Die Dinge bei ihrem wahren Namen nennen… (II)

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Die Schlüsselblume kommt direkt aus dem Himmel. War sie früher noch weit verbreitet, ist sie heute eine gefährdete und streng geschützte Pflanze.

(hier geht zum ersten Teil)

Folgt man der Legende, so fiel dem heiligen Petrus, dem Hüter der Himmelspforte, eines Tages der Himmelsschlüssel aus der Hand. An der Stelle, an der er auf der Erde aufkam, sprossen sogleich Blumen aus dem Boden empor. Ihre Form erinnerte an einen Schlüsselbund und daher erhielten sie den Namen Schlüsselblume oder Himmelsschlüsselchen. Diese sorgten dafür, daß der Schlüssel nicht in die falschen Hände geriet. Allein Petrus war in der Lage, den Himmelsschlüssel unter den Blumen wiederzufinden.

In einer anderen Variante der Geschichte hatten die Menschen selber einmal den Schlüssel zum Himmel in ihren Händen. Allerdings wußten sie diesen Schatz nicht zu schätzen und meinten, sie hätten ihn nicht nötig. Er geriet entweder in Vergessenheit oder sie verloren ihn. Als man sich später des Wertes besann, war er nicht mehr aufzufinden. An der Stelle, an der man meinte, ihn finden zu müssen, wuchsen allerdings die Himmelsschlüsselchen als Abbild des echten Schlüssels. Sie erhalten die Erinnerung und die Sehnsucht nach dem Zugang zum Himmel wach.

privat/anbruch

Je nach Region gibt es unterschiedliche Details und Ausführungen dieser Legenden. Gleichzeitig läßt sich der Name auch mit der frühen Blütezeit der Schlüsselblume erklären. Sie ist eine der ersten Pflanzen, die im Frühjahr „den Himmel aufschließt“ und die Wachstumszeit auch für andere Pflanzen eröffnet.

Seit der Antike sind die Heilkräfte der Schlüsselblume bekannt. Sie wurde als Fruchtbarkeitsmittel eingesetzt, aus Wurzeln und Blüten gewann man Heilmittel gegen Gicht, Rheuma, Herzschwäche oder Kopfschmerzen. Auch für das Vieh hatten Schlüsselblumen heilsame Wirkung, sie mußten jedoch vor Sonnenaufgang gepflückt und in der Walpurgisnacht ins Futter gemischt werden. In der Nordischen Mythologie lieben die Elfen und Nixen die Blume und beschützen sie. Auch der Lichtgott Balder soll jeden bestraft haben, der eine Schlüsselblume ausriß, allerdings gibt es dafür keine klaren Belege. Die keltischen Druiden gewannen den „Trank der Begeisterung“ aus der Schlüsselblume, den sie bei der Initiation neuer Druiden tranken.

Für das Liebesglück, so glaubte man, gebe die Schlüsselblume die entscheidenden Hinweise. Wenn ein Mädchen in der Karwoche eine blühende Schlüsselblume fand, sollte es im gleichen Jahr noch heiraten. Neben diesen „Schätzen“ traute man der Schlüsselblume auch zu, ganz materielle Schätze aufspüren zu können. Etliche regional leicht unterschiedliche Sagen erzählen von einem Jungen, der mit einer Schlüsselblume ein Felsentor öffnen kann, hinter dem sich ein Schatz verbirgt. Tragischerweise vergißt er aber „das Beste“, nämlich die Blume, im Berg und als er sich außerhalb des Berges darauf besinnt, merkt er, daß er die Taschen voller Steine hat und es nun auch keinen Weg zurück in den Berg gibt.

Auch heute noch wird die Schlüsselblume für medizinische Zwecke verwendet. In Deutschland allerdings ist die Pflanze durch intensive Landwirtschaft mit chemischer Düngung selten geworden. Pflücken darf man sie daher nirgendwo. Glück ist es heute, sie einzeln oder gar auf größeren Flächen zu finden.

 

Literatur

Oskar Dähnhardt: Natursagen: Eine Sammlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden (neu aufgelegt 1983).

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