Die Generation der Gleichgültigkeit

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Die allgemeine Gleichgültigkeit der aktuellen Jugendgeneration ist ein tiefgreifendes gesellschaftspolitisches Problem.

Der folgende Text soll die Basis für eine Diskussion über ein lange vernachlässigtes Thema schaffen. Meine Ausführungen basieren auf allgemeinen Beobachtungen des Trends zur Gleichgültigkeit, ausgehend von ehemaligen Mitschülern, Kommilitonen und Bekannten. So sind mir drei Kategorien der Gleichgültigkeit aufgefallen: Die der persönlichen, der politischen sowie der kulturellen.

„Ohne Interesse oder (innere) Anteilnahme; weder Lust noch Unlust bei etwas empfindend oder erkennen lassend“[1]

Persönliche Gleichgültigkeit

Besonders während meiner Schullaufbahn ist mir immer wieder ins Auge gefallen, wie wenige Mitschüler wissen, was ihr Ziel im Leben ist. Das ist per se nichts Schlimmes, denn Interessen bilden sich aus und verändern sich mit der Zeit. Erwähnenswert erscheint mir jedoch die Tatsache, dass auch wenige bis keine Mühen auf sich genommen werden, seine Interessen herauszufinden. Dies hängt mit dem absoluten Desinteresse für die eigene Stellung innerhalb der Gesellschaft zusammen.

Viele Jugendliche scheinen kein Gespür dafür zu haben, wie sie sich sinnvollerweise in die Gesellschaft einbringen können, sie wollen es auch nicht. Sollte man nicht meinen, dass nicht zu wissen, worin ein persönliches Ziel besteht, abstoßend bis befremdlich auf die eigene Person und Persönlichkeit wirkt? Leider ist dieses Fehlen eines Verantwortungsgefühls für die eigene Rolle in der Gesellschaft für die meisten Jugendlichen offensichtlich der Status quo. Die Gleichgültigkeit überwiegt letztendlich.

Die wenigsten Jugendlichen scheinen sich außerdem ihrer eigenen Ideale bewusst zu sein, denn sie haben überhaupt gar keine. Dies führt zu einem exzessiv gelebten Hedonismus, einem oberflächlich geführten Leben ohne jeglichen tiefgehenden Sinn. Der praktizierte Nihilismus ist das Gebot der Stunde der Jugendlichen; möglichst viel Feiern, hochfrequent wechselnde Geschlechtspartner und etliche Konsumgüter stehen im Fokus. Ein Leben, bis oben vollgestopft mit Nichtigkeiten und Oberflächlichkeiten. So lässt es sich natürlich einfach leben, aber ein Leben ohne Ideale, wie mag das die Seele auf lange Sicht hin befriedigen?

Das Problem ist wohl, dass es genug Menschen gibt, die keinerlei Überzeugungen aufweisen können und trotzdem zufrieden sind. Zugegeben, vertritt man seine Ideale, eckt man oft an und erschwert sich das Leben selbst. De facto überwiegen trotzdem die Vorteile und ein gutes Gefühl.

Politische Gleichgültigkeit

„Man muss den schlechten Geschmack von sich abtun, mit Vielen übereistimmen zu wollen.“

Friedrich Nietzsche

Die politische Gleichgültigkeit hat in den letzten Jahren ungeahnte Ausmaße angenommen. Ein Großteil der Jugendlichen definiert sich über die Ablehnung der politischen Rechten. Ich sehe diese Einstellung bei dem größten Teil unserer Generation jedoch nicht als politische Meinung an, die auf Werten und Überzeugungen aufbaut, sondern halte sie bei den meisten für eine gesellschaftlich anerzogene Haltung, die hauptsächlich auf sozialem Druck beruht. (Selbstredend nicht bei allen, und natürlich gibt es überzeugte Linke, die sehr belesen sind und sich mittels verschiedenster Quellen eine fundierte Meinung bilden. Vor diesen Menschen habe ich im übrigen trotz größtenteils konträrer Meinungen einen sehr viel größeren Respekt als vor politisch gleichgültig Gesinnten, aber dies nur am Rande.)

Ein geeignetes Beispiel scheint mir das #wirsindmehr Konzert in Chemnitz zu sein. Während nur ein vergleichsweise kleiner Teil aus Überzeugung heraus zum Event erschien, war der weit größere Teil primär deshalb anwesend, um die beliebten Bands und Künstler zu sehen und eben die Vorzüge eines solchen politisch-musikalischen Happenings zu erleben. Wer in Anbetracht dessen wirklich behauptet, Linkssein sei nach wie vor ein rebellischer Akt, der belügt sich selbst. Wenn selbst der Bundespräsident den öffentlichen Schulterschluss mit “Nie-wieder-Deutschland”-Schreihälsen sucht, weiß man, dass der revolutionäre Elan der Linken gänzlich vom System verschluckt und in dessen Rahmen gezähmt worden ist.

