Die Universitätsbibliothek

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Der spezifische, eigene Geist einer Epoche ist stets spürbar und allgegenwärtig. Er durchdringt unsere Umgebung und prägt selbstverständlich auch unsere Wahrnehmung. Besonders repräsentativ können administrative Bauwerke sein, hinter denen sich sowohl herrschaftliche als auch ideologische Ansprüche verstecken.

Weil Architektur und die Begegnung mit ihr sich alltäglich abspielt, kann sich niemand diesem Einfluss entziehen, egal wie subtil sich die Wirkung im Einzelnen entfalten mag. In der Moderne tritt der Aspekt des “demokratischen” Bauens hinzu, der die Symbolsprache klassischer Bauten in Form von Offenheit und Transparenz zu überwinden sucht. Alles soll dem geistigen Anspruch der demokratischen Grundordnung Rechnung tragen. Viel Glas soll also heißen: hohe Transparenz, Rationalität und Nachvollziehbarkeit.

Ein plastisches Beispiel für demokratisierte Raumgestaltung befindet sich an der Universitätsbibliothek in Münster. Der Eingang der Bibliothek ist eine gläserne Halle, die auf den Besucher einladend und offen wirken soll. Geht man auf dieses Gebäude zu, so springen große, knallroten Buchstaben die den Schriftzug „GEHORCHE KEINEM“ tragen, in das Auge. Der Schriftzug ist an der Front der Glasfassade mit zwei Metern unübersehbar und geht einmal quer über das Gebäude herum. Der nüchterne Stil des Gebäudes sowie der des Schriftzugs stechen klar hervor. Sofort erkennbar und ohne die Implikation architektonischer oder handwerklicher Tradition wird das Gebäude zum Träger einer unmissverständlichen Botschaft. Der Schöpfer dieses Kunstwerks stellt dabei vor allem den erzieherischen Auftrag in den Vordergrund; es soll eine „kritische Nutzung von Informationen“ sowie eine „Offenheit, den Blick zu ändern“ bewusstgemacht werden.

Doch: Zwei Gegensätze prallen hier schroff aufeinander. Auf der einen Seite eine selbstgefällig-destruktive Parole, die sich mit Leichtigkeit propagieren und einfordern lässt, auf der anderen Seite eine Bibliothek, die eine Ansammlung von Wissen und Entwicklungsprozessen einer ganzen Zivilisation repräsentiert und deren Einarbeitung zugleich große Mühen und Sorgfalt erfordert. Die Parole steht für eine restriktive Geisteshaltung, die den Anspruch vermittelt, alles kritisieren und in Frage stellen zu dürfen, ohne es zunächst durchdacht und wahrgenommen zu haben. So geht doch auch die Aufforderung keinem zu gehorchen dem unmittelbaren Kontakt mit den Büchern, also dem Wissen, voraus. Dieser Vorsprung der Parole stellt somit eine Symbolsprache dar, in der die Haltung zu den Dingen wichtiger ist, als die Dinge selbst.

Die Kombination von Architektur und die Verwendung des Mediums Sprache stellt eine besonders aggressive Methode dar, öffentliche Gebäude in einen politischen und erzieherischen Kontext zu setzen und zu instrumentalisieren. Die Kommunikation zwischen dem Betrachter und dem Gebäude verläuft nicht subtil, sondern ganz offen. Der Betrachter wird zu einer individuellen Kenntnisnahme gezwungen und dadurch zugleich in einen Prozess der Individualisierung eingebunden. Die Kommunikation läuft direkt und soll nicht, wie es bei klassischen, antiken Bauten der Fall ist,  Zeuge einer höheren geistigen Ordnung sein, sondern im Gegenteil, subkutan wirken und im Bewusstsein des Fortschritts alles Überlieferte in Frage stellen.

Dieses Beispiel zeigt vor allem: Der Geist der Gegenwart liegt darin, Dinge aus ihrem Kern herauszulösen und einer kritischen, dekonstruktivistischen Methode zu unterziehen. Zwangsläufig muss diese Methode auch die Zerstörung der eigenen Grundlagen beschleunigen, weil sie nicht in der Lage ist, schöpferisch zu gestalten.