„Die Enteignung Springers ist ein wünschenswertes Ziel“

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Hans Magnus Enzensbergers Schrift „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ aus dem Jahr 1970 gilt als sein politisches Hauptwerk und beschäftigt bis heute die Kommunikationswissenschaften. Selbst sozialistischer Aktivist während der Studentenrevolte, übte Enzensberger umfassende Kritik an der Mediennutzung und Kommunikationsstrategie der Neuen Linken. Vieles davon gilt heutigen politischen Akteuren – auch und gerade in der Neuen Rechten – als selbstverständliches kommunikationspolitisches Grundwissen. Dennoch hat keine nennenswerte Rezeption dieses so wegweisenden Essays stattgefunden. Rückblickend auf 1970 wirkt der Text auch heute noch prophetisch.

Wir wollen Enzensbergers Werk in das Jahr 2018 bringen und auf den Prüfstein legen. Deshalb ist eine konstruktive Kritik an der Mediennutzung dissidierender Zusammenhänge notwendig, denn eine neurechte Theorie der Medien gibt es bisher nicht.

Von Angst und Manipulation

Angst vor der Mediennutzung beherrsche die politische Linke, Angst vor der Entfesselung ihrer Möglichkeiten und Angst vor der herrschenden medialen Klasse, so Enzensberger. Dabei stellt er fest, dass der bürgerliche Hintergrund vieler Neuer Linker ihnen eine gewisse Fortschrittsfeindlichkeit einbringt und setzt diese in Zusammenhang mit den „alten bürgerlichen Sehnsüchten nach vorindustriellen Zuständen“ (S. 269) konservativer Kulturkritiker. Außerdem sei sie gelähmt von ihrer einengenden Sicht auf die Medien. Die Betrachtungsweise der Medien findet nur eindimensional statt und wird unter einem einzigen Begriff subsumiert: Manipulation. Wobei die Neue Linke dabei die übliche, negativ konnotierte Definition übernimmt. Vor diesem Hintergrund wird aber auch schnell klar, dass seine Kritik der Mediennutzung nicht nur die Neue Linke etwas angehen sollte, sondern auch „konservative Kulturkritiker“.

Enzensberger begegnet dieser Haltung mit einer Gegendarstellung von einer neutralen Manipulationsthese: Manipulation ist ein politischer Akt bei gesellschaftlich unmittelbar relevantem, technischem Eingriff in gegebenes Material:

„Jeder Gebrauch der Medien setzt Manipulation voraus. Ein unmanipuliertes Schreiben, Filmen und Senden gibt es nicht.“ (S. 271)

Diese ausschließlich negative Manipulationsdefinition lähmt die Neue Linke; sie führt in eine defensive Grundhaltung und letztlich zu Defaitismus. Eine ähnliche, wenngleich nicht identische, Mediensicht findet sich in der Parole von der „Lügenpresse“, wie sie in zahlreichen rechten Zusammenhängen unserer Zeit auftaucht. Auch in ihr hört man denselben „Unterton der Wehklage“ (S. 268), den Enzensberger 1970 der Neuen Linken unterstellt. Passivität und Ohnmachtsempfinden sind hier die mittelbare Folge.

„Die Enteignung Springers ist ein wünschenswertes Ziel, doch wäre es gut zu wissen, wem die Medien übereignet werden sollen.“ (S. 269)

Das Umdeuten des Manipulationsbegriffs bei Enzensberger ist einer der Schlüssel, um aus der defensiven Grundhaltung der Medienkritik herauszutreten und diese fruchtbar zu machen. Um dem „Programmangebot des Senderkartells“ (S. 266) zu entfliehen, ist der Aufbau von Gegenmedien erforderlich. Aus der These von der Unmöglichkeit der Nicht-Manipulation folgert Enzensberger, dass ein revolutionärer Gegenentwurf eben „nicht die Manipulateure zum Verschwinden bringen [muss]; er hat im Gegenteil einen jeden zum Manipulateur zu machen“ (S. 271). Mediengeräte sollen nicht bloß als Konsumtionsmittel betrachtet werden, sondern zugleich als Produktionsmittel. Der Zuhörer soll nicht nur hören, sondern auch sprechen – nicht isoliert werden, sondern in Beziehung untereinander gesetzt werden. (S. 266)

„Die neuen Medien sind ihrer Struktur nach egalitär.“ (S. 272)

Wir wir gesehen haben, sieht Enzensberger in seinem Baukasten als Sozialist naturgemäß eine egalitäre Konzeption einer Theorie der Medien vor. „Jeden zum Manipulateur zu machen.“ (S. 271) mag manchen mit seinem fast schon plebiszitären Ansatz verschrecken. Reaktionären Abwehrreflexen müssen jedoch eine Absage erteilt werden, denn die Spielregeln der Massenkommunikation sind keine konservativen, sondern Spielregeln der modernen Masse, der Gesellschaft.

