Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt – Ernst Jünger

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Den Roman „Heliopolis“ vollendete Ernst Jünger im Jahr 1949. In ihm verband er eine fantastische Zukunftsvision mit zahlreichen philosophischen Exkursen und historischen Elementen und entwickelt zugleich die Thesen seines Frühwerks weiter.

„Heliopolis“ gehört zu einer Gruppe von Werken mit dystopischen Zügen, wie sie vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden und welche versuchten, die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts zu beschreiben und zu verarbeiten. Als Beispiel seien hier George Orwells „1984“ oder auch „Das Glasperlenspiel“ von Hermann Hesse zu nennen. Dass ausgerechnet dystopische Romane in dieser Zeit blühten, war die Reaktion auf die Ideologien des 20. Jahrhunderts, welche als Gemeinsamkeit allesamt eine utopische Zielvorstellung aufwiesen. Die Dystopie wollte nun nicht mehr ein solches positives Ziel aufzeigen, sondern den Alptraum vom schlechtesten Staat. „Heliopolis“ geht hierbei einen Schritt weiter und zeigt nicht nur eine einzige gesellschaftliche Ordnung auf, sondern entwirft zwei miteinander konkurrierende Herrschaftsordnungen, deren Sieg oder Niederlage bewusst in der Schwebe gehalten wird.

Die Handlung des Buches spielt sich um und in einer Stadt namens Heliopolis ab. Genauso wie Ernst Jünger darum bemüht war, die Position der Stadt nur vage im Mittelmeerraum zu verorten und sonst im Ungewissen zu belassen, so verrät er auch nichts über den genauen Zeitpunkt der Handlung. Stattdessen zeichnet sich der Roman durch einen Synkretismus der Anachronismen aus. Beispielsweise gibt es „Strahlenwissenschaftler“ neben Völkern, die von Piraterie leben, Raumfahrt neben schlichter Kavallerie und ein „Energeionbad“ neben der einfachen Nassrasur.

Obwohl der Zeitpunkt der Handlung bewusst nicht genannt wird, schreibt Ernst Jünger einiges über die geschichtliche Entwicklung von der tatsächlichen Gegenwart bis zum Beginn der Erzählung. So wird es in der Zukunft zu einer nuklearen Katastrophe kommen, welche im Buch als „die großen Feuerschläge“ bezeichnet werden. Dass Ernst Jünger damit einen nuklearen Krieg von globalem Ausmaß gemeint hat, geht aus dem Besuch des Protagonisten Lucius de Geer im Waffendepot des „Feuerwerkers“ hervor und dürfte mit dem Schock Ernst Jüngers über den tatsächlichen Abwurf von Atombomben auf japanische Städte zusammenhängen:

„Sie standen jetzt in einem Raume, den Boliden in der Form von Donnerkeilen, Bomben und Raketen füllten; hier war die Strahlung außerordentlich. Zum Teile waren diese Ferngeschosse mit Trieb – und Zielmaschinen sinnreich kombiniert. Man sah sie in allen Größen, von winzigen Wurfgeschossen bis zu den Modellen, die an die Höhe des Gewölbes anstießen. Ihr Anblick rief im historischen Gedächtnis die Zeit der Großen Feuerschläge wach, die Zeit des Völkerschreckens, in der man durch ihren Gluthauch Städte verbrannte und Reiche zu Wüsten wandelte.“

Nachdem dieser Weltkrieg beendet war, gelang es dem „Regenten“ einen Weltstaat zu errichten. Doch war dieser nicht von Dauer, und es kam zu einem Krieg zwischen dem Regenten und einer nicht näher definierten „Liga“. Zwar siegte der Regent vollständig in einer Seeschlacht 25 Jahre vor der eigentlichen Handlung des Buches, doch kam es zum sogenannten „Auszug des Regenten“. Dabei zog sich der Regent in eine „kosmische Residenz“ zurück, weil er seine Vorstellung von der idealen Gesellschaftsordnung als gescheitert ansah. Doch hat er den Plan der Wiederkehr nach einer Zeit, in der eine durch Schmerz gebildete Elite entstanden ist und „alle Spieler zum Zuge gekommen und gescheitert sind“. Die Begründung liefert eine direkte Anspielung auf Friedrich Nietzsches Philosophie vom „Übermenschen“:

