Die Moderne überwinden – ein Ansatz

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Wir sind umgeben von einer Welt, in der alles von Menschenhand gestaltet ist. Nichts deutet auf eine Sinngebung hin, die außerhalb der vom Menschen gestalteten Sphäre liegt. Das ist die Krise des modernen Menschen.

Die Sehnsucht nach kulturellen und organischen Bindungen, die die rein oberflächlichen und materiellen Beziehungen übersteigen, resultiert aus der allgegenwärtigen Präsenz und Dominanz einer Zivilisation, die allen sinngebenden Institutionen den Boden entzogen hat und somit in einem nahezu luftleeren Raum steht. Aufgewachsen in einer Generation, in der alles im Überfluss vorhanden ist, seien es materielle Güter oder individuelle Sinnangebote, kann uns die Frage nach dem eigentlichen Sinn und dem Ursprung des menschlichen Lebens, kaum klarer entgegentreten.

Die entscheidende Überlegung an dieser Stelle ist die folgende: Ist der ungestillte Wunsch nach einer organischen Ordnung, und damit einhergehend die Suche nach dem Sinn, ein rein emotionales, also individuelles Phänomen, oder ist dieses Begehren auf ein allzu menschliches Grundbedürfnis zurückzuführen, das in der Moderne jedoch durch die permanente Dominanz der Dinglichkeit unkenntlich gemacht wird?

Ist Letzteres der Fall, so eröffnet sich hier eine grundsätzlich andere Möglichkeit, unsere Zeitgenossen zu einem alternativen und sinngebenden Denkansatz zu führen, der sich ergänzend zu dem alltäglich präsenten, dem konkret politischen, verhalten könnte.

Auch wenn die Notwendigkeit durch die Problematik des großen Austausches bis zu einem bestimmten Grad nachzuvollziehen ist, so täte eine alternativer Ansatz gut daran, diejenigen einzubeziehen, die nach einer neuen Ordnung suchen und sich potentiell einem tiefgreifenden Prozess der Sinngebung öffnen können.

Die Suche nach dem Sinn ist ein Merkmal des modernen Lebens – nicht nur des modernen, aber hier und heute noch dringlicher als jemals zuvor. Daran lässt sich anknüpfen, denn auf diesem Terrain lassen sich riesige, fruchtbare Felder beackern, die ein junges Sprießen, ein Wiederbeleben ermöglichen können.

In seinem Aufsatz „Langeweile und Zivilisation“ charakterisiert Gerhard Nebel die moderne Lebenswelt als eine, die das Individuum ganz bewusst von seinem tiefen Bund mit der Welt durch Sitten, Riten, Gebräuche etc. abkoppelt. Dieser Prozess wird allgemein als Modernisierung verstanden, der, entgegen einer wertebewahrenden Ordnung, den Menschen aus all seinen Bindungen zu lösen versucht. Die Kehrseite der daraus resultierenden „individuellen Freiheit“ ist bekanntermaßen ein mangelndes Gefühl an genuiner Sinnhaftigkeit. Werden ausschließlich individuelle Lebensentwürfe verfolgt, so ist es nicht möglich, mit anderen Menschen in eine stabile, krisenresistente und langanhaltende Ordnung zu treten.

Für Nebel deutet das Phänomen der Langeweile, das in der Moderne omnipräsent ist, darauf hin, dass sich das Dasein nicht in den Dingen allein erschöpfen kann. Die Langeweile resultiert unter anderem daraus, dass der Mensch aus seinen transzendenten Bemühungen heraus nach möglichen Anknüpfungspunkten sucht, die jedoch nicht (mehr) vorhanden sind. Folglich kann dieses transzendentale Wünschen nur auf das Nichts verweisen. Die Optionen, in einer digitalisierten Welt auf die Begegnung mit dem Nichts, also der Langeweile, zu reagieren, sind beinahe unendlich. Die Zerstreuung in einer digitalen Film- oder Computerwelt sei nur als ein Beispiel genannt. Nebel führt mit der Suche nach Transzendenz also eine menschliche Grundkonstante an, die innerhalb der modernen Welt nicht oder allenfalls defizitär befriedigt werden kann und zugleich aber die individuelle Zerstreuung und Ablenkung nährt.

Wem immer Transzendenz widerfuhr, der weiß, daß sie nicht vom Menschen hergestellt wird, sondern diesen herstellt.“

Ist die Moderne, gestützt durch die Digitalisierung unseres Lebens, also überhaupt in der Lage, dieses tiefe Verlangen aufzufangen oder angemessen zu kompensieren?