Sich einer Menge an Menschen verbal entgegenzustellen, welche die eigene Person zum moralischen Feindbild erklärt hat und dem allgemeinen Konsens zu widersprechen, ist schwierig und mühsam. Viele gerade junge Menschen entfliehen nun also dem oft unbequemen Diskurs, indem sie das Thema der Politik umgehen oder sich der Einfachheit halber der vermeintlichen Mehrheit anschließen. Dieses verhalten resultiert aus Bequemlichkeit und Angst.

Erschreckenderweise interessieren sich viele Jugendliche nicht einmal dann für Politik, wenn sie selbst von einer verfehlten Politik betroffen sind.

Als beispielsweise am 24. Juli 2016 in meiner relativ kleinen Heimatstadt ein islamistisch motivierter Sprengstoffanschlag stattfand, war ich der Ansicht, dass sich die Stimmung doch jetzt langsam aber sicher wandeln müsse. Man kann doch nicht stillschweigend dabei zusehen, wie sich die eigene Heimatstadt auf diese Weise verändert. Doch weit gefehlt: Auch wenn es selbstverständlich keinen Zuspruch für den Anschlag gab, siegte im Endeffekt erneut die allgemeine Gleichgültigkeit. Das Umdenken in der (jungen) Gesellschaft scheint überhaupt nicht stattzufinden.

Kulturelle Gleichgültigkeit

„Eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.“

Aydan Özoguz, SPD, Integrationsbeauftragte

Äußerungen dieser Art machen es selbstdenkenden Menschen nicht gerade leicht, sich mit der politischen “Elite” zu identifizieren. Trotz allem ist es tragisch, wie wenig die eigene Kultur im Mittelpunkt des Denkens steht. Der infantile Irrglaube, dass so etwas wie Kultur nicht vorhanden sei, weil man sie nicht in zwei Sätzen auf den Punkt genau definieren kann, ist leider (insbesondere in Deutschland) weit verbreitet. Nicht von jedem kann verlangt werden, der größte Freund der klassischen Hochkultur zu sein und Homer im Original lesen zu können, doch dass man sich gar nicht für seine Kultur interessiert, sie in Ausnahmefällen sogar verachtet, erstaunt.

Meinen Beobachtungen zufolge geht der Trend leider klar zum absoluten Desinteresse an Kultur und Geschichte. Auch der aktuelle Lehrplan der Schulen will gegen diese Entwicklung arbeiten. Die europäische und deutsche Geschichte bzw. Kultur wird nur unzureichend behandelt. Ohne ein gesundes Maß an Eigeninteresse verlässt ein Schüler das Gymnasium also praktisch ohne nennenswerte Kenntnisse über die eigene Kultur.

Natürlich macht es für eine Person, die sich nur für das Hier und Jetzt und die eigene Gefühlssteigerung interessiert, auch keinen Sinn, sich tiefgehend mit seiner Vergangenheit und Traditionen zu befassen.

Fazit

Die oben genannten Punkte lassen sich miteinander verknüpfen und um viele andere erweitern. Leider kommt es mir so vor, als würde die allgemeine Gleichgültigkeit von Generation zu Generation wachsen, was mich prinzipiell besorgt stimmt.

Als einen wichtigen Grund für diese Feststellung mache ich im Übrigen den zunehmenden Verzicht auf Bücher fest. Außer der Pflichtliteratur für Schule und Studium wird oft gar nicht mehr gelesen. Mit meinen Beobachtungen geht einher, dass die Menschen, die sich am wenigsten für politische und gesellschaftliche Prozesse interessieren, meist gleichzeitig am wenigsten belesen sind.

Dies halte ich mitnichten für einen Zufall. Besonders in rechten Kreisen ist mir jedoch die äußerst positive Tendenz ins Auge gefallen, sich mit Literatur und Theorien des politischen Gegners zu befassen, diese zu analysieren, eventuell Denkanstöße zu nutzen und nicht prinzipiell zu verteufeln.

Dieser Essay bietet keine Lösungsansätze. Es soll lediglich das Problem der allgemeinen Gleichgültigkeit beleuchtet werden. Dieses Problem zu lösen, ist eine wahrlich große Aufgabe, der wir uns stellen sollten. Wenn sich nichts elementar ändern wird, werden vermutlich die folgenden Generationen Opfer einer völlig gleichgültigen Gesellschaft. Ich hoffe, ich liege falsch.

/An anderer Stelle wurde sich schon mit verschiedenen Formen des Nihilismus unserer Generation Beschäftigt. Hier gibt es einen Überblick.

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[1] https://www.duden.de/rechtschreibung/gleichgueltig#Bedeutung1

1 KOMMENTAR

  1. Gleichgültigkeit ist kein Problem. Die Mitläufer von Heute werden Morgen unserem System genauso widerspruchslos folgen. Ich halte den Narrativ von einer gebildeten politischen Jugend in den 60ern für stark übertrieben. Die meisten hielten sich raus genau wie heute.

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