Fritz Hörauf: Vernissage in der Villa Meixner

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Für halbe Sachen stellt sich Fritz Hörauf nicht zur Verfügung: Veranstaltungen in Räumlichkeiten, die einen anderen Geist als den ihm gemäßen atmen, sagt der Münchner Maler entweder von vornherein nicht zu oder aber nach reiflicher Überlegung wieder ab. Nicht so jedoch die Vernissage, die für den 10. Mai in der Villa Meixner zu Brühl (Baden) anberaumt war. Man durfte folglich gespannt sein darauf, warum das 1899 erbaute Jugendstil-Haus Gnade fand vor den blaugrünen Augen des bisher einzigen zu Lebzeiten gekürten Leinwandhelden.

Fritz Hörauf in Begleitung vor der Villa Meixner.

Bald und von fern schon, durch die bloße Außenansicht des verwinkelten Baus, hat sich freilich alle Spannung verflüchtigt: In diesen Mauern, so wird auf den ersten Blick deutlich, wäre keine spiritistische Séance fehl am Platz; hier hätte sich Albert von Schrenck-Notzing nicht weniger heimisch gefühlt als Ludwig Derleth – mit einem Wort: der erlesene Veranstaltungsort darf zumindest atmosphärisch und architektonisch als badische Exklave von Höraufs Schwabing gelten.

Als ich mit leichter Verspätung den gutbesuchten Hauptsaal betrete, steht der Maler schweigend vor seiner ‚Treppe‘, die im Vergleich mit der ursprünglichen Sepia-Fassung des Motivs einen Eindruck davon vermittelt, dass in jener Enthüllung von bisher Unsichtbarem, als welche Hörauf seine künstlerische Arbeit wahrnimmt, bis zu einem gewissen Grad immer auch Entweihung mitschwingt: Schicht um Schicht wird arkanen Sphären an der Leinwand so unerbittlich zu nahe getreten, dass matte Skizzen mitunter flirrender und verheißungsvoller anmuten mögen als vollendete Ölgemälde.

Nach seinem persönlichen Grußwort an die versammelten Schaulustigen lauscht Hörauf angeregt einem Gast, den man ebenfalls als Leinwandhelden zu kennen glaubt, wenn auch eher als zelluloidenen: Robert Langdon, sonst im Louvre über obskure Anagramme gebeugt oder den Vatikan vor der Annihilation durch die Illuminaten bewahrend, liest in adäquatem Ambiente aus seinen sizilianischen Reise-Impressionen, ‚Die Glut des Augenblicks‘ überschrieben und von Matthes & Seitz verlegt. Erst im Verlauf des Abends wird sich herausstellen, dass der weitgereiste Vortragende zwar als Zwillingsbruder des fiktiven Harvard-Professors durchgehen könnte, tatsächlich aber auf den Blockbuster-fernen Namen Jochen Winter hört und bisher eher mit hochgestochener Poesie für handverlesenes Publikum hervorgetreten ist denn mit Mystery-Thrillern für die ganze Familie.

Jochen Winter (oder ist es doch Langdon?) vor Höraufs ‚Treppe‘.

Als ich Winter anschließend bei Tisch zu fragen beabsichtige, in welchem Brotberuf er denn frone, um ansonsten der Dichtung frönen zu können, belehrt mich der Einband eines seiner Werke, dass er als Übersetzer in Paris ansässig sei. Weiterhin verrät das Innere des Bandes, wie nachhaltig der genius loci dieser Stadt auf ihre langjährigen Bewohner einzuwirken scheint: So sind Winters Verse nicht selten – ein Ritterschlag für jeden zeitgenössischen Lyriker – nur mit Mühe von denen Paul Celans unterscheidbar, der sich 1970 vom Pont Mirabeau in die Seine stürzte, nachdem er in einem Brief Brentanos an Hölderlin den Satz markiert hatte: „Manchmal wird dieser Genius dunkel und versinkt in den bitteren Brunnen seines Herzens.“ Höraufs Verbindung zu Winter jedenfalls dürfte eine bereits weiter zurückreichende sein: Schon in der 1990 veröffentlichten ‚Diamantenen Stunde‘ findet sich ein Gedicht, das der Bildhauerin und Autorin Tamara Ralis – der Jugendliebe des Malers – gewidmet ist.

