Die inszenierte Generation – Simon Strauss

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Unsere Generation ist vor allem eines: dominiert von den Verhältnissen. Sie ist gefangen in der Zwangsjacke von Moral und Konsum ohne einen möglichen Ausweg zu kennen. Darunter jedoch staut sich eine nicht formulierbare Begierde an, dieses Gehäuse zu sprengen und ins wahre Leben einzutauchen. „Sieben Nächte„, der erste Roman von Simon Strauss will die Stimme dieser Generation sein.

In regelmäßigen Abständen unternehme ich einen Streifzug durch die hiesige Buchhandlung. Im seltensten Fall kaufe ich aber wirklich ein Buch, eher verbringe ich dort Zeit, um mir einen Überblick über die neusten vom Literaturbetrieb gepushten Bücher zu verschaffen oder um Leute dabei zu beobachten, wie sie genau diese Bücher kaufen. Dieses Mal habe ich selbst so ein gehyptes Buch im Blick, an dem mich irgendetwas anzieht. Es ist eines dieser angepriesenen Bücher und liegt dekorativ auf dem Auslagentisch. Es verspricht, womöglich das neue Buch unserer Generation zu sein, so eine Art neues Faserland. Vielleicht ist es eine Mischung aus dem im Instagram-Stil gehaltenen Titelbild und der auf dem Klappentext beschworene Kampf gegen die Abgeklärtheit, die mich schließlich schwach werden lassen und zum Kauf überreden.

Doch wer ist Simon Strauss? Im inneren Klappentext findet sich eine Kurzbiographie des Autors. Ein knapp Dreißigjähriger, der mit seinen jungen Jahren kaum einen besseren Lebenslauf haben könnte: An drei renommierten Universitäten studiert, für namhafte deutsche Wochenzeitungen geschrieben, am Theater gearbeitet, einen Literaturclub geleitet und bereits promoviert.

Literatur in Verbindung mit diesen blitzblanken Lebenslauf stäßt mich reflexartig ab. Was hat mir jemand zu sagen, der durchweg bei allem mitgemacht hat, was diese Gesellschaft von ihm verlangt? Einer, der über jedes Stöckchen gesprungen ist, das ihm hingehalten wurde. Nimmt sich so jemand etwa heraus, sich für die Stimme jener zu halten, die tatsächlich an einer romantischen Sehnsucht, der Suche nach Identität und dem großen Sinnzusammenhang leiden? Leicht erbost verbanne ich das Buch zunächst auf einen meiner beliebigen Bücherstapel. Einige Monate später greife ich dann aber doch zu.

Überrascht werde ich, als der Autor genau den von mir hervorgehobenen Kritikpunkt als Einstieg wählt. Der Ich-Erzähler, das ist schnell klar, ist Strauss selbst, der sich als höchst sympathiesüchtig und ergeizig charakterisiert. Er scheint es im Leben immer sehr einfach gehabt zu haben, woraus sich auch gleich eine steile Karriereleiter und der Wunsch, ganz oben mitzuspielen, ergeben. Die Erzählung setzt genau hier an: Die Suche nach der Verschwendung in einem vorgefertigten, schablonenhaften Leben. Sieben Nächte und sieben Tödsünden.

An der Schwelle zur Dreißig wird S. schnell klar, dass die Möglichkeit seinem eigenen Lebenslauf zu entkommen immer unwahrscheinlicher wird. Zugeschnürt von Erwartungen und der Macht der Gewohnheit wird im Leben vor allem eines unterdrückt: die Macht der Gefühle. So beschließt S. sich in sieben Nächten jeweils einer der Todsünden zuzuwenden und sich reinzuwerfen in den Mahlstrom des Ungewissen. Die Kapitel heißen Superbia/Hochmut oder Luxuria/Wollust, und Strauss arbeitet jede Todsünde nacheinander ab und führt den Leser somit durch seinen kurzen Roman. Endgültig versunken und oder erregend aufgegangen in einer der Todsünden ist S. jedoch nicht, und so trennt ihn ein endgültiger Entschluss, sich ihnen hinzugeben. Ein charakteristischer Zug des Buches und eben seiner Generation.

Dies gelingt aufgrund seines Schreibstils anfangs hervorragend, denn Strauss ist nah am Puls der Zeit und so wirken seine Gedanken zunächst authentisch und nachvollziehbar. Ich lese und will Strauss zustimmen und zurufen: „Ja, du hast recht, dies sind die Probleme unserer Zeit – wir haben keine Visionen mehr und die Sehnsucht ist verloren, wir sind eingebunden in ein System voll Moral und Konsum, der Verlust der Erfahrung macht uns schlaff und einförmig“. Doch ich kann nicht, irgendetwas hindert mich. Die Erzählung wirkt zu kalkuliert, zu inszeniert, als wolle Strauss eine Stimmung treffen, die er eigentlich nur aus Büchern und Filmen kennt, als wolle er die Stimme eines Gefühls sein, das er selbst nie wirklich gespürt hat. Dinge mithin, die ihn nie nachts wachgehalten und zu unüberlegten Taten getrieben haben.

So bleibt also die Frage, für wen hat Strauss hier eigentlich geschrieben hat? Für Streber und Karrieristen, die wenigstens im Buch einmal Teil einer Verschwörung gegen die Normalität sein wollen? Vielleicht halte ich hier ein neues Faserland in der Hand, das schon in wenigen Jahren zum Roman einer ganzen Generation wird, die auf der Suche nach einem neuen Anfang ist und sich gegen die Normalität verschwört. Möglicherweise ist es aber auch nur das Buch eines Karrieristen, der bewusst auf eine Stimmung setzt, um auch einmal im Leben ein Außenseiter und Verzweifelter sein zu dürfen. Der Roman lebt genau aus diesem zweispältigen Verhältnis und ist vielleicht gerade deshalb das Buch einer Generation, die nur Oberfläche und keine Tiefe mehr kennt.

Erst nach Beendigung der Lektüre erfahre ich, dass es sich um den Sohn von Botho Strauß handelt.

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