Jordan Peterson – Gegengift oder Gift?

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Das Buch „12 Rules for Life“ des kanadischen Psychologieprofessors Jordan Peterson ist in kürzester Zeit zum Weltbestseller geworden und jetzt in deutscher Übersetzung erschienen. Peterson ist besonders durch seine YouTube-Videos zum gefeierten Kämpfer gegen die political correctness geworden.

Jordan B Peterson, 12 Rules For Life. Erschienen in der Randomhouse Verlagsgruppe.

„12 Rules for Life“ hat bei mir ein zwiespältiges Gefühl hinterlassen: einerseits ist es eine Fundgrube des Wissens und immer wieder aufblitzender Weisheit, dem sich durchaus auch sehr brauchbare Ratschläge für das eigene Leben entnehmen lassen; andererseits besitzt es Schwächen, von denen eine gewisse Neigung zu Abschweifungen und Redundanz noch die geringste ist.

Wenn ich mich im Folgenden in erster Linie auf diese Schwächen konzentriere, dann nicht deshalb, weil ich von der Lektüre des Buches abraten möchte, sondern eher, um einen kritischen Gegenpol zu dem allgegenwärtigen Hype um Buch und Autor zu setzen. Ich sage gleich vorweg, dass ich gerade jungen Menschen sehr empfehlen kann, das Buch mit einem wachen und kritischen Geist aufzunehmen und zu verdauen. Zugleich bin ich jedoch der Ansicht, dass eine unkritische Rezeption sogar Schaden anrichten kann und werde das im Folgenden begründen.

Schon im ersten Kapitel nennt Peterson ein Grundschema, das seiner Ansicht nach die Ordnung alles Seienden bestimmt: Hierarchien von Dominantem und weniger Dominantem. Peterson geht so weit, von einem Prinzip („principle of unequal distribution“) zu sprechen und die Ungleichheit zu einem geradezu metaphysischen Gesetz zu erklären. Riesige Körper im Weltall, die immer mehr Masse an sich ziehen; Hummer, die als dominante Männchen über einen ganzen Harem von Sexualpartnerinnen verfügen können; dominante Schimpansenmännchen, für die dasselbe gilt; reiche Männer, die immer reicher werden – all das scheint auf einen Schlag durch das „Prinzip der ungleichen Verteilung“ und des „winner-takes-all“ erklärbar zu werden. Peterson spricht von „Price’s law“ und verweist dafür auf den Physiker Derek J. de Solla Price. Dieser erforschte lediglich die Zitation wissenschaftlicher Aufsätze und den Erfolg von Wissenschaftlern, doch Peterson weitet das von Price entdeckte „Gesetz“ auf alles Seiende aus.

Die Gültigkeit von „Price’s law“ weist Peterson vor allem evolutionsbiologisch an der Tierwelt und ihren Dominanzhierarchien nach. Er argumentiert, dass die Evolution „konservativ“ sei und einmal gewonnene, erfolgreiche Prinzipien des Funktionierens tierischen Lebens und tierischer Gesellschaften meistens tradiere. Deshalb gelte das Gesetz der Dominanzhierarchien auch noch in der Menschenwelt und sei tief im menschlichen Gehirn verankert. Die von Peterson erwähnten Beispiele sowie sein Aufrufen bekannter Lebenserfahrungen im Leser sind verführerisch: Wer würde es da noch wagen, der Gültigkeit des allgemeinen „Gesetzes“ zu widersprechen, das Peterson so voller Kenntnisreichtum vor den staunenden Augen des Lesers aufdeckt?

Doch hier zeigt sich die Problematik von Petersons naturalistischem Menschenbild, die das ganze Buch durchzieht: der Mensch ist für Peterson kaum mehr als ein hochintelligenter Affe. Die Dimension des Geistigen kennt er im Grunde gar nicht. Auch in der Menschenwelt scheint ein biologischer Determinismus zu walten, und noch die größte gesellschaftliche Ungerechtigkeit könnte so durch einen Verweis auf Petersons „Gesetz“ gerechtfertigt werden. Dabei fällt unter den Tisch, dass die ungleichen Verteilungen des Vermögens in menschlichen Gesellschaften sich menschlichem Handeln verdanken – und nicht Naturgesetzen.

Multimilliardäre wie George Soros beispielsweise werden von linken wie von rechten politischen Theoretikern als Bedrohungen der Demokratie, der nationalstaatlichen Souveränität und der Mechanismen des fairen Wettbewerbs auf dem freien Markt angesehen. Diese „Superreichen“ finden jedoch die perfekte Rechtfertigung ihrer Position in Petersons These, dass Ungleichheiten, bei denen einzelne Personen den Großteil der Güter an sich zu reißen vermögen, geradezu naturgesetzlich oder metaphysisch notwendig seien.

