Ein Horrortrip durch den Amerikanischen Traum

0

Ich bin ein Hippie.

Okay, das war gelogen, aber ich liebe „Fear and Loathing in Las Vegas“. Nicht nur den Film mit Johnny Depp, sondern gerade die Buchvorlage aus dem Jahr 1971, die das Lebensgefühl der „acid“-Generation und der Flower-Power-Bewegung auf einzigartige Weise einfängt.

Der Autor Hunter S. Thompson beschreibt in dem Buch seine „wilde Reise ins Herzen des Amerikanischen Traums“, wie der Untertitel lautet. Obwohl vor Humor triefend, beschreibt das Buch eigentlich eine Geschichte des Scheiterns der eigenen Ideale. Nebenbei wird auf sehr schön Weise die Hippie-Generation, für uns mit dem Stichwort „68er“ interessant, dekonstruiert. Eine Leseempfehlung zum Mitfühlen.

Viele kennen sicherlich den Film, der mit seinem „Bat country“ – Zitat Teil der Popkultur geworden ist (Johnny Depp alias Raoul Duke alias Hunter S. Thompson: „We can’t hold here , this is bat country“ – weil er im Drogenrausch den Eindruck hat, Fledermäuse und Manta-Rochen würden sein Auto angreifen).

Etwas zurück stehen da die Szenen, in denen Hunter S. Thompson bzw. Raoul Duke über seinen eigenen Werdegang reflektiert. Buch wie Film setzen nämlich da ein, als schon alles vorbei ist – für den Protagonisten ist 1971 eine Sackgasse: der Impetus, die Energie und die großen Chancen des „summer of love“ sind verflogen – alle Hoffnungen, geknüpft an die Idee Timothy Learys, die Köpfe der Menschen mit LSD befreien zu können, haben sich als nichtig erwiesen.

Was bleibt, ist die in den „Mainstream“ vorgedrungene Subkultur der Hippies, die fast gar nichts mehr mit den Idealen Dukes bzw. Thompsons gemein hat. Während dieser Drogen zur Selbsterkenntnis nimmt (oder sich das zumindest einredet), sind sie für die „Love Generation“ nur Mittel zum Zweck, zur Lusterfüllung und Gefühlssteigerung.

Thompson blickt zurück auf seine Erfahrungen zurück, als er sich noch als Teil einer Bewegung fühlte, die noch die Macht besäßen hätte, mit alten Konventionen zu brechen und Neues zu wagen.

There was madness in any direction, at any hour. If not across the Bay, then up the Golden Gate or down 101 to Los Altos or La Honda… You could strike sparks anywhere. There was a fantastic universal sense that whatever we were doing was right, that we were winning…
And that, I think, was the handle— that sense of inevitable victory over the forces of Old and Evil. Not in any mean or military sense; we didn’t need that. Our energy would simply prevail. There was no point in fighting—on our side or theirs. We had all the momentum; we were riding the crest of a high and beautiful wave… So now, less than five years later, you can go up on a steep hill in Las Vegas and look West, and with the right kind of eyes you can almost see the high-water mark—that place where the wave finally broke and rolled back.“

Ein Text, wie ihn hoffentlich nicht irgendwann ein Identitärer schreiben muss, denn es ist letztlich eine Erzählung vom Scheitern des Idealismus. Aber so weit sind wir noch nicht: Diese Jugendbewegung gibt es nämlich noch gar nicht.

Unabhängig von Organisationen fehlt uns noch das Moment, das alles miteinander Verbindende und Vereinende, das man nicht benennen, sondern nur fühlen kann. Alteingesessene erinnern sich vielleicht an das Trügerische dieses Gefühls, schien es doch schon zuvor zum Greifen nahe. Etwa als beinahe 30.000 Menschen in Dresden zu Pegida-Demonstrationen zusammenkamen und der große Aufbruch nur noch als eine Frage der Zeit erschien.

Für Thompson ist nicht viel übriggeblieben. Er selbst ist gefangen auf der Suche nach dem Amerikanischen Traum, nach der Erfüllung all dessen, was damals nicht gefunden werden konnte. Thompsons Fazit klingt daher vielleicht mehr nach dem Kulturmpessimismus Oswald Spenglers als nach der Zukunftsverheißung Allen Ginsbergs:

„We are all wired into a survival trip now. No more of the speed that fueled that 60’s. That was the fatal flaw in Tim Leary’s trip. He crashed around America selling “consciousness expansion” without ever giving a thought to the grim meat-hook realities that were lying in wait for all the people who took him seriously… All those pathetically eager acid freaks who thought they could buy Peace and Understanding for three bucks a hit. But their loss and failure is ours too. What Leary took down with him was the central illusion of a whole life-style that he helped create… a generation of permanent cripples, failed seekers, who never understood the essential old-mystic fallacy of the Acid Culture: the desperate assumption that somebody… or at least some force – is tending the light at the end of the tunnel.“

Was der Untergang für Thompsons Ideale war, ist bis heute der Nährboden für linke Ideologen und Nostalgiker, die knallhart an der Realität schrauben. Was uns der Autor hier hinterlässt, ist eine Warnung für alle Baumeister einer Gegenkultur.

Mit dem Wunsch zur Schaffung von etwas Neuem kommt Verantwortung, ein Vertrauensvorschuss, den man nicht leichtfertig verspielen darf. Thompsons Buch ist voller Widersprüche und Irrungen – vielleicht etwas, das jungen Agenten des Wandels anhaftet.

Er scheint aber auch zu den „linken“ Autoren zu gehören, die Millimeter davorstanden oder stehen, das zu werden, was wir „rechts“ nennen. Damit kommt Hunter S. Thompson dem großen amerikanischen Autor Ernest Hemingway nach: Mit ihm teilt er die tiefe Frustration über die Welt, wie sie ist. Beide entfliehen ihr auf die ihnen eigene Art, der Jüngere mit LSD-Räuschen und Las-Vegas-Trips, der andere mit Abenteuern und Alkohol. Eine Randnotiz, dass sie beide dasselbe Schicksal teilten und sich in den Kopf schossen.

Thompson hat die Welle zurückrollen gesehen, seine Rebellion gegen das Alte und Böse ist gescheitert. Seine Texte kommen jenen, die sich in der modernen Welt nicht wohl fühlen, vertraut vor und vereinen Humor mit bitter-süßer Kritik. Ich behaupte, für den heutigen Durchschnitts-Hippie und linksliberalen Studenten ist die Thompson-Lektüre nur halb so aufschlussreich, wie sie für uns sein kann.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here