Europa als Schicksal

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Europas Einheit ist nur eine Frage der Zeit. Es ist das unabwendbare Schicksal der europäischen Völker, den Verwerfungen einer globalisierten, rationalisierten und ökonomisierten Welt gemeinsam die Stirn zu bieten. Die Wahl, vor der die Jugend heute steht, ist nicht die zwischen Europa oder Nationalstaat. Die Entscheidung ist längst gefallen.

Es liegt also an uns, die Weichen für ein junges Europa zu stellen, denn an der Beantwortung dieser Frage werden wir uns messen lassen müssen. Die Jugend allein entscheidet über die Zukunft Europas. Auch die junge Rechte sollte demnach den Sprung nach Europa wagen.

Europa als Vision

Die schärfsten Kritiker des jungeuropäischen Ansatzes stammen aus dem eigenen politischen Lager. Sie fürchten, die ideelle Essenz der Neuen Rechten würde durch „internationalistische“ oder „globalistische“ Töne à la Jungeuropa verwässern und damit jegliche politischen Ambitionen an den Nagel gehängt werden müssten. Sie beschwören das starke mobilisierende Moment der Nation, das von Ostfriesland bis Niederbayern und vom Saarland bis Brandenburg eine Einheit schaffe, und verweisen jeden Gedanken an ein größeres Ganzes umgehend in das Reich der Träume, der Utopie. Politik ist für sie ausschließlich die „Kunst des Machbaren“. Es geht ihnen eher um die Beantwortung konkreter Problemstellungen mittels pragmatischer Lösungen als um eine Vision.

Daher lautet die Devise auch Realpolitik. Angesichts der Masseneinwanderung, des wachsenden muslimischen Einflusses, der sinkenden Geburtenzahlen deutscher Kinder und der „linksgrünversifften“ Elite scheint das Theoriegebäude der Pragmatiker vollständig ausgelastet. Für die Richtigkeit dieses Ansatzes sprechen zunächst die Wahlerfolge populistischer Parteien in ganz Europa und der Umstand, dass der Begriff „Heimat“ gerade zum angesagten Modewort avanciert. Doch man sollte sich davon nicht täuschen lassen.

Selbstredend fällt es heute noch schwer, eine breite Basis für Jungeuropa zu gewinnen. Die (neo-)konservative Bourgeoisie hält Einzug auf die neugewonnenen Futtertröge und es umgibt sie ein Geist des „Containment“, der Eindämmung. Wagemut und Abenteuergeist sucht man vergeblich. Stattdessen beschränkt sich der Neukonservative auf oberflächlichen Aktivismus und das Verfassen von Twitter-Kommentaren, während ihm realpolitisch jeder Gestaltungswille im Grunde zutiefst zuwider ist. Diese Haltung verhindert eine Auseinandersetzung unterhalb der Oberfläche. Verborgen bleibt ihm deshalb, dass Politik immer das Stellen und vor allem die Beantwortung von Machtfragen ist. Das diffuse Wesen dieser Macht und ihrer Verhältnisse verlangt dem politischen Menschen eine mehrdimensionale Herangehensweise und Voraussicht ab – eine Anleitung dafür gibt es nicht.

Die neue Protestkultur, die starke Gegenöffentlichkeit und die konstruktive außer- wie innerparlamentarische Oppositionsarbeit lassen keinen Zweifel zu, dass die Neue Rechte auf Kurs ist. Doch die Gefahr der Sattheit, der Zufriedenheit und Bequemlichkeit, die sich nach „getaner Arbeit“ einstellt, ist nicht zu unterschätzen. Insbesondere dort, wo viel Geld leicht zu verdienen ist, wächst das Gefahrenpotenzial des „Ankommens“ – tödliches Gift für jeden politischen und kulturellen Aufbruch.

