It’s the culture, stupid! Alain de Benoist neuaufgelegt

0

Der französische Philosoph Alain de Benoist gilt als einer der wichtigsten Vordenker der Neuen Rechten. Wer dieses geistige Phänomen verstehen will, kommt an ihm nicht vorbei. Das gilt vor allem deshalb, weil für ihn nicht Partei- oder Tagespolitik im Vordergrund steht, sondern der vorpolitische Raum, die Kultur und die Metapolitik. Umso wichtiger, dass eine seiner bedeutendsten Schriften, Kulturrevolution von rechts, durch eine Neuauflage im Dresdener Jungeuropa Verlag wieder zugänglich gemacht wurde.

Benoist widmet sich der „neuen und der alten Rechten“ und grenzt beide Erscheinungsformen des rechten Denkens voneinander ab, ohne dabei jedoch grundlegende Übereinstimmungen zu verschleiern. Ferner bezieht der Autor Stellung gegen die „reduktionistischen Einseitigkeiten“, die in allen politischen Spektren ihr Unwesen treiben und plädiert daher für eine ganzheitliche (holistische) Sichtweise der menschlichen Existenz. Von herausragender Wichtigkeit ist ihm, keinerlei Zugeständnisse an der politischen Gegner zu machen und sich auf keinen Fall in die Defensive drängen zu lassen. Hier führt er das Beispiel der überzeugten Marxisten an, die sich trotz der enormen Leichenberge marxistischer Regime oft nicht im geringsten dazu gezwungen sehen, ihre Positionen zu überdenken, während jeder „Rechte“ für vermeintlich „faschistische“ Verbrechen vollumfänglich moralisch haften soll.

Benoists Überzeugung:  Schlagt den Feind mit seinen eigenen Waffen!

Im mit Abstand wichtigsten Abschnitt des Buches über die „kulturelle Macht“ bezieht sich Benoist explizit auf den italienischen Kommunisten Antonio Gramsci, der unter Mussolini jahrelang in Haft saß und dort seine berühmten „Gefängnishefte“, 33 an der Zahl, schrieb. Grundsätzlich handelte es sich um eine marxistische Selbstkritik, in welcher Gramsci das Scheitern der Weltrevolution und den Aufstieg des Faschismus zu erklären versuchte. Sein Ergebnis: Damit eine Revolution wahrhaftig siegreich sein kann, muss sie zunächst nicht die Parlamente stürmen, sondern die Köpfe und Herzen der Menschen erobern: „Man kann keinen Lenin haben, bevor man einen Marx hatte“, so die Überzeugung Benoists (und auch Gramscis).

Der Staat ist nur der politische Apparat der bürgerlichen Gesellschaft, der die zirkulierenden Ideen und Überzeugungen repräsentiert. Erst wenn die sozialistische Linke die „kulturelle Hegemonie“ innehat, erst wenn die politischen Positionen in jede Nische des Gemeinwesens eingedrungen und somit konsensfähig sind, lässt sich die Revolution erfolgreich gestalten. Benoist analysiert Gramsci von rechts, wendet ihn auf unsere heutige gesellschaftspolitische Situation an und nutzt die ehemals linke Herrschaftskritik, um auf die aktuellen Missstände innerhalb der liberalistischen (Un-)Ordnung aufmerksam zu machen. Es gilt also, die ungemein wichtige Sphäre der Kultur nicht den Linken und Liberalen zu überlassen, sondern konservativ-revolutionäres Denken abseits der tabuisierten politischen Randzonen Schritt für Schritt zu etablieren. Hier habe die „Rechte“ seiner Ansicht nach seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf ganzer Linie versagt. Mit dem Bezug auf linke Autoren gelang es de Benoist der Rechten neue Anknüpufungspunkte und Auswege aus vergangenheitsbezogenen Diskussionen zu eröffnen.

Say no to Racism!

Grundlegend im Denken von Alain de Benoist ist die Ablehnung des Rassismus, die ihm von rechtsaußen nicht geglaubt und von links nicht abgekauft wird. Für jeden, der sich vom „Smarties Dogma“ verabschieden will, also der Vorstellung, dass alle Menschen, egal welcher Abstammung, einen schokoladigen Kern hätten, sprich „gleich“ seien, findet bei Benoist viele überzeugende und stichhaltige Argumente. Beide Sichtweisen bezüglich dieses Themenkomplexes, also sowohl die (rechte) biologistische als auch die (linke) universalistische werden einer messerscharfen Kritik unterzogen. Benoists großes Verdienst ist es, durch die intellektuelle Redlichkeit seiner Zurückweisung der Dogmen sowohl den Liberalen als auch den extremen Rechten sowie den extremen Linken innerhalb eines Gedankengebäudes die Zornesröte ins Gesicht zu treiben.

