Einblicke in die DDR-Literatur: Die gestohlene Insel

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Im Jahr 1958 schrieb der damals 28-jährige Greifswalder Herbert Nachbar (1930 – 1980) den Roman „Die gestohlene Insel“. Ungewöhnlich war der Ort der Handlung: eine Insel irgendwo in der Ostsee, in ziemlich großer Entfernung von einem Festland, das zwar deutschsprachig, aber keineswegs eindeutig die DDR war.  Die von dem Schriftsteller Robert C., dem Dieb und einzigen Bewohner dieser Insel, verachtete Kultur und Zivilisation dieses Festlandes, hätte sowohl ein kapitalistisches wie ein sozialistisches Vorzeichen haben können. Er war geflohen, um nie wieder etwas mit ihr zu tun zu haben.

Herbert Nachbar (links) mit dem Rundfunkfunktionär Manfred Engelhardt, 1966 – Bundesarchiv, Bild 183-F0114-0204-005 / Hochneder, Christa / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons
Nachbar ging es ganz offensichtlich nicht um die Struktur der Gesellschaft, wenn er sie durch seinen Helden kritisieren ließ, sondern um die Lebensweise und die Charaktere der Menschen, die seiner Erfahrung nach ein sinnvolles und genussreiches Leben unter ihnen unmöglich machten.  Zu Beginn rechtfertigt er den Trick, mit dem er dem ursprünglichen Besitzer die Insel entwendet hatte, mit einer Art existenziellem Hunger, einer Notwehrmaßnahme gegen die Gefahr, bei lebendigem Leibe tot zu sein:

„Mein Hunger war nicht der Hunger des Magens. Ich wäre daran vielleicht nicht gerade gestorben, aber der Gedanke an das einmal geschenkte Leben, an die Stunde, an jede Sekunde, die vergeht, unwiederbringlich, niemals wiederkehrend, brachte immer neue Schmerzen. Schließlich war mir wie dem Schwimmer, den ein Krampf in den Gliedern zu vernichten droht. Ich habe nur das eine Leben, und ich musste einmal allein sein, musste hören, wie das Gras wächst und ein Falter um Zuneigung buhlt, musste still sein und vergnügt. So stahl ich mir die Insel.“

Das war kein Werk des „sozialistischen Realismus“ – das war Weltliteratur, eine Parabel auf den modernen unglücklichen Menschen, entfremdet von Umwelt und Mitmenschen. Im Grunde war der Held und Ich-Erzähler ein Individualist bürgerlichen Zuschnitts, ein Aussteiger – und damit mit einem sozialistischen Menschen-Vorbild unvereinbar.

Darstellungsweise und Stil ließen nichts anderes zu als eine Identifizierung mit diesem existenzialistisch denkenden Intellektuellen. Aber war sie denn wirklich erwünscht? – Eines der vielen Kuriosa der DDR-Verlagspolitik. Sicher kann man einwenden – und das haben die Mitarbeiter des Aufbau-Verlages damals bestimmt auch getan – dass der Held ja eine Entwicklung, eine Reifungsprozeß durchläuft, im Resultat dessen er am Ende des Romans die Insel verlässt und zu den Menschen zurückkehrt, um wieder an ihren Sorgen und Kämpfen teilzunehmen. Aber dieser Schluß kommt eben reichlich unvermittelt und wirkt keineswegs überzeugend. Bis zur Seite 190 hält Robert C. an seinem negativen Zivilisationsbild fest:

„Ich hatte mit der Vergangenheit gebrochen. Damals hatte ich feststellen müssen, wie gleichgültig es sein kann, ob man von den lieben Nächsten für einen Snob, für einen Faulenzer, für einen Anarchisten, für ein minderwertiges Glied der menschlichen Gesellschaft gehalten wird oder nicht. Alle ihre Urteile beruhten ja auf der Erdichtung der menschlichen Gemeinschaft. Und ich hatte gesehen, wie viel davon wirklich vorhanden war…Wohin ich auch gesehen hatte, da fielen sie übereinander her. Sie trugen jeder eine Welt, einen ganzen Kosmos mit sich herum, aber man konnte sie zu jeder Schandtat, jedem Kunststückchen abrichten. Mit diesem Wissen bin ich auf die Insel gekommen, dieses Wissen hat mich befähigt, die Insel zu stehlen.“

