Grundlagen der Technikphilosophie: Grenzen der Technokratie

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Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi (C-K), der Gründer der Paneuropa-Union, schrieb 1922 ein frühes Manifest für die Technik unter dem Titel „Apologie der Technik“. Es atmet den pathetischen Geist des Futurismus und dessen Feier der Technik, ohne allerdings in dessen Lobeshymne auf großstädtisches Leben und vitalisierende Kräfte von Kriegen einzustimmen.

C-K geht vielmehr davon aus, daß es verschiedene Epochen im Verhältnis des Menschen zur natürlichen Umwelt gab: Im Zeitalter der Jagd erlangte der Mensch die Herrschaft über die Tierwelt, im Zeitalter des Krieges rangen die Menschen untereinander um die Verteilung der von den Tieren eroberten Erde. Gegenwärtig können weder Jagd noch Krieg die lebensnotwendigen Güter bereitstellen.

“Die Entscheidungskämpfe der Menschheit um Freiheit und Macht spielen sich heute an der Front der Arbeit ab.“

Der Krieg sei zu seiner Zeit für den Kulturfortschritt wesentlich und notwendig gewesen – heute sei er ein anachronistischer Kulturschädling. Das Zeitalter der Arbeit unterteile sich in das des Ackerbaus und das der Technik. Träger von letzterem sei Europa, genauer: „das geniale Promethiden-Volk der germanisierten Europäer”. Der Europäer, „der bis dahin längst ausgestorben sein wird“ [kleiner Hinweis auf die im Zuge seiner Paneuropa-Konzeption geäußerten Überzeugung, daß die Europäer sich in einer hellbraunen Mischrasse auflösen würden – d.A.], werde von einer künftigen Menschheit als Vater der technischen Weltwende gepriesen werden.

Gründe für „Tatkraft und Erfindergeist“ der Nordeuropäer sieht C-K im menschenfeindlichen Klima dieser Landschaft, das Kontemplation nicht zuließ, und in seiner Überbevölkerung. Die Technik ermöglichte ein Überleben in rauer Natur für sehr viele Menschen auf beschränktem Boden, das auf „natürlichem“ Wege nicht möglich gewesen wäre. Die Technik stelle einen ähnlichen Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte dar wie die Entdeckung des Feuers. „Mit dem Mittelalter schloss der Kulturkreis des Eisens – mit der Neuzeit beginnt die Kultur der Maschine: hier beginnt nicht eine neue Kultur – sondern ein neues Zeitalter.“

Die Eschatologie des Fortschritts

Was hat uns diese recht spekulative und auch etwas naiv wirkende Technikeuphorie heute noch zu sagen? Ihr Erkenntniswert liegt für mich in ihrer Eschatologie: Für C-K herrschen im Europa der zweiten industriellen Revolution nicht gerade vorbildliche oder gar erstrebenswerte Lebensverhältnisse. Der typische Fabrikarbeiter bekommt eine wesentlich niedrigere Lebensqualität bescheinigt als sie der glückliche Wilde der Vorzeit noch gehabt habe. Der habe seine Triebe befriedigen können und als glückliches Tier frei in der Natur gelebt, die ihn nährte und wärmte. Der europäische zeitgenössische Fabrikarbeiter hingegen müsse Tag für Tag, an seine Maschine gekettet, unorganische Handgriffe verrichten.

Er, der sich für den Gipfel der Zivilisation hält, lebe „in unnatürlichen und hässlichen Städten ein unnatürliches, hässliches, unfreies, ungesundes, unorganisches Leben. Mit verkümmerten Instinkten und geschwächter Gesundheit atmet er in düsteren Räumen verdorbene Luft; die organisierte Gesellschaft, der Staat, raubt ihm jede Bewegungs- und Handlungsfreiheit, während ein rauhes Klima ihn zu lebenslanger Arbeit zwingt.“ Freiheit, Muße und Natur, die das Dasein des Naturmenschen prägten, seien durch Staat, übervölkerte Stadt und Arbeit ersetzt worden. Diesen Zustand sieht C-K allerdings nur als unerfreuliches, aber notwendige Übergangsstadium an.

Denn hier setzt seine Eschatologie ein: Eine neue Technik würde dafür sorgen, daß der derzeitige Arbeitsstaat sich allmählich in einen Kulturstaat verwandeln würde. „Endziel der Technik ist: Ersatz der Sklavenarbeit durch die Maschinenarbeit; Erhebung der Gesamtmenschheit durch eine Herrenkaste, in deren Dienst ein Heer von Naturkräften in Maschinengestalt arbeitet.“

Vom Arbeiter- zum Kulturstaat

Nietzsches kommendes Weltreich der Kultur mit seinem Übermenschen, dem starken, vollendeten Menschen, sei die erforderliche Romantik der Zukunft. Heute sei der Arbeiter nur zu einem geringen Teil Mensch, weil zum größten Teil als Maschine agiere. In der Zukunft werde die Maschine das Maschinelle, Mechanische der Arbeit übernehmen und dem Menschen das Menschliche, das Organische überlassen. Die verbleibende menschliche Arbeit werde durch Individualisierung und Vergeistigung geprägt sein. Die freie und schöpferische Komponente der Arbeit werde gegenüber der automatisch-mechanischen, die geistige gegenüber der materiellen wachsen. Im Zuge dessen könnten sich Großstädte auflösen und die Menschen wieder nah der Natur leben.