Im persönlichen Leben kann Petersons sogenanntes „Gesetz“ dazu führen, dass die menschliche Existenz primär als Konkurrenzkampf verstanden wird. Wer den Kampf um die höchsten Positionen in den Dominanzhierarchien zu einem metaphysischen Prinzip verklärt, gelangt letztlich zu einem gnadenlosen, verzweifelten Menschenbild. Etwas von dieser Gnadenlosigkeit und Verzweiflung habe ich als Leser des Buches immer wieder verspürt, und offenbar ging es auch Micah Meadowcroft ähnlich, der in seiner Besprechung vermerkt:

„Peterson has evolution, and no grace to be found. 12 Rules for Life is a grim book.“

Da ist die zynische, lieblose Haltung, die sogenannte „pickup artists“ (PUAs) gegenüber Frauen einnehmen, fast schon die logische Folge; nicht zufällig wird Peterson (zumindest seine Videos) in der PUA-Szene eifrig rezipiert. Dem PUA geht es vor allem darum, als „dominantes Männchen“ zu erscheinen und auf diese Weise möglichst effektiv Frauen ins Bett zu kriegen.

In der zitierten Rezension kritisiert Meadowcroft nicht nur Petersons naturalistisches Menschenbild, bei dem die Evolutionsbiologie zur Hauptquelle anthropologischer Erkenntnisse wird; er merkt zudem aus einer religiösen, christlichen Perspektive an, dass Peterson kein Verständnis von Glaubenswahrheit und erst recht keines von Gnade besitze. Ich möchte Meadowcroft hier zustimmen. Peterson zitiert die Bibel häufig, sie ist ihm aber nur eine Quelle symbolisch „verkleideter“ anthropologischer Wahrheiten und keinesfalls – wie für einen Gläubigen – das Wort Gottes.

Dieser Umgang mit der Bibel ist im Prinzip legitim. Dennoch macht er deutlich, dass die Anmutung der Gnadenlosigkeit und des Zynismus, die Petersons Buch stellenweise erzeugen kann, kein Zufall ist, sondern Ergebnis einer antichristlichen, typisch modernen Haltung, die den Menschen zum Maß aller Dinge macht und die menschliche Freiheit zum Abgott erhebt.

Ohne eine Ahnung von der göttlichen Gnade, die all unserem Streben nach Glück zugrunde liegt und ihm die Richtung gibt, wirken meiner Ansicht nach noch die besten Lebensregeln und Ratschläge eher als Gift und nicht ordnungsstiftend. Insofern ist die hier geäußerte Kritik als Gegengift zu der Dosis Gift, die in Petersons selbsterklärtem „Antidot“ zu finden ist, zu verstehen. Ich hoffe, dass möglichst vielen die Lektüre von „12 Rules for Life“ letztlich zum Vorteil gereichen wird.

 

Literatur

Jordan B. Peterson: 12 Rules for Life. An Antidote to Chaos. Toronto 2018. (Deutsche Übersetzung: 12 Rules for Life. Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt. München 2018.)

