescence I lived over two years in Constantinople. It has been many years since I last visited Greece. My last employment was as a clerk at a government office under the Ministry of Public Works of Egypt. I know English, French, and a little Italian.“

Sein Werk ist neben der neugriechischen auch – teils durch seinen Bruder John Cavafy – in die englische Sprache übersetzt, was ihn für westliche Leser zugänglich macht. Dabei scheint jedoch einiges durch die Übersetzung verloren gegangen zu sien; außerdem handelt es sich bei seinen englischen Werken zumeist weniger um Gedichte als um reimlose Sinnsprüche: Vergangene Welten werden beschworen und dabei Fragmente eines versunkenen Alexandrias zutage gefördert, die die einstige Größe des Originals lediglich erahnen lassen.

Wie etwa in „God abandons Antony“, wo Kavafis eine Episode bei Plutarch rekapituliert, in der Marcus Antonius in Alexandria nach seiner Niederlage bei der Schlacht von Actium gegen Octavian, der nun die Stadt belagert, von seinem Schutzpatron Dionysos verlassen wird, was dieser nicht etwa diskret und leise, sondern ganz nach bacchantischer Manier in einem fröhlichen Festzug mit lauten Gesängen tut:

When suddenly, at midnight, you hear
an invisible procession going by
with exquisite music, voices,
don’t mourn your luck that’s failing now,
work gone wrong, your plans
all proving deceptive—don’t mourn them uselessly.
As one long prepared, and graced with courage,
say goodbye to her, the Alexandria that is leaving.

Nicht ohne Gespür für den Kairos dieses welthistorischen Augenblicks, fängt Kafavi den Moment absoluter Hoffnungslosigkeit ein, ein Mann, der sich von all seinen Träumen verabschiedet hat und nun Lebewohl sagt und dem Untergang stoisch ins Auge sieht. Ihm gelingt so eine interessante Variation auf das altbekannte Thema des sic transit gloria mundi, ein Motiv, dass sein ganzes Werk durchzieht, so etwa auch das ähnlich bekannte „Waiting for the barbarians“ aus dem hier ebenfalls nur ein Auszug zitiert sei:

What are we waiting for, assembled in the forum?
The barbarians are due here today.
Why isn’t anything going on in the senate?
Why are the senators sitting there without legislating?
Because the barbarians are coming today.
What’s the point of senators making laws now?
Once the barbarians are here, they’ll do the legislating.

Ein Gedicht, dass nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat: Man fühlt sich an die Szene in das „Heerlager der Heiligen“ erinnert, in der der Protagonist Calguès die Invasion mit dem Fernrohr beobachtet und sich wundert, dass niemand reagiert. So liest sich das Ganze wie ein Kommentar auf die postheroische Gesellschaft. Das Gedicht setzt sich jedoch mit folgender Pointe fort:

Why this sudden bewilderment, this confusion?
(How serious people’s faces have become.)
Why are the streets and squares emptying so rapidly,
everyone going home lost in thought?
Because night has fallen and the barbarians haven’t come.
And some of our men just in from the border say
there are no barbarians any longer.
Now what’s going to happen to us without barbarians?
Those people were a kind of solution.

Hier verleiht Kavafis der kulturpessimistischen catonischen Haltung Ausdruck, wonach ein Staat ohne äußere Feinde notwendigerweise der Dekadenz anheimfalle. Bedeutet das im Umkehrschluss jedoch, dass man nach Feinden verlangen sollte? Wie einst Sallust, der sich darüber ärgerte, dass Rom den punischen Krieg gewonnen hatte, weil es deswegen keine Feinde mehr hätte. Gleichzeitig hinterlässt das Ganze einen faden Beigeschmack: Glaubt Kavafis wirklich, dass die Barbaren niemals kommen werden, wir sie aber zum Überleben brauchen? Sollte er es als Grieche nicht besser wissen und kann man nicht auch gut ohne Barbaren leben?

So stehen die Barbaren schlussendlich als „die eigene Frage als Gestalt“ da, als Ursprung und Lösung aller Probleme. Kavafis starb im Schicksalsjahr 1933 an seinem 70. Geburtstag in Alexandria. Indem er sein Lebenswerk, dass er selbst einmal mit den Worten „Ich bin kein Hellene, ich bin kein Grieche. Ich bin hellenistisch.“ zusammenfasste, dem Andenken an das griechische Alexandria als damals sterbende Stadt eines alten Europas widmete, leistete er wohl seine ganz eigene kleine Revolte gegen die moderne Welt.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here