Den Arbeitsstaat sieht C-K als letzte Etappe des Menschen auf seinem Wege in das Kulturparadies der Zukunft. In ersterem habe niemand das Recht auf Muße, ja es müsse gar eine allgemeine Arbeitspflicht geben, bis Technik und Organisation und eine damit einhergehende Produktionssteigerung eine freiwillige Arbeit ermöglichten. Der Kulturstaat der Zukunft werde kein Produzentenstaat mehr sein, sondern ein Konsumentenstaat: „seine Produktion wird von den Konsumenten kontrolliert werden- nicht wie heute der Konsum durch die Produzenten. Er wird nicht dem Gewinn – sondern der allgemeinen Wohlfahrt und Kultur zuliebe produziert werden: nicht um der Produzenten, sondern um der Konsumenten willen.

Es ist die künftige Mission des Parlaments, die übereinstimmenden Interessen aller Konsumenten zu vertreten und zu verteidigen gegen die divergierenden Interessen der Produzentengruppen, deren Sprachrohr heute noch die Abgeordneten und Parteien sind.“ C-K sieht wohl, daß diese Entwicklung einen regelrechten Umsturz der bisherigen gesellschaftlichen Verhältnisse in Europa darstellt. Er hält nicht weniger als die Abschaffung  wirtschaftlicher Konkurrenz und die Abkehr vom bisherigen Typ des Kapitalismus für erforderlich, um die Fundamente der ersehnten künftigen Kultur zu errichten: die maximale Technisierung hin zu einem europäischen Maschinenpark und die rationellste Arbeitsorganisation.

„Kapitalismus und Kommunismus sind ebenso wesensverwandt wie Katholizismus und Protestantismus, die sich durch Jahrhunderte für extreme Gegensätze hielten und mit allen Mitteln blutig bekämpften. Nicht ihre Verschiedenheit, sondern ihre Verwandtschaft ist die Ursache des erbitterten Hasses, mit dem sie einander verfolgen.“

Kommunismus und Kapitalismus teilen die selbe Logik

Daß er sich damit den kommunistischen Vorstellungen über den Gang des gesellschaftlichen Fortschrittes und dessen Endziel annähert, ist ihm bewußt, und er reflektiert das Verhältnis von modernem Kapitalismus und real existierendem Kommunismus in der Sowjetunion wie folgt:

  1. Sowohl europäischer Kapitalismus als auch russischer Kommunismus wurzeln im Entwicklungs- und Fortschrittsglauben. Beide gehen davon aus, daß der gegenwärtige Arbeitsstaat ein notwendiges Übergangsstadium hin zur freien, kulturvollen und humanen Gesellschaft darstellt.
  2. Beide sind Arbeitsstaaten – nicht mehr Kriegsstaaten und noch nicht Kulturstaaten. Beide stehen im Zeichen von Produktionssteigerung und technischer Vervollkommnung. Beide werden von Produzenten beherrscht: der kommunistische von den Führern der Industriearbeiter – der kapitalistische von den Führern der Industriellen.
  3. Beide unterliegen dem Pathos des Krieges gegen die Naturkräfte und deren endgültiger Beherrschung.

Diese Einschätzung ist insofern interessant, als daß sich C-K damit souverän über den Zeitgeist des Antikommunismus und der Russophobie hinwegsetzt und auf etwas hinweist, das  noch heute kaum gedacht wird: Die sozialistisch-kommunistischen Gesellschaften haben die Logik des Kapitalismus nicht wirklich außer Kraft gesetzt, sondern sie nur auf andere Weise sich durchsetzen lassen. Sie trugen nie wirklich die Potenz einer emanzipativen Alternative zu kapitalistisch formatierten modernen Gesellschaften in sich. Die kommunistische Ideologie, die tatsächlich wirksam wurde, hat weniger an die sozial-emanzipativen Züge der Marxschen Theorie angeknüpft als an deren ökonomische.