Astreine Misanthropie! Und davon sollte man innerhalb von ein paar Wochen oder gar Tagen auf einer wundervollen Insel geheilt werden?! Auf der Insel stellt der Schriftsteller auch das ein, was ihm seine Identität auf dem Festland gegeben hatte: das Schreiben. Er hat den Glauben an die Bücher verloren:

„Die Bücher an den Wänden (des Inselhauses – die Verf.) waren zu der Zeit nicht viel mehr als Makulatur. Ich erwartete keine Antwort von ihnen, schlimmer: ich suchte bei ihnen keine Antwort auf meine Fragen. Dies, so meinte ich, müsste ich allein mit mir ausmachen. Zu der Zeit war ich noch der festen Meinung, dass Erfahrungen nicht weitergegeben werden können unter Menschen. Das Beispiel der Geschichte, wie ich sie damals betrachtete, schien mir Beweis genug für diese Auffassung. Wann hatten sich jemals Menschen die Erfahrungen anderer Menschen, die Ergebnisse millionenfacher Schmerzen anderer? Gab es nicht in den Büchern von eh und je Antworten, Ratschläge, Hinweise? Nichts hatte sich damit geändert. Die Bibliotheken bargen alle Schätze menschlichen Geistes, menschlicher Güte. Wer aber hatte sich je daran gehalten?“

Interessant ist, dass der Held seine Geschichte erzählt, als habe das spätere Ich alle Überzeugungen des Jüngeren überwunden und sei heute, in der Zeit des Erzählens, ein ganz anderer und Klügerer. Von diesen angeblichen späteren Einsichten aber erfährt der Leser nichts. Dafür werden die früheren, die vermeintlichen Irrtümer, umso ausgiebiger und leidenschaftlicher vorgetragen, so dass der Verdacht entsteht, der „Geläuterte“ ist nur ein Tribut an die Zensur.

Wie in jeder echten Robinsonade bekommt der Einsiedler auch hier unfreiwilligen Besuch – zunächst von einem Jungen unbekannter Zunge, später von einer schiffbrüchigen deutschen Seglerin. Natürlich verlieben sich Mann und Frau ineinander, und zusammen mit dem Jungen Ganymed spielen sie eine Zeitlang glückliche Familie im Paradies. Doch im Grunde fehlt ihrer Beziehung die entscheidende Basis: Penelope ist bar jedes Verständnisses für die Lebensentscheidung Robert C.s, dessen Bücher sie gelesen hatte, bevor sie ihn nun durch Zufall kennenlernte. Sie hat von Beginn an nichts anderes im Sinn, als so schnell wie möglich und mit den beiden Männern die Insel Richtung Zivilisation zu verlassen, und wird in dieser Haltung bis zum Schluß nicht verunsichert:

„Die Romantik, mein lieber Herr Robert, ist seit einigen Jahren gestorben. Zum Glück. Und die Romantiker von heute, die Einsiedlerkrebse und Himmelsschwärmer und Blümchenlauscher sind, mit Verlaub, üble Narren, wenn nicht Schlimmeres…Romantiker in unserer Zeit sind von Übel…Sie sind die Handlanger des Verbrechens, weil sie auf dem Mond leben, weil ihnen ein Funke Männlichkeit fehlt. Feiglinge sind sie, die lieben, gutherzigen Romantiker.“ (S. 101f.) „Die Welt ist bunt und schön…Inseln sind in unserer Zeit verboten, zu Recht verboten. Inseln, einsame Inseln des Künstlers sind verlogen.“

Trotz ihrer Schönheit und anderen angenehmen weiblichen Attributen, mit denen der Autor Penelope ausgestattet hat, wird sie im Laufe der Handlung nicht zu einer Sympathieträgerin. Der Verliebte selbst spricht im inneren Monolog aus, was den Leser am Verhalten dieser Frau immer wieder unangenehm berührt:

„Es war schlimm, was sie da sagte, schlimm, weil ich schon auf dem Festland solche Frauen nicht gemocht hatte und deshalb lieber allein geblieben war. Solche ewig besserwisserischen Frauen, die im allgemeinen für jede, auch für die schwierigste Sache ein Rezept in der Tasche hatten, gab es auf dem Festland in großer Zahl, ich hatte nichts mit diesen Frauen anfangen können. Und nun liebte ich auf meiner Insel so eine Frau. Es war eigentlich undenkbar! War diese Penelope wirklich die Penelope, die ich in den Tagen vorher gekannt hatte? Und ich konnte es nicht glauben. Eine Frau mit soviel Zärtlichkeit, von solcher Anmut konnte nicht ernsthaft so sein wie das Dutzend auf dem Festland. Es klang mir unreif, was Penelope sagte.“

