Die Sprengkraft der ökologischen Frage

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In den Köpfen vieler Konservativer und Rechter gibt es eine klare Weichenstellung: Wer sich für Natur- und Umweltschutz einsetzt, steht der Partei der Grünen nahe. Und wer grün ist, ist links. Links aber ist böse. Folglich hält man sich fern, wo immer sich Protest gegen Umwelt- und Naturzerstörung regt wie aktuell im Hambacher Forst. Diese Abstinenz ist ebenso töricht wie geschichtsvergessen.

Töricht, weil die Sorge um eine immer schneller voranschreitende weltweite Naturzerstörung berechtigt ist, gefährdet der zügellose Raubbau doch unsere natürlichen Lebensgrundlagen. Töricht jedoch auch aus einem anderen Grund: Die Zerstörung von Naturräumen geht – zumindest in Europa – immer auch einher mit der Zerstörung von Kulturräumen. Deren Erhalt aber schreibt sich nicht nur die identitäre Rechte doch auf die Fahnen.

Geschichtsvergessen, weil es lange vor den Grünen ein ökologisches Denken gab – und dieses ökologische Denken war nicht links. Es verbindet sich beispielsweise mit Namen wie Ludwig Klages und Friedrich Georg Jünger, dessen „Perfektion der Technik“ (erstmals veröffentlicht 1946) ein intellektuelles Manifest von Rang gegen ein Denken ist, das auf Verbrauch, Naturzerstörung und Konsum abzielt. Auch Martin Heidegger ließe sich hier einreihen.

Doch nicht immer bleibt es bei dieser Abstinenz – manche Konservative und Rechte gefallen sich darin, den wackeren Apologeten der hinter der Naturzerstörung stehenden Profitinteressen und des allgemeinen Fortschrittwahns zu geben (so immer wieder in der Wochenzeitung Jungen Freiheit zu bestaunen). Es ist höchste Zeit, diese Haltung aufzugeben und die Ökologie zurückzuerobern – intellektuell wie alltagspraktisch.

Beginnen wir mit dem Alltagspraktischen. Hier bedeutet ökologisches Denken, sparsam zu wirtschaften, die natürlichen Ressourcen zu schonen und einen Lebensstil persönlicher Bescheidenheit zu pflegen. Ökologie im Alltag verträgt sich nicht mit dem oft hedonistisch und konsumistisch geprägten Lifestyle großstädtischer Grüner. Es verträgt sich auch nicht mit profitorientiertem oder auch nur besitzstandswahrendem Denken und nur bedingt mit dem hohen Grad an Technikaffinität, der unseren Alltag heute kennzeichnet.

So dürfte es allemal ökologischer sein, einen alten Diesel oder Benziner bis an dessen Ende zu fahren, als trendbewusst auf E-Mobilität umzusteigen. Natürlich gehört es auch zu dieser Art von ökologischem Verständnis, das Auto überhaupt so selten wie möglich zu bewegen. Man wirft Dinge nicht weg, nur weil sie dem Zeitgeist nicht mehr entsprechen, sondern hegt und pflegt sie, repariert und flickt solange wie möglich. Dinge des täglichen Gebrauchs bezieht man nicht von hippen Labels, sondern möglichst aus der Region – sofern man sie nicht gleich selbst anbaut oder produziert. Man fragt sich nicht, was man noch alles an trendigen Lifestyleaccessoires kaufen könnte, sondern: Brauche ich das wirklich? Urlaubsreisen kommen meist ohne Flugzeug aus. Und wenn man einen Wanderurlaub startet, kauft man vorher nicht für einige Hundert Euro modische Funktionsklamotten angesagter Hersteller, sondern nutzt das, was man ohnehin schon hat. Das ist gelebte Alltagsökologie.