Und doch – so wollen es die ehernen Gesetze der Politik – wird der Moment kommen, an dem der Schierlingsbecher zu verlockend erscheint, um ihm zu widerstehen. Spätestens dann, wenn die realpolitischen Ziele erfüllt oder – aufgrund eigener Ohnmacht – obsolet geworden sind, droht der Verlust des revolutionären Impetus (die Sozialisten können davon ein Lied singen). Besitzstandswahrung ist dann das Gebot der Stunde. Es ist die Aufgabe der jungen rechten Theoretiker, diesen Moment der drohenden Selbstaufgabe kommen zu sehen und die Gefahren abzuwenden. Deshalb ist es notwendig, unablässig Machtfragen zu stellen. Und die europäische Frage ist eben eine solche Machtfrage.

Der Nationalstaat als Auslaufmodell

Wie die Sommerakademie des Instituts für Staatspoltik gezeigt hat, genügt es nicht, mit den Vorurteilen innerhalb der politischen Rechten aufzuräumen. Exemplarisch sei hier auf die Positionen von Benedikt Kaiser verwiesen.

Das Problem liegt tiefer, denn vielen neuen Unterstützern und politisch Interessierten mangelt es schlicht an dem notwendigen politischen und historischen Verständnis. Sie träumen heimlich, frei von geschichtlichem und kulturellem Bewusstsein, von einem Deutschland, das – „wie zu Bismarcks Zeiten“ – die Geschicke des europäischen Kontinents zu lenken vermag. Andere wiederum versinken in grenzenlosem Pessimismus – ihnen ist vorerst nicht zu helfen.

Diese nostalgische Haltung, der Wunsch, die alten Verhältnisse wiederherzustellen und Europa im Sinne eines „Europas der Vaterländer“ zu gestalten, ist mitunter im Sinne einer fundamentaloppositionellen Haltung nachvollziehbar. Sie ist eine unmittelbare Reaktion auf die Entgrenzungs- und Entwurzelungstendenzen der „flüchtigen Moderne“ (Zygmunt Bauman) und beruht auf der – sowohl aus historischer als auch aus zeitgenössischer Perspektive vertretbaren – Annahme, multiethnische Gesellschaften gefährdeten die staatliche Souveränität und soziale Stabilität.

Die Vertreter eines solchen Konservatismus verkennen, dass es nicht genügt, alte Ideen neuaufzulegen, sondern sie den modernen, sozialen Gegebenheiten anzupassen und gegebenenfalls aufzugeben sind. Sie unterstellen Jungeuropäern eine utopische Haltung und fordern im selben Atemzug die Wiederherstellung souveräner, nationalstaatlicher Verhältnisse. Die Gestalt Jungeuropas liegt noch in den Nebeln der Zukunft verborgen, während die Nationalisten auf einen breiten Fundus politischer Theorie zurückgreifen können. Nichtsdestoweniger sind sie nicht in der Lage, Antworten auf zukünftig drängende Fragen zu geben, geschweige denn Lösungen.

Eine politisch dogmatische Haltung zeugt nicht per se von Rückgrat und Standhaftigkeit, sondern vielmehr von politischer Kurzsichtigkeit und Beratungsresistenz. Sie verhindert eine konkrete Lagebestimmung und verunmöglicht so die Fragen „Wo stehen wir?“ und – von dort ausgehend – „Wohin führt der Weg?“.

Die Frage nach dem Wir

Der souveräne Nationalstaat ist das Erbe einer vergangenen Epoche. Er ist längst nicht mehr das probate Mittel, um die Zukunft der europäischen Völker und ihrer ethnokulturellen Identität zu wahren. Europa-Kritiker verweisen oft darauf, dass es wesentlich realistischer sei, den Nationalstaat gegen die destruktiven Kräfte zu verteidigen, als ein vereintes Europa zu schaffen. Sie übersehen jedoch, dass der Nationalstaat europäischer Prägung global ein Auslaufmodell ist.

