Die Perspektivlosigkeit linker Systemkritik

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Die schweren Ausschreitungen in Hamburg der vergangenen Tage zeigen: Die linke Systemkritik ist sowohl in ihrer militanten als auch in ihrer zivilgesellschaftlichen Form der Partykultur am Ende. Es gilt jedoch nicht, dieses Ende zu bejubeln, sondern festzustellen, dass der Staat sein moralisches und institutionelles Deutungsmonopol weiter ausbauen wird. Die Artikulation einer Fundamentalopposition zu den bestehenden Verhältnissen muss weiter ausgeführt werden und zeigen, dass nur durch die Akzentuierung auf eine Welt der Kulturen gegen die Globalisten opponiert werden kann.

Brennende Barrikaden und Autos, aufgebrochene Gehwege und geplünderte Geschäfte. Das ist die traurige Bilanz eines antifaschistischen Protests, der die vergangenen Tage in Hamburg seine radikale Ausprägung erfuhr. Die vom Kapitalismus abgehängten Schichten sollten eine Stimme bekommen und Missstände in das öffentliche Bewusstsein getragen werden, so zumindest das Ziel. Gestützt wurden die Protestaufrufe im Vorfeld von Politikern und Medien, die hier eine berechtigte Auflehnung gegen das Treffen der G20 sehen wollten. Im Verlauf der ersten Demonstration (Motto: Welcome to Hell) stellte sich jedoch heraus, dass brennende Straßenzüge überraschenderweise nicht zu großen Sympathiebekundungen aus der Mitte der Gesellschaft führen. Das Gegenteil war der Fall, denn etliche Anwohner und zivile Beobachter kritisierten die überbordende Gewalt und das zu zaghafte Einschreiten der Polizei. Der gesellschaftliche Status der sonst von Medien und Politik gehätschelten „Antikapitalisten“ (die arroganterweise vom Glauben beseelt sind, das Monopol auf Kapitalismuskritik innezuhaben) wird sich in der Folge deutlich verschlechtern, nicht zuletzt deshalb, weil deutlich wurde, dass die Linke weder eine adäquate Form gefunden hat, ihren Protest zu äußern, noch den Kern des Problems anspricht: Den allesbestimmenden Warencharakter. Nichtsdestoweniger bleibt sich die Linke der extremistischen Spielart hinsichtlich der Gewaltfrage treu. Massive Gewaltanwendung gegen den (vermeintlichen) politischen Gegner sind allerspätestens seit Lenin Programm, weshalb die neuerlichen Exzesse auch nicht per definitionem „faschistisch“ sein können (wie der Chefredakteur der Welt verlautbaren lässt), sondern eine Konstante innerhalb linkslinker Zusammenhänge darstellen, sprich Tradition haben.

Vielmehr haben die von Krawallen dominierten Protestzüge gezeigt, dass die Linke selbst ist einem materialistischen Weltbild gefangen ist, das es verhindert, den Kern der kapitalistischen Produktionsverhältnisse zu kritisieren. Sowohl die militanten Ausschreitungen des sogenannten black blocks, als auch die zivilgesellschaftliche Partykultur des Protestes (buntes Banner mit der Aufschrift: „Grenzenlose Solidarität“) sind so tiefgreifend in der kapitalistischen Konsumgesellschaft verankert, dass es unmöglich ist, von diesem Standpunkt aus das System ehrlich zu hinterfragen. Die erste Gruppe zeigt durch die Angriffe auf Gegenstände und Geschäfte, dass sie die Welt nur an materiellen Maßstäben messen kann. Reaktionärer könnte sie dabei nicht sein, denn so werden keine alternativen Haltungen oder Auswege aufgezeigt. Gefesselt in die Gegnerschaft zu allen vermeintlich kapitalistischen Erzeugnissen manifestiert man deren Herrschaft umso nachhaltiger. Eine wahrhafte Kritik der Produktionsverhältnisse müsste aufzeigen, wo Ansatzpunkte einer Alternative zu global agierenden Konzernen und Überproduktion zu finden sind. Stattdessen werden Supermärkte geplündert und zerstört, und die arbeitende Bevölkerung, deren Verteidigung man sich ja eigentlich seit jeher auf die Fahnen geschrieben hat, darf für die Schäden aufkommen. Die zweite Gruppe gibt sich vor allem durch die Betonung eines positiven Widerstandes zu erkennen. Feierei und Protest sollen vereint werden, doch genau dies ist die Form des Protestes, die der Kapitalismus ebenso konsumpolitisch verarbeiten als auch zu seiner eigenen Legitimation beitragen kann. Der bestimmende Warencharakter der Weltbilder (die man je nach Milieu mal hier und mal da „aufschnappen“ kann) sowie die zwangsläufige Eventisierung der Proteste zeigt, wie unglaubwürdig diese Form der Kapitalismuskritik ist.

Ferner bestätigen die Geschehnisse vom Wochenende auch, dass der Staat bzw. die Exekutive die Sicherheit seiner Bürger punktuell nicht mehr gewährleisten kann, wenn ihm massierte gewaltbereite Kräfte gegenüberstehen. Gesellschaftliche Normen und Verhaltensweisen sind außer Kraft gesetzt und der Staat steht dieser Entwicklung hilflos gegenüber, die er andererseits durch höchstens alibihaftes Vorgehen gegen linksalternative Strukturen jahrelang sehenden Auges herbeigeführt hat. Die gesellschaftliche Diskreditierung der Proteste, die hieraus resultieren wird, wird dazu führen, dass der Staat seine Hegemonie weiter ausbauen und konsolidieren kann. Eine Aufstockung der Polizei und die Ausbildung staatlicher Kontrollorgane werden die Konsequenz sein. Der Zerfall der inneren Ordnung, welche die unabdingbare Voraussetzung jedes Staates ist, wird dadurch nur graduell verzögert, nicht jedoch aufgehalten. Vielmehr wird der Staat mehr und mehr Formen eines Polizeistaates annehmen und den Status quo zu erhalten suchen. Zu befürchten ist somit, dass durch die Schwächung des gesellschaftlichen Rückhalts für antifaschistische Protestformen eben auch eine weitere Legitimierung für die kapitalistischen Produktionsverhältnisse folgt und die Alternativlosigkeit eben dieses Systems weiter zementiert wird.

Unsere dringlichste Aufgabe muss es deshalb sein, eine beißende Systemkritik zu entwickeln und dabei gleichzeitig einen Stil zu prägen, die den materialistisch-kapitalistischen Blickwinkel auf die Welt als Ware überwindet. Verwurzelte Menschen und lebendige Kulturen allein sind es, welche die Formen des Warencharakters begrenzen und bändigen können. Das „Produkt“ und der Warenfetisch als höchste Werte unseres Daseins müssen überwunden werden.

 Titelbild: Flickr, Montecruz Foto, CC BY-SA 2.0