2 KOMMENTARE

  1. Ich denke , Peterson geht es um die Betonung eines Gegenstandpunktes zum marxistischen Menschenbild , welches im öffentlichen Diskurs , wenn auch nicht immer klar erkennbar , derzeit tonangebend ist.
    Der Mensch wäre demnach ein völlig flexibles und formbares Wesen und kann von seiner Umwelt beliebig gestaltet werden. Siehe beispielsweise Trotzki und seine Aussagen zum neuen Menschen :
    “Der Mensch wird unvergleichlich stärker, klüger, feiner werden , sein Körper wird harmonischer , seine Bewegungen werden rhytmischer und seine Stimme wird musikalischer werden. Die Formen des Alltagslebens werden dynamische Theatralik annehmen. Der durchschnittlich Menschentyp wird sich bis zum Niveau eines Aristoteles, Goethe, Marx erheben.”
    So eine Aussage kann einen schon Schaudern machen. Es bedarf eben nur der richtigen sozialtechnischen Werkzeuge und dem allgemeinen Glück der Menscheit steht eigentlich nichts im Wege. Und wer meint , mit seine Leuten im Besitz dieser “bahnbrechenden” Erkenntnis zu sein , hat geradezu die Pflicht , die Menscheit zu erlösen und den Himmel auf Erden zu erschaffen. Auch wenn auf den Weg dorthin , durchaus gewisse Auswüchsen zu beobachten sind und ein paar häßliche Begleiterscheinungen unvermeidlich sind , so liefert das große Ziel doch letztendlich jegliche moralische Legitimation , ist das gute Ziel doch ein verpflichtender Appel im Namen der ganzen Menschheit..
    Karl Popper hat in seinem Werk “Die offene Gesellschaft und ihre Feinde” eindringlich vor solchen Ideologien gewarnt.
    Der Mensch ist meines Erachtens eben keine tabula rasa , auf die nur das richtige Programm geschrieben werden muß.
    Er ist vielmehr ein Wesen mit evolutionärer Vergangenheit. Ein Teil des Programms ist bereits geschrieben , eine Art menschliches BIOS.
    Auch Autoren wie Jared Diamond weisen auf das evolutionäre Erbe des Menschen hin ( Der dritte Schimpanse ) und Schildern anschaulich , wie die alten Gene in uns wirken. Der Genotyp bestimmt den Phänotyp ( Jedenfalls wohl in der Regel ). Doch zum Phänotyp gehören nicht nur das Geschlecht , die Hautfarbe und der Körperbau , auch sein Verhaltensrepertoire gehört zur Grundausstattung des Menschen. Eine Einsicht , bei der es uns im Grunde genommen bei allen Tierarten leichtfällt , diese zu bestätigen , nur eben beim Menschen mag man dabei ein Unbehagen verspüren.
    Der Mensch hat einerseits eine gewisse soziale und kognitive Flexibilität , er hat aber andererseits auch eine conditio humana , naturgegebene Erscheinungsformen die sein Wesen ausmachen , wie bei jedem anderen Tier.
    Mit der Thematisierung des männlichen Dominanzverhaltens möchte Peterson sicherlich nicht jedes schlechte Verhalten entschuldigen. Es gilt wohl , zuerst anzuerkennen , daß dieses genetisch manifestiert ist und evolutionär selektiert wurde.
    Jungen und Mädchen sind in ihrem Verhalten verschieden , weil es sich im evolutionären Prozeß als vorteilhaft erwiesen hat so verschieden zu sein. Da ist moralisch nichts Gutes und nichts Schlechtes zu erkennen. Die Natur ist da völlig blind.
    Diese Verhaltensprägungen sind eben auch am Verhalten des modernen Menschen beobachtber , sie sind ja nicht verloren gegengen.
    Die heutige Gesellschaft ist im Vergleich zu genetischen Erbe der Menschen sehr jung.
    Ich vermute , Peterson möchte mehr die Natur des Menschen berücksichtigt wissen. Eine Gesellschaft sollte sich auch ( aber nicht nur ) am Motiv der “artgerechten Tierhaltung” orientieren und nicht versuchen den Menschen in einem weiteren der unzähligen und unseeligen Gesellschaftsexperimente zu deformieren.
    Eine Gesellschaft , die näher am “Wesen” des Menschen ist , könnte spannungsfreier sein.
    Zugegeben , das ist natürlich alles andere als einfach zu klären. Die Fragen haben es in sich. Was das “Wesen” sein könnte , wird bei näherer Betrachtung schnell einen komplexen Rahmen annehmen.
    Vielleicht ist es auch an der Zeit , sich wieder ein wenig mehr Denkern wie Arnold Gehlen , Niklas Luhmann oder John Ralws zuzuwenden.

    • Vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie haben recht, der Mensch wird sehr stark durch seine Stammesgeschichte im Verhalten bestimmt. Da möchte ich den Befunden von Jared Diamond und anderen gar nicht widersprechen. Die Frage ist nur, ob der Mensch nichts anderes als ein hochentwickelter Primat ist. Die Perspektive der Evolutionsbiologen “von außen” ist legitim, sie muss aber durch die “Innenperspektive” menschlicher Erfahrungen ergänzt werden. In der Biologie können die Erfahrung des Schönen, des Zweckfreien, des absolut Guten, des Unbedingten, der Gnade und viele andere menschliche Grunderfahrungen schon aus methodischen Gründen nicht vorkommen. So besteht die Gefahr, dass man den Menschen aus der biologischen “Außenperspektive” zu einer Bio-Maschine im Konkurrenzkampf mit anderen Bio-Maschinen erklärt und darüber vergisst, was unsere Grunderfahrungen sind, bzw. diese zu bloßen Illusionen herabwürdigt – wie zahlreiche Naturalisten. (Robert Spaemann hat den unhintergehbaren Dualismus von Innen- und Außenperspektive sehr gut dargestellt in seinem Aufsatz “Deszendenz und Intelligent Design” aus dem Sammelband “Das unsterbliche Gerücht”.) Zudem sehe ich bei manchen Biologen – und auch bei Peterson – die Tendenz, dass man vor lauter Konkurrenzkampf und “egoistischen Genen” (Dawkins) Erfahrungen der Kooperation, der Selbstlosigkeit und Selbstaufopferung kleinredet.

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