„Ja, ich kannte ihre Ansichten…Sie hielt das Festland immer für schön, und die Welt war bunt, und das Leben unter Menschen war lebenswert. Wie hatte sie gesagt: …nur der halbe Sinn, teilnehmen, die Welt sinnvoll verändern. Ach, sie sprach wie eine Rednerin auf dem Festland. Was sollte ich damit anfangen. Ich für mein Teil war vom Festland gegangen, weil das Leben dort verkrampft war. Die Fülle des Lebens war verschüttet, so hatte ich geglaubt, unter Nichtigkeiten, es war eingeengt, eingepresst in einen Panzer von Starrheit und Engstirnigkeit. Es ließ sich nicht leben so.“

Sätze, gedacht nach der ersten Wiederbegegnung mit dem Festland, als er mit Ganymed Dinge für Penelope kaufte, und die er folgendermaßen schilderte:

„Mir war gar nicht wohl. Der Lärm des Hafens, die Hast, die in dem Treiben der Menschen lag, überfielen mich. Und ich dachte an schnelle Heimkehr. Sicherheit gab es eben nur auf der Insel… Automobile in Unzahl, vielgestaltig, rasten an uns vorbei. Motorenlärm, Hupen. Ein Marktschreier bot Lose an, versprach sicheren Gewinn. Ganymed ging sich eine Handvoll holen. Ohne langes Fragen nahm er sich einen Batzen Lose. Er verstand nicht den Lärm des Verkäufers, nicht meinen Ärger über die unnötige Ausgabe. Und verstand nicht, wie sich mein Gesicht aufhellte, als wir das letzte Los öffneten und um fünfzig Mark reicher waren. Dieser kleine Lottogewinn brachte mich ganz aus der Fassung, ich verlor für eine Stunde die Distanz zu diesem Leben, dem schalen Gehabe des Festlands. Das Geld, diese lächerliche Summe, machte mir die Festlandswirklichkeit für eine Stunde zum Erlebnis. „Du kannst etwas dafür kaufen, Ganymed. Und du kannst kaufen, was du willst.“ „Kaufen – was ist kaufen?“ Und ich erklärte am Beispiel des Loskaufes den ganzen Zauber, den ganzen faulen Zauber.“

Und zwischen den Seiten 190 und 195 muß dann die wundersame Wandlung stattgefunden haben. Man lese und staune:

„Nach langen Tagen, endlosen Grübeleien schrieb ich einen Brief: „Penelope, Du bist auf meine Insel gekommen, weil Du mich aufrütteln musstest. Und aus dem gleichen Grunde musstest Du wieder gehen. Unsere Zeit ist zu Ende, sagst Du. Ich mag es nicht glauben. Ich darf Euch nicht verloren haben, Dich nicht und Ganymed nicht…Nun, da die Einsamkeit mich bedrängt, nun sehne ich mich nach Menschen. Das Festland hat wieder die Farbe angenommen, die Vielfalt, die es früher einmal hatte. Und es hat diese Schönheit, die ganze Schönheit des Lebens wieder, weil ich endlich weiß, woher diese Schönheit kommt. Sie kommt aus der Bewegung, aus der Widersprüchlichkeit. Es gibt nichts rein Gutes, nichts rein Böses. Die Suche danach ist nur ein Stadium der Erkenntnis. Wichtiger schon ist die Erkenntnis, dass alle Dinge der sanften Gewalt der Vernunft unterliegen. Entscheidend aber: nicht allein gehen, sondern gemeinsam mit denen, die das Übel bekämpfen. Und ein bisschen bescheiden sein, nicht alles auf einmal verlangen. Sich den kleinen Forderungen des Tages nicht verschließen. Oft genug wird daraus eine große Forderung. Ist es gleichgültig, ob die Welt von Halunken zerstört wird oder nicht?…Soll man Ungerechtigkeit und Schweinerei dulden, bloß weil es unbequem sein kann, etwas dagegen zu tun?…Ja, Penelope, und von einer wichtigen Erkenntnis muß ich Dir noch schreiben. Bisher habe ich geglaubt, der frühere Besitzer habe einen Verlust erlitten, als ich ihm die Insel stahl. Heute weiß ich, dass es für ihn keine Einbuße war. Ja, im Gegenteil: Gefallen hat es ihm, mich ins Wolkenkuckucksheim verreisen zu sehen. Nichts konnte ihm angenehmer sein. Denn wer auf einsamer Insel lebt, der ist ihm ungefährlich, der kann nicht auf dunkle Geschäfte Acht geben, Schurkereien ans Licht bringen. Der frühere Besitzer, er hat es einfach gewünscht.“