Mircea Eliade steuert von einem anderen Ansatzpunkt dieser Überlegung entgegen. Die Sehnsucht nach einem Mythos, der Ursprung einer organischen Ordnung ist, lebt auch in der modernen Welt fort, so Eliade. Diese Beobachtung ist bedeutsam, wenn wir seiner Interpretation folgen, dass nämlich die Entsakralisierung des Lebens und des Kosmos auch das individuelle Bemühen um Sakralität (die Erfahrung des Heiligen) erfasst. Auf profaner Ebene erfährt die archetypische Bemühung des Menschen, in einer Welt zu leben, die einen Sinn hat, eine Neubewertung. Somit ist die Sehnsucht nach dem Heiligen nicht verschwunden, sondern nur unkenntlich geworden, da die tradierten und bekannten Symbole verschwunden oder mindestens inhaltsleer geworden sind. Die Erfahrung des Heiligen ist nicht offenbart, aber dennoch gegenwärtig – sie wohnt unserem Unterbewusstsein noch stets als Keim inne, aus dem heraus eine schöpferisches Gestaltung der Welt möglich ist.

Was sich in der prämodernen Zeit durch Riten und ein zyklisches Verständnis geäußert hat und in der Geschichtswerdung der Moderne durch das Christentum einen Fortschrittscharakter angenommen hat, ist in unserer Lebenswelt auf veränderte Art und Weise wiederzufinden. Zu der mythischen Urverfassung des Menschen gehört nach Eliade nämlich auch immer der Versuch, Zugang zu einer qualitativ hochwertigeren, nicht-profanen Zeit zu finden.

Das Eintauchen in eine Parallelwelt durch einen Roman oder durch einen Film kann als ein Schritt dahin gedeutet werden, die Gleichartigkeit der Zeit zu überwinden, indem man in ein qualitativ verändertes Verhältnis zu ihr tritt. Der Versuch, die Erfahrung des Heiligen zu machen, muss deshalb heute gezwungenermaßen abseits klassischer und tradierter Formen gesucht werden. In Anlehnung an C.G. Jung verweist Eliade ebenso auf das nächtliche Träumen, in dem sich das menschliches Begehren, aus der Zeit herauszutreten, auf anthropologischer, sprich nicht-intentionaler Art, artikuliert. Die Symbole und Sinnangebote einer ausdifferenzierten Gesellschaft erfassen nicht das ganze Dasein – daraus ergibt sich für jene, die ein Gespür dafür haben, ein Verlustgefühl, also letztlich ein beträchtliches Vakuum. Die Moderne, unfähig, dieses Nichts adäquat zu füllen, zieht die Individuen somit immer tiefer in den Strudel einer enthemmten Sinn-losigkeit.

Was die Überlegungen von Nebel und Eliade eint, ist, dass sie archetypische Verhaltensweisen auf die Lebenswelt der Moderne übertragen, um diese als Schlüssel zu ihrem Verständnis zu nutzen. Beiden ist die Überzeugung gemein, dass die Sehnsucht nach dem Mythos bzw. der Transzendenz die individuelle Zerstreuung nährt.

Daraus ergibt sich ein dramatisches Zusammenspiel: Durch die unterbewusste Sehnsucht nach der Erfahrung des Heiligen und der gleichzeitigen Kompensierung dieses Begehrens aufgrund der Zerstreuungsmöglichkeiten in der modernen Welt, muss dieser Vorgang umso tiefer in das Nichts führen. Der Mensch wird durch sein inadäquat kanalisiertes, doch eigentlich gesundes Verlangen weiter von seinem eigentlichen Kern, dem Ursprung, auf den weichen Wellen des Wärmetods der Moderne hinfortgetragen. Es gilt, dieses tiefe, ursprüngliche Bedürfnis offenzulegen. Ob wir es wirklich nutzen können, kann niemand wissen. Es gibt jedoch einige Indizien in unserem Alltag, die darauf hinweisen –  es unversucht zu lassen, wäre so oder so leichtfertig.

Dieser Ansatz muss Teil eines Anbruchs werden, der uns mit Dingen konfrontiert, die wir im schnelllebigen Alltag allzu leicht übersehen und dem potentiell die Möglichkeit innewohnt, uns mit unserem eigenen Nihilismus zu konfrontieren.

1 KOMMENTAR

  1. Dem Autor möchte ich hier nur den Hinweis geben, daß es wohl nur einen einzigen Parteipolitiker (!) in Deutschland gibt, der sich intensiv mit der Moderne und ihrer möglichen Überwindung befaßt. In seinem neuen Buch “Nie zweimal in denselben Fluß” sieht Björn Höcke in der historischen Metaperspektive die heutigen Verfallsvorgänge in den westlichen Gesellschaften allesamt als Krisensymptome der Moderne an. Es ist die “Auflösung aller Dinge” (H.-D. Sander), ein endloser Prozeß der Emanzipation, Ent-Strukturierung und Ent-Differenzierung, der die Welt uniformiert und vergraut und den Menschen zum “nackten Affen” degradiert. Die Postmoderne ist für Höcke nur ein Fake, vielmehr tobt sich die Moderne final aus. Er ruft zu einer wirklich postmodernen Wende auf. Bemerkenswert für einen Mann, der sich als Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag zumeist mit profanen politischen Themen beschäftigen muß. Und ein Zitat am Ende des dritten Kapitels überrascht auf angenehme Weise noch mehr: “Es geht nicht nur darum, ein Gemeinwesen gut zu organisieren, sondern auch um die Wiederverzauberung der Welt.” Bemerkenswert!

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