Großräume beherrschen den politischen Raum, und transnationale Unternehmen haben längst Strukturen und Machtkonzentrationen geschaffen, denen gegenüber sich die europäischen Staaten teilweise zwergenhaft ausnehmen. Doch auch innerhalb des Nationalstaates wirken die Kräfte der Globalisierung und des ungezügelten freien Marktes in Form von Lobbyorganisationen und NGOs strukturzersetzend, da sie die Frage nach dem Wir nicht mehr national, ethnisch oder kulturell beantworten, sondern möglichst vollständig vergessen machen wollen – das ist das Ende jeder politischen, d.h. staatlichen Entität.

Die Bewahrung der Errungenschaften des Staates kann daher nur auf europäischer Ebene gelingen. Die junge Rechte muss die Frage nach dem Wir neu beantworten, und zwar im Sinne der dreifachen Zugehörigkeit zu Region, Nation und Europa. Nur im Verbund aller europäischen Völker kann ein souveränes und im europäischen Sinne vielfältiges Europa bestehen. Ein junges Europa bejaht die kulturelle Identität aller Völker, es bejaht ihre nationale Identität ebenso wie die eigene, pan-europäische ethnische und kulturelle Identität, die seit Jahrtausenden das verbindende Element aller Europäer ist.

Kulturelle Identität lässt sich überhaupt nur durch einen solidarischen Schulterschluss der Europäer bewahren. Es ist paradox, dass sich ausgerechnet die Befürworter des Nationalstaats zu den Bewahrern völkischer bzw. regionaler Traditionen aufschwingen, denn vielerorts war es der nationalistische Ausbruch aus der triple appartenance, der das Ende regionaler Kulturen einläutete. Dass das Phänomen der Identitären Bewegung aus Frankreich stammt, ist keineswegs ein Zufall. Der zentralistisch aufgebaute französische Staat war und ist federführend an der Verdrängung der sprachlichen und kulturellen Vielfalt und Identität in den historischen Regionen beteiligt. Doch auch eine Überbetonung der regionalen Identität führt unweigerlich zum sozialen Zerfall. So betonte Benedikt Kaiser jüngst, dass „der hyperregionalistische und mikronationalistische Traum der Vereinzelung ins Abseits des Weltgeschehens [leite]”.

Die Schaffung eines weltanschaulichen Fundaments

Will die junge Rechte ihrer historischen Verantwortung gerecht werden, so darf sie nicht aus Furcht vor der eigenen Courage davor zurückschrecken, den ideengeschichtlichen Faden, den großen Intellektuelle gesponnen haben, wieder aufzugreifen. Als Erben des Alten Europa ist es die Pflicht der Jugend, dem Ruf der Geschichte zu folgen und sich dieses Erbes würdig zu erweisen. Unwürdig sind diejenigen „Konservativen“, die sich durch die sozialen Zerfallstendenzen eingeschüchtert und nicht herausgefordert fühlen. Ebenso unwürdig sind jene, die aus Angst vor dem Bedeutungsverlust „westlicher Werte“ in die Sackgasse der liberalen Islamkritik flüchten und sich dort regelrecht verschanzen.

Die Anhängerschaft eines einigen Europas jenseits der Europäischen Union ist klein. Es wird – Benedikt Kaiser betont es stets – auch in Zukunft einer Elite vorbehalten sein, die Weichen Richtung Zukunft zu stellen. Es geht jetzt darum, die Idee auf ein stabiles weltanschauliches Fundament zu hieven.

Auch wenn das Zeitalter der europäischen Eroberer zu Ende ist: Die europäische Jugend hat eine Welt, ihre Welt zu entdecken! Als undogmatischer Teil einer heterogenen Neuen Rechten müssen auch wir uns an unseren Taten messen lassen: Ein Rückzug hinter die Büchertürme unserer Studierzimmer ist keine Option. Jungeuropa ist kein irrationales Hirngespinst von verträumten Sozialromantikern. Es ist die folgerichtige und konsequente Fortführung der neurechten, konservativ-revolutionären Denktradition: antikapitalistisch, antiimperialistisch, etatistisch, subsidiär, ethnopluralistisch, sozial und elitär.

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