„Kommunismus – das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“ – dieses Diktum Lenins zeigt in nuce das ganze Dilemma auf: Lenin hatte denselben Technokraten-Blick auf Gesellschaft wie C-K, wenn dieser schreibt: „Am besten freilich wäre ein universeller, allgemeiner Reichtum – aber er liegt in der Zukunft, nicht in der Gegenwart: ihn herbeiführen kann nur die Technik, nicht die Politik.“

Es scheint, daß es am Ende unerheblich ist, welche gesellschaftlichen und Eigentumsformen auf einem Territorium herrschen. Alle haben Vor- und Nachteile. Entscheidend ist, wie förderlich sie der Durchsetzung modernster Technik und der Produktionssteigerung sind – denn nur die allein vermögen Fortschritt zu bringen. Eine Auffassung, die scheinbar heute noch von der expandierenden Wirtschaft der Volksrepublik China bestätigt wird. Völlig aus dem Blick solcher technokratischen Überzeugungen gerät, daß menschlich-naturverbundene, unentfremdete Lebensweisen nicht im Selbstlauf technischer Entwicklung entstehen.

Technokratie ohne Meschlichkeit

Letztere dient der Steigerung der Bequemlichkeit, der Unterhaltung, im Zuge der allgemeinen Digitalisierung auch der Gesunderhaltung zumindest desjenigen Teiles der Menschheit, der sich all den Luxus leisten kann, und – im Kapitalismus – dem Profit von Unternehmen. Aber Sinn, Inhalt und menschliche, erfüllende Formen des Zusammenlebens kann Technik nicht liefern. Es steht sogar zu befürchten, daß die weitere Technisierung einer Humanisierung der Gesellschaften im Wege steht, weil sie alle und alles auf Rationalität, Effektivität, Zerstreuung und materiellen Wohlstand trimmt und die Frage nach dem „guten Leben“ der Ratgeberliteratur überläßt.

Gesellschaftliche Ziele jenseits der Technisierung werden noch nicht einmal gesucht. Die Mehrheit der Menschen einschließlich der Politiker überläßt sich – optimistisch oder angstvoll – dem Selbstlauf der technischen Entwicklung. Eine von Normen, Werten und Idealen getragene Strategie für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung wird – vermutlich aufgrund einer naiven Marktideologie – gar nicht erst angestrebt. Angesichts einer global vernetzten (Markt-)Wirtschaft scheint es auch gar nicht mehr möglich zu sein, daß national verfaßte Gesellschaften der technischen Entwicklung noch Ziele, Richtungen und Grenzen vorgeben – nicht einmal die EU hätte diese Freiheit noch.

Eine Ahnung von den Gefahren technischer Priorisierung hatte C-K gleichwohl: „Von der Ethik hängt es ab, ob die Technik den Menschen in die Hölle führt oder in den Himmel. Die Maschine trägt einen Januskopf: geistvoll gehandhabt wird sie Sklavin des Zukunftsmenschen sein und ihm Macht, Freiheit, Musse und Kultur sichern – geistlos gehandhabt, wird die Maschine den Menschen versklaven und ihm den Rest seiner Macht und Kultur rauben. Gelingt es nicht, die Maschine zu einem Organ des Menschen zu machen – so muß der Mensch zu einem Bestandteil der Maschine herabsinken. Technik ohne Ethik ist praktischer Materialismus: er führt zum Untergang des Menschlichen im Menschen, und zu seiner Verwandlung in eine Maschine; er verleitet den Menschen, sich zu veräusserlichen und seine Seele an Dinge hinzugeben. Aller technische Fortschritt aber wird schädlich und wertlos, wenn der Mensch, indes er die Welt erobert, seine Seele verliert: dann wäre es besser, er wäre Tier geblieben.“

Ausblick

Wie eine solche Ethik in der Marktwirtschaft Wirkung entfalten soll, darüber äußert sich C-K nicht. Und so aktuell seine Warnung auch klingt – am Wesentlichen geht sie vorbei, nämlich daran, daß die „Maschine zu einem Organ des Menschen zu machen“, wozu wir ja gerade im Wortsinn auf dem Weg sind, den Menschen zu einem anderen Wesen macht und genau in das Wertvollste an ihm, seine Seele, eingreift – mit offenem Ende. In anderer Hinsicht scheint C-K schon sehr früh klar gesehen zu haben: so wenig sympathisch einem sein Ideal von der Versklavung der Natur durch den Menschen auch sein mag – an ein Leben der Menschheit in Einheit mit der Natur ist angesichts des Quantums der Weltbevölkerung und deren stetigem Anstieg nicht zu denken.

Da weltweit kein politischer Wille besteht, diesen Prozess umzukehren, scheint man einzig auf technische Mittel hoffen zu müssen, um wenigstens eine Chance zu haben, die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit überhaupt noch erhalten zu können.

Literatur:

Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi: Apologie der Technik, Reprint der Erstausgabe im Verlag Der Neue Geist, Leipzig 1922 in Forgotten Books 2018

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