‚Arkadische Landschaft‘ (1989)

Wie Winter, so ist auch Hörauf von Berufs wegen mit dem Augenblick und seiner Glut befasst: Doch gebietet der Münchner Künstler, dessen Figuren in aller Regel wie Petrefakte daherkommen, in seinen Bildern dem Zeitstrom kaum jemals eigenmächtig Einhalt. Statt die Dynamik des Augenblicks in ein stehendes Bild einzufrieren, wie etwa Caravaggio es tut, wenn er im ‚Abendmahl zu Emmaus‘ das Gewand eines Jüngers am Ellbogen durch die ruckartige Bewegung während der unverhofften Offenbarung reißen lässt, setzt Hörauf mit Vorliebe solche Szenen ins Bild, die a priori statisch und wie gefroren wirken, worin sie nicht zuletzt an die absonderlichen Darstellungen aus dem spätgotischen Stundenbuch des Herzogs von Berry erinnern: Dort wie bei Hörauf findet man Gestalten einberufen und abgebildet, von denen niemand ohne Weiteres annehmen würde, dass sie sich jemals bewegt haben.

‚Arkadische Landschaft’ (Detail)

Lange bevor Franz Josef Strauß nach seinem Tod durch Ernst Jünger als „barocke Figur“ gewürdigt wurde, hatten die Münchner Asamkirche oder aber die Klöster Ettal und Weltenburg das ‚Bayerische Barock‘ sprichwörtlich werden lassen. Dafür, dass die ‚Bayerische Gotik‘ heutigen Sprechern weniger leicht von den Lippen perlt, kann Fritz Hörauf zuallerletzt haftbar gemacht werden: In der aktuellen BR-Dokumentation über das ‚unsterbliche Mittelalter‘, in der unter anderem die ehemalige Kölner Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner, kürzlich zur deutschen Koordinatorin für den Wiederaufbau von Notre-Dame berufen, mit öffentlich-rechtlicher Lizenz gegen die moderne Architektur stichelt, wird auch dem Schwabinger Maler ein Podium geboten, um über die Gotik als „Prinzip der Entkörperung“ zu sinnieren. Ganz ähnlich – als frühe Verwirklichung nämlich der Wagnerschen Devise ‚Löse von der Welt mich los‘ – nimmt der Lyriker Rolf Schilling in seinem jüngst veröffentlichten Prosaband auf diese Epoche Bezug:

„Allen Baustilen entspricht eine geschichtliche Wirklichkeit, die sich unschwer mit ihnen verknüpfen lässt, nur der Gotik nicht. Man könnte sagen, sie verweise auf Fernstes, Künftigstes, Transzendentes oder besser doch: allein auf sich selbst, sie ist der verwirklichte Traum. Hier ist mehr als die Erde zu bieten vermag, man tritt in andere Bereiche ein. Flugstätten für Engel, Drachen und Dämonen, Türme, die den Blitz auf sich ziehen. Traum-Substanz, nicht nur relikthaft in die Tagwelt gerettet, sondern sie überwiegend als die eigentliche, tiefere, stärkere Realität.“

Szenen wie aus dem herzoglichen Stundenbuch: Höraufs ‚St. Georg‘ (2012).

Hörauf wandelt demnach zumindest insofern auf gotischen Pfaden, als auch seine Visionen ausnahmslos „tagfremd“ (Schilling) bleiben; keines seiner Wesen sucht den Weg in die dreidimensionale Außenwelt, höchstens scheinen die Figuren vereinzelt untereinander Kontakt aufzunehmen: Das Gemälde einer rosafarben gewandeten Frau beispielsweise ist in der Villa Meixner so platziert, dass der ahnungsvolle Blick der Dargestellten geradewegs auf das nebenan präsentierte ‚Tal der Hirten‘ zu fallen scheint, das auch den Titel von Höraufs imposantem Bildband ziert.

Allenfalls mit ihresgleichen in sporadischem Austausch, begeben sich die rund fünfzig in Brühl zu besichtigenden Erscheinungen mit keiner Fiber ihres Daseins in die „welt der gestalten“ herab und hinein. Auch ‚Eingetreten in die Zeit‘, so der Titel eines frühen Gedichts aus der Feder von Jochen Winter, ist hier niemand. Stattdessen verharren Höraufs Geschöpfe wohlweislich just ‚Auf der Grenze‘, wie weitere Verse des Celan-Wahlverwandten und Landgon-Lookalikes überschrieben sind, die den Bogen unserer Rückschau würdig beschließen.

 

Unerhört vom Wein dorrt die Rebe.

Unerkannt vom Fels irrt das Wasser.

Unerlöst von Erde schweigst du, Same.

 

Wohin nun die Lippen sich heben,

Zu empfangen im Spiegel den Hauch –

Stürzt von der Herzwand die Taube.

 

Welchen Namen des Nachts du tilgst

Auf der Tafel, die in Sternen brannte –

Dessen Nimmer bespricht dich, den Staub.

 

Wieviele der Lider du streifst herab,

Wieviele der Gräber du öffnest –

Es wittert voraus der Halm: Jenseits –

 

Jenseits kehrt in die Knospe das Wort,

Enthüllt eine marmorne Seele ihr Auge –

Geht eine Gestalt wie die deine und fügt.

 

 

Signatur Jochen Winters.

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