Auf geistig-intellektueller Ebene bedeutet ökologisches Denken zunächst, sich von dem eingangs erwähnten Vorurteil zu befreien, demzufolge ökologisches Denken und Handeln genuin links sei. Linkes Denken zielt bekanntlich auf die Teilhabe der größtmöglichen Zahl am größtmöglichen gesellschaftlichen Reichtum ab, ist deshalb strikt konsumistisch und läuft jeder ökologischen Vernunft zuwider. Doch längst nicht alles, was sich auf linker oder grüner Seite an Protest erhebt gegen unsinnige Verkehrs- oder Bauprojekte, gegen Landschaftsverbrauch und Naturausbeutung, ist schlecht, weil es von links kommt.

Im Gegenteil: Solcher Protest ist richtig und verdient Zuspruch und Unterstützung – zur Not auch gegen den Willen der sich links verortenden Akteure. Rechte und Konservative müssen endlich mit diesem blinden Lagerdenken aufhören und – wenn denn schon keine Kooperation mit dem politischen Gegner wegen dessen politischer Blindheit möglich ist – sich den ökologischen Ansatz als geistiges Eigentum zurückholen. Diese Forderung aber trifft die Rechte an einem weiteren empfindlichen Punkt, ist sie zu großen Teilen doch genauso lese- und denkfaul und antiintellektuell wie die Linke. Woher aber sollen dann die Grundlagen kommen für eine Rückholung des Themas und – wichtiger noch – für eine produktive Auseinandersetzung mit der Sache selbst?

Das ökologische Thema hat selbstverständlich auch eine politische Dimension. Nicht wenige Menschen wählen überhaupt nur deshalb noch heute grün, weil sie sehen, dass nur dort die als überlebenswichtig empfundene Ökologie ein Thema ist.  Man wählt mit durchaus großem Unbehagen grün, obwohl man weiß, dass weder E-Mobilität noch die sogenannten erneuerbaren Energien ökologisch sinnvoll sind, sondern vor allem Profitinteressen dienen. Doch die Grünen sind eben oft auch die Einzigen, die sich glaubwürdig kritisch äußern zur Gentechnik, zur Vermüllung und Überfischung der Meere, zum Landschaftsverbrauch, zur Ausbeutung afrikanischer Länder oder zu Fragen des Tierwohls. Gerade in diesen hochemotional besetzten Themenbereichen sind sich rechts oder konservativ verstehende Menschen oft von einer erschreckenden und abstoßenden Verstocktheit und Gefühlsroheit. Wahlen aber werden nicht zuletzt mit Emotionen gewonnen.

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Zwar glaube ich nicht, dass Lektüre allein entscheidend ist – doch ohne eine entsprechende Grundlage wird sich auf Seiten der Rechten kein tragfähiges ökologisches Fundament entwickeln können. Ich schlage deshalb für den Anfang folgenden Lektürekanon vor:

Ludwig Klages: „Der Geist als Widersacher der Seele“

Friedrich Georg Jünger: „Die Perfektion der Technik“

Martin Heidegger: „Einblick in das, was ist – Bremer Vorträge 1949“ erschienen in Gesamtausgabe Band 79

Henry David Thoreau: „Tagebuch” (bislang sind die Bände I bis III erschienen)

Rolf Peter Sieferle: Kapitel VI von „Epochenwechsel“ („Fronten der Umweltpolitik“)

Hans Peter Duerr: “Sedna oder die Liebe zum Leben“

Rachel Carson: „Der stumme Frühling“

Herbert Gruhl: „Ein Planet wird geplündert“

Außerdem empfehle ich die Filmreihe „Topographie“ von Dieter Wieland (auf Youtube abrufbar), die sich mit der Zerstörung von Kulturräumen in Bayern befasst.

3 KOMMENTARE

  1. Absolut!

    Es gibt darüber hinaus ein weiteres Feld, dass von den anderen gar nicht bestellt wird, und welches damit quasi im vorbeigehen zu haben ist: Der Sport, und die mit ihm einhergehende Erzählung von Askese, Disziplin, Selbstüberwindung, gutem Essen. Anschlussfähig zur Natur ist es noch dazu.

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