„Denn diese Zeit ist nur wert vernichtet zu werden. Aber um sie zu vernichten, muss man sie zuerst kennen. […] Man mußte die Technik völlig sich unterwerfen, indem man sie bis ins letzte durchformte. […] Die Bewunderung des Apparates – das war das Gefährliche. Er verdiente keine Bewunderung, er musste nur benutzt werden.”*

Zudem ist fraglich, ob eine Rückkehr in einen Zustand vor der Massengesellschaft überhaupt möglich bzw. wünschenswert wäre. Enzensberger schreibt folgerichtig, „dass die nationale Souveränität im Kommunikationsbereich zum Absterben verurteilt ist. […] Informations-Quarantänen, wie sie der Faschismus und der Stalinismus verhängt haben, sind heute nur noch um den Preis bewußter industrieller Regression möglich.“

Was tun?

Die Netzstruktur, die sich aus der Ermächtigung der Konsumenten zu Produzenten und deren Vernetzung untereinander zwangsläufig ergibt, erinnert nicht umsonst an die heutige Struktur des Internets. Auch die heutige dissidierende Gegenkultur nutzt diese in vielfältiger Weise – zum Teil so sehr, dass viele Organisationen als reine Netzphänomene abgetan werden. Einen wunden, sehr schmerzhaften Punkt, kann man mit Hilfe von Enzensberger ebenfalls ausmachen:

„Das Programm, das der isolierte Amateur herstellt, ist immer nur die schlechte und überholte Kopie dessen, was er ohnehin empfängt.“(S. 247)

Nicht nur, dass sich diese Kritik, an den damaligen linken Medienerzeugnissen, 1:1 auf viele solche der zeitgenössischen Rechten spiegeln lässt. Viele “unserer Medienschaffenden” schmecken den Köder immer noch lieber selbst, als diesen mundgerecht ihren zu angelnden Fischen vorzuwerfen. („In Westeuropa tritt die sozialistische Bewegung hauptsächlich mit sprachlich, inhaltlich und formal exklusiven Zeitschriften an eine Öffentlichkeit von Einverstandenen.“ (S. 270))

„Alternative“ Medienschaffende sind ihren professionellen Gegenspielern oft massiv und deutlich sichtbar unterlegen. Der Masse stehen nur eingeschränkte Produktionsmittel zur Verfügung, während auf der Gegenseite nur das Beste vom Besten zum Einsatz kommt; was technische Ausrüstung, aber auch Arbeitskräfte und Ausbildung angeht. Bis auf wenige erfreuliche Ausnahmefälle, würde Enzensberger widerständige YouTube-Kanäle und ähnliches als „konzessionierte Heimarbeit“ bezeichnen. Heimarbeit, die zudem noch beliebig geschnitten und zensiert wird. Eine der wirkungsvollsten Maßnahmen des medialen Establishments gegen die alternative Medienkultur ist das bewusste Lächerlichmachen der unprofessionellen Erzeugnisse – die herrschende „Medienbourgeoisie“ belächelt das „Medienproletariat“ (vgl. S. 274).

Selbstverständlich gelingt dies noch zu oft, denn das ästhetisch wirkmächtigere Produkt wird automatisch auch als glaubwürdiger wahrgenommen. So wie im Vergleich zu den Flugblättern der Sowjetregierung die westlichen Radio- und TV-Programme weit höhere Glaubwürdigkeit genossen (vgl. S. 271 f.), nimmt nur der zeitungsgewöhnte Neuland-Wutbürger jeden Netzinhalt für bare Münze. Die Generation der digital natives suhlt sich weiterhin im linksliberalen Sumpf der öffentlich-rechtlichen „funk“-Kanäle.

Klassenkampf

„Wer sich einbildet, Medienfreiheit werde sich von selbst einstellen, wenn nur jeder Einzelne fleißig sende und empfange, geht jenem Liberalismus auf den Leim, der unter zeitgenössischer Schminke mit der verwelkten Vorstellung von einer prästabilierten Harmonie der gesellschaftlichen Interessen hausieren geht.“(S. 275)

Der Amateur ist noch lange kein Produzent im Sinne von Enzensberger. Individuelle Bastelei bleibt unpolitisch und borniert. Enzensberger führt als Beispiel die heimische Dia Positivserie an. Facebook-Grafiken diverser AfD-Kreisverbände und ihrer Heimbastler sind trauriges zeitgenössisches Ergebnis solcher falsch verstandener medialer „Emanzipation“. Der richtige Gebrauch von Medien erfordert Organisation. Der einsame, isolierte Blogger geht im Wust der Information vollkommen unter, während das Online-Magazin mit seinen vielen Multiplikatoren an Autoren, Lesern und Unterstützern, die ein Netz der gegenseitigen Beeinflussung bilden, die Chance hat, Gegenöffentlichkeit zu schaffen.

Alternative Medienarbeit ist im Sprachgebrauch von Enzensberger ein Klassenkampf der organisierten, medial beherrschten Klasse gegen eine medial herrschende. Nehmen wir diesen Kampf an. Erkämpfen wir uns „eigene Frequenzen […] eigene Sender und Relais-Stationen“ (S. 273)!

 

*Franz Schauwecker: Deutsche allein – Schnitt durch die Zeit. S. 162.

Alle weiteren Zitate sind entnommen aus: Kursbuch Medienkultur. DVA 2002. H.M. Enzensberger: Baukasten zu einer Theorie der Medien (1970). S. 264-279.

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