„[Der Regent] billigt die Lehre Zarathustras, nach welcher der Mensch vom Übermenschen überwunden werden muß. Er sieht sie nicht ethisch, sondern in der historischen Notwendigkeit. Der nächste Schritt liegt darin, daß auch der Übermensch zu überwinden ist, indem er am Menschen scheitert, der in der Begegnung höhere Macht gewinnt. Das ist ein Zirkel, der unumgänglich ist.“

Mit der Ankündigung der Wiederkehr des Regenten, welche 25 Jahre nach der Handlung stattfinden wird, endet das Buch. Seit dem Auszug des Regenten bis zu diesem Zeitpunkt beschränkt sich der Regent auf die Rekrutierung einer neuen Elite, greift ansonsten aber nicht in die konkrete Politik ein (bis auf den Punkt, dass er nukleare Waffen verbietet). So kommt es, dass sich in Heliopolis zwei Konfliktparteien bildeten: die Partei des Prokonsuls als legitimer Vertreter des Regenten und die Partei des Landvogts.

Beide Parteien sind Vertreter unterschiedlicher Denkströmungen, wobei der Landvogt als der Vertreter totalitärer und ochlokratischer Prinzipien dargestellt wird. Sein Sitz ist das Zentralamt, er stützt sich auf die breite Masse, und die Akteure seines Lagers werden durchgängig als technisch beschrieben. Sein Ziel ist es, mit Hilfe der Technik und der Manipulation der Massen eine Pöbelherrschaft zu errichten. Dafür stehen ihm sowohl die Medien zur Verfügung, als auch das „Toxikologische Institut“, in dem sadistische Versuche an lebenden Menschen durchgeführt werden. Der General beschreibt diese Denkschule, die „das Leben nach unten“ ausrichten soll:

„Die erste, in Heliopolis sich um den Landvogt und sein Zentralamt sammelnd, stützt sich auf die Trümmer und Hypothesen der alten Volksparteien und plant die Herrschaft einer absoluten Bürokratie. Die Lehre ist einfach: sie sieht den Menschen als zoologisches Wesen und faßt die Technik als das Mittel, das diesem Wesen Form und Macht verleiht, es auch am Zügel hält. Sie ist ein in das Rationale gesteigerter Instinkt. Infolgedessen zielt ihr Bestreben auf die Bildung von intelligenten Insektenstaaten ab. Die Lehre ist sowohl im Elementaren wie auch im Rationalen gut gegründet, und darin liegt ihre Macht.“

Hingegen wird der Prokonsul als schöngeistig dargestellt. Er ist der legitime Vertreter des Regenten und damit der legale Machthaber. Sein Sitz ist der Palast, wo er sich mit Offizieren, Künstlern, Philosophen, Theologen und Wissenschaftlern umgibt. Er vertritt aristokratische Prinzipien und zielt auf die Bildung der neuen Elite für den Prokonsul ab. Die Beschreibung des Generals für das Lager des Prokonsuls lautet:

„Wir wollen die Freiheit des Menschen, seines Wesens, seines Geistes und seines Eigentums, und Staat nur insofern, als diese Güter zu schützen sind. Daraus ergibt sich der Unterschied unserer Mittel und Methoden zu denen des Landvogtes. Er ist auf Nivellierung angewiesen, auf Atomisierung und Gleichmachung des menschlichen Bestandes, in dem abstrakte Ordnung herrschen soll. Bei uns hingegen soll der Mensch der Herrscher sein. Der Landvogt strebt die Perfektion der Technik, wir streben die Perfektion des Menschen an.“

Diese Opposition von Landvogt und Prokonsul soll zwei Möglichkeiten der Moderne aufzeigen: die Perfektion als bürokratisch-technische Herrschaftsform im Sinne des Landvogts und die Beibehaltung einer konservativen Lebensform im Sinne des Prokonsuls. Der Konflikt wird jedoch nicht offen ausgetragen, sondern im Gegenteil verkehrt man offiziell sogar „freundschaftlich“ miteinander. Jede Partei setzt seine Aktionen jeweils so, dass es nicht zu einem Ausbruch des Bürgerkrieges kommt.