Besonders für Einsteiger ist das Buch eine wahre Fundgrube: egal ob es um das Verhältnis des Einzelnen zur (gewachsenen) Gemeinschaft, zum Liberalismus und zum Sozialismus, um Verwurzelung, Geschichte und Identität geht: Zu jedem Thema wird, obwohl die Texte schon mehr als 30 Jahre alt sind, erfrischendes beigetragen, weshalb sich das Buch auch äußerst aktuell liest. Obwohl man anhand des Titels glauben könnte, es ginge nur um die Rückeroberung des kulturellen Raumes, bewegt sich der Autor auch auf dem Terrain der Selbstverständlichkeiten, die es gerade im heutigen „geistigen Bürgerkrieg“ immer wieder herauszustellen gilt, wie z.B. die Wichtigkeit des „territorialen Imperativs“ nach Robert Ardrey:

„Der Mensch hat einen Territorialinstinkt, und wenn wir unser Heim und unser Vaterland verteidigen, so geschieht dies aus biologischen Gründen; nicht weil wir es tun wollen, sondern weil wir es tun müssen.“

Aristrokratie des Geistes

Benoist plädiert darüber hinaus für die Bildung von geistigen Eliten, die, von einem aristokratischen Pflicht- und Ehrgefühl erfüllt, in „Zentren und Seminaren“ die Saat für die neu aufgehenden Ideen streuen sollen. Spannend liest sich auch der kleine Exkurs in die Geschichte der (europäischen) Aristokratien. Der inneren Dialektik zwischen Volk und Elite liegt nach Auffassung des Autors folgender Wirkmechanismus zugrunde:

Wenn sich die Völker nach ihrer Fähigkeit beurteilen lassen, aristokratische Eliten hervorzubringen, so lassen sich die Aristokratien nach ihrer Fähigkeit beurteilen, die ideellen Werte zu verwirklichen, in denen sich ein Volk instinktiv wiedererkennt.“

Wer sich die aktuellen Zustände vergegenwärtigt, kann dem Autor in seiner Forderung nach einer neuen geistigen Aristokratie nur zustimmen. Positiv in Erinnerung bleibt auch der Ansatz einer geistig-politischen Typologie der Deutschen, die aufgrund der französischen Perspektive einige hoch interessante Wesenszüge offenbaren, die man vielleicht selbst manchmal nicht im Blick hat. Überspitzt formuliert hält man uns den Spiegel vor:

„Vermutlich hängt dieser Extremismus zusammen mit einer gewissen Grundanständigkeit, mit einem gläubigen Temperament. (…) Die Deutschen glauben, was in den Zeitungen steht. Sie glauben das, was im Spiegel steht – so wie sie gestern glaubten, was im Völkischen Beobachter stand.“

Befehl: Kaufen und Lesen!

Trotz der Tatsache, dass es sich bei den Texten um weitgehend trockene Kulturtheorie handelt, verpackt Benoist seine luziden Analysen in eine angemessene Sprache ohne unnötige Abschweifungen.

Besonders gut gelungen sind die kurzen, teils nur halbseitigen Anmerkungen zu einzelnen Themenkomplexen (z.B. „Die monopolistische Ideologie“, „Der Vorrang der materiellen Werte“, „Auflösung der Gemeinschaft“ oder „Bestimmung des Gegners“) in den letzten beiden Kapiteln. Auch hier trägt Benoist dem „Mangel an Versöhnung“ Rechnung: Klare Positionen, keine Kompromisse.

Abgerundet wird die Neuauflage – neben der ansprechenden Gestaltung des Covers – durch das Vorwort von Armin Mohler, der Text und Autor schon 1985 für den deutschen Leser einordnete, und eine Einführung des Benoist-Experten Michael Böhm. Ein breites Interesse am Autor, an dem Buch und seinem Inhalt ist dem Jungeuropa Verlag herzlich zu wünschen.

Alain de Benoist, Kulturrevolution von Rechts, Jungeruopa Verlag, Dresden 2017.  Hier bestellen