Nach der unvermittelten Läuterung zum Agitator Penelopescher Couleur nun also auch noch eine Verschwörungstheorie! Nicht im Klassenkampf – nein: auf einer einsamen Insel wird der Mann zum kämpferischen Revolutionär! Spürte der Autor nicht, wie wenig überzeugend dieses hohle Pathos gegenüber den das ganze Buch durchziehenden, wiederholten und begründeten Bekundungen der Misanthropie und Zivilisationskritik wirkte? Ist dieser Briefeschreiber noch „unser Robert C.“? Oder war dieses Anhängsel notwendig, um den Roman überhaupt publizieren zu können?

Wie hätte ein anderes Romanende aussehen können? Robert fährt noch ein letztes Mal auf’s Festland, um Ganymed aus den Fängen der hochmütigen und unbelehrbaren Agitatorin zu befreien und ins gelobte Land, auf die gelobte Insel zu bringen? Penelope begreift, dass das Festlandsleben für ein zivilisationsfremdes Kind nicht die geeignete Lebensform ist und sehnt sich auch selbst ins Paradies zurück? Nicht er wird geläutert sondern sie? Unvorstellbar für einen DDR-Roman! Daran musste man sich nicht stören.

Entscheidend waren die Impulse, die er setzte: die Vorstellung von der Möglichkeit der totalen Selbstverwirklichung und – entfaltung, des absoluten Glücks in sozialer Abgeschiedenheit und unberührter Natur, des kompromißlosen Individualismus – Motive, die bis heute in der ganzen westlichen Welt ihre Gültigkeit besitzen.

Es war damals und auch zu Wendezeiten nicht absehbar, daß eben dieser schrankenlose Ausrichtung an den Bedürfnissen des Individuums ein paar Spiralen zu weit gedreht werden und einen narzißtischen Konsumbürger zum Träger einer auseinanderdriftenden Gesellschaft machen würde. War die Selbstbefreiung des ins Kollektiv eingesperrten Einzelnen unter sozialistischem Vorzeichen ein emanzipatives Ziel, steht angesichts der Isolation heutiger Marktteilnehmer in neoliberalen Verhältnissen eine Rückkehr zum Kollektiven auf der Tagesordnung – so schwer es auch sein mag, einmal aufgegebene Strukturen wieder aufzubauen oder durch neue zu ersetzen.

Im Jahre 1976 hat Herbert Nachbar übrigens eine weitere Inselgeschichte veröffentlicht: „Der Weg nach Samoa“. Hier wird der zensurgewöhnte Leser nicht irritiert. Der Autor bekennt sich eindeutig zu gesellschaftlichem Engagement und zum Land DDR. „Ihr habt erst dann ein Ziel, wenn ihr nicht vergeßt zu kämpfen. Überall auf der Welt wird gekämpft. Glaubt ja nicht, auf Samoa wäre das anders.“ Auch seine Zivilisationskritik klingt nun versöhnlich: „Erst mein Dasein als Paria in einer satten Umwelt: die Kleinstadt, bestehend aus Leuten, die sich immer zufrieden gaben und auf jeden Fall, koste es, was es wolle, ihr Privatleben für sich zu behalten suchten. Eigentlich, so grübelte Paul Dornbusch, die schönste Zeit meines Lebens…“

Erzählungen von Ambivalenzen, eine davon bereits kurz nach der Gründung des „ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden“ entstanden. Die Zweifel an dessen alternativem Charakter setzten schon früh ein.

Literatur:
Herbert Nachbar: Die gestohlene Insel. Eine Robinsonade, Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1. Auflage 1974 (was seltsam ist, denn der Roman war bereits 1958 erstmalig erschienen)
Herbert Nachbar: Der Weg nach Samoa. Eine Sommergeschichte, Aufbau Verlag, 1. Auflage 1976

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