„Prokonsul und Landvogt hielten seit dem Auszug des Regenten eine Politik des Gleichgewichtes inne, wie sie in solchen Lagen stets wiederkehrt. Sie wußten beide, daß der große Schlag nur einmal fallen konnte, und, wenn er fehlte, den Untergang bedeutete.“

In dieser angespannten Situation erreicht der Protagonist Lucius de Geer Heliopolis. Die Machtverteilung, die er vorfindet, ist die, dass „der Landvogt politisch bereits die Macht errungen hatte, die real noch beim Prokonsul war.“ Lucius de Geer ist als Offizier beim Heer und als Agent in geheimer Mission im Dienste des Prokonsuls. Wie alle Personen des Buches ist er weniger eine individuelle Person, als vielmehr ein Vertreter einer bestimmten Weltanschauung. Ihn begleitet man durch die Geschichte des Buches, welche in zwei Hauptstücke aufgeteilt ist. Der erste Teil dient dazu, die eben geschilderte Lage vorzustellen, während sich die Handlung im zweiten Teil des Buches nach einem Attentat auf „Messer Grande“, den Polizeichef des Landvogts (und klare Anspielung auf Reinhard Heydrich), beschleunigt und immer weiter auf eine Entscheidung drängt.

Ernst Jünger verarbeitet in „Heliopolis“ das Problem des Nihilismus, der aus dem radikalen „Willen zur Macht“ folgt und den er mit der Frage nach der Technik verbindet. Die Erfahrungen Ernst Jüngers in der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges ließen ihn von seiner ursprünglichen Konzeption von „Der  Arbeiter“ abweichen. Während „Der Arbeiter“ das Werk von Martin Heidegger zur Technik wesentlich beeinflusste, kommt es zu einer Rückwirkung auf Ernst Jünger, der sich in „Heliopolis“ zunehmend der Ansicht Heideggers annähert. Doch behält Ernst Jünger auch wesentliche Aspekte seiner früheren Konzeption bei und entwirft eine eigene Vorstellung zur Überwindung des Nihilismus.

Der Roman ist äußerst vielschichtig und komplex und lässt noch umfangreiche Verarbeitungen zu seinen anderen Facetten übrig. Obwohl er mich an einigen Stellen nur schwer zum Weiterlesen motivierte, scheint doch jede Passage zur Interpretation des Gesamtwerkes notwendig zu sein. Etwa wenn Fragen nach Glück und Drogen in die Erzählung verwoben werden. Zwar wird die Bedeutung von Heliopolis gemeinhin als gering angesehen, doch kann ich mich dem nicht anschließen. Vor allem heute, wo die Technik immer mehr von uns Besitz ergreift, sollte der Roman in jedem identitären Bücherregal stehen.

1 KOMMENTAR

  1. Ich freue mich, einmal eine positive Rezension dieses Buches zu lesen, statt immer nur den Tenor, Ernst Jünger sei eben kein guter Romanautor gewesen. Aber es stimmt, der Roman macht es einem nicht leicht. Daher würde ich ihn zwar auch empfehlen, allerdings sollte man nicht gerade mit diesem Buch in die Jüngerlektüre einsteigen. Die Stahlgewitter oder – wenn auch wieder ganz anders – das Abenteuerliche Herz, erste Fassung lesen sich zum Beispiel wesentlich flüssiger.

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