Die Dinge bei ihrem wahren Namen nennen… (I)

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Um aus uns selbst und unserer Heimat zu leben, müssen wir uns nicht nur unser selbst bewußt werden. Wir müssen ebenfalls wieder ein Gespür für die Dinge entwickeln, die uns jeden Tag umgeben. Die Rede von der Heimat reicht nicht, wir müssen sie uns in allen ihren Facetten aneignen und fühlen.

In Sean Penns Aussteigerepos „Into the Wild“ stößt der Supertramp Christopher McCandless – in der Wildnis Alaskas gefangen, weil ihm reißende Flüsse den Rückweg in die Zivilisation versperren, und vom Hungertod bedroht – bei der Lektüre seiner Bücher auf eine entscheidende Textpassage: „…die Dinge bei ihrem rechten Namen nennen!“ Dieser kurze Textschnipsel veranlaßt ihn, so suggeriert der Film, mit Hilfe eines Bestimmungsbuches nach eßbaren Pflanzen in seiner Umgebung zu suchen – dem Film zufolge mit tragischem Ende.

Möglicherweise stammt die Textpassage aus Boris Pasternaks „Doktor Schiwago”, eine große Liebesgeschichte, die im revolutionären Rußland der 1920er Jahre spielt. Wahrscheinlich war dies das letzte Buch, das Christopher las. In seiner nach seinem Tod gefundenen Ausgabe fand sich folgende Passage angestrichen:

„Für einen Augenblick erschloß sich ihr aufs neue des Lebens Sinn. Sie erkannte, daß sie hier war, um sich in der fast unfaßbaren Schönheit und Herrlichkeit der Erde zurechtzufinden und um allen Dingen einen Namen zu geben.“

Gleichfalls bedeutsam für Chris war der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau, der mit seinem Buch „Walden. Oder das Leben in den Wäldern” zu einem Vorgänger aller Aussteiger wurde. Außerdem lieferte er mit seinem Essay Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat den Grundlagentext für so gut wie jede Bürgerrechtsbewegung. Thoreau schreibt in seinen Notizen „Wild Fruits” (2013 von Esther Kinsky unter dem Titel Lob der Wildnis zusammen mit anderen Schriften aus Thoreaus Nachlaß zusammengestellt):

„Wir wollen lieber die Dinge bei ihrem rechten Namen nennen. […] Das hiesige, das zu uns gehört, ganz gleich was es ist, ist viel wichtiger als für uns, als es Fremdes je sein kann. Was hier heimisch ist, kann uns etwas beibringen, ihm haben wir zu verdanken, daß wir hier leben können.“

Diesen Worten und dem Wunsch, etwas über unsere direkte Umgebung zu erfahren, wollen wir uns anschließen. In unregelmäßigen Kolumnen werden wir immer wieder Pflanzen und Tiere, Geschichten und Orte vorstellen, die mit unserer Heimat, unserer Geschichte, der Landschaft verwoben und verwurzelt sind. Nun geht es uns hier nicht darum, exotische Enthaltsamkeit zu predigen und auf Ananas, Mango oder auch nur italienische Weintrauben zu verzichten. Wir wollen auch keine Prepperschulung bieten. Wir wollen nur die Augen für die Welt rechts und links des Weges öffnen und begreifbar machen, warum wir uns mit unserer Heimat identifizieren. Wir beginnen daher auch heute mit einer Pflanze, die abgesehen von ihrer kurzen Schönheit zu Beginn des Frühlings wenig „nützliches“ oder verwertbares zu bieten hat.

Sobald die Sonnenstrahlen dauerhaft etwas kräftiger werden, die Bäume aber noch kein dichtes Laubdach über den Boden spannen, wachsen vor allem in Buchen- und Eichenwäldern ganze Teppiche von Buschwindröschen. Je nach Region ist es auch unter den Namen Aprilenhahnenfuß (Schlesien), Augenblume (Ostfriesland), Geistblüemli (Schweiz), Haselblume, Käsblume (Erzgebirge), Merzenblume (Siebenbürgen), Osterblome (Bremen), Storchblume (Brandenburg und Schwaben) oder Witte Oeschken (Mecklenburg und Pommern) bekannt und bekannt gewesen (Georg August Pritzel, Carl Jessen: Die deutschen Volksnamen der Pflanzen. Neuer Beitrag zum deutschen Sprachschatze. Philipp Cohen, Hannover 1882). Es blüht nur kurze Zeit, weil ihm dann die Bäume das notwendige Licht rauben. Buschwindröschen enthalten den Giftstoff Protoanemonin, weshalb frühere Jäger den Saft wohl als Pfeilgift nutzten.

Das Buschwindröschen gehört zur Gattung der Anemonen. Anemona war in der Mythologie eine Nymphe am Hof der Blütengöttin Flora. Deren Ehemann Zephyr, der Gott des Windes, verliebte sich in Anemona. Der eifersüchtigen Göttin und Gattin blieb nichts anderes übrig, als Anemona in eine Blume zu verwandeln. Diesem tragischen Ende einer Romanze haben wir einen der schönsten Frühlingsblüher zu verdanken. Die englische Illustratorin Cicely Mary Barker, bekannt für ihre fantastischen Bilder von Feen und Blumen widmete ihnen dieses Gedicht:

While human-folk slumber,
The fairies espy
Stars without number
Sprinkling the sky.

The Winter’s long sleeping,
Like night-time, is done;
But day-stars are leaping
To welcome the sun.

Star-like the sprinkle
The wildwood with light;
Countless they twinkle
The Windflowers white!

 

Literatur
Henry David Thoreau: Lob der Wildnis. Berlin 2013.
Jon Krakauer: In die Wildnis. Allein nach Alaska. München 2008.
Helmut Genaut: Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen. Hamburg 2005.
Cicely Mary Barker: The Complete Book of the Flower Fairies. 2002.

 

2 KOMMENTARE

  1. […] Als erste Sprache lernen die Tenharim weiterhin ihre eigene, später dann portugiesisch. Ebenso lernen sie bereits als kleine Kinder die Kunst des Überlebens im Wald. Für Madarejúwa ist ein Leben ohne den Wald kaum denkbar. Neben den Geschichten über sein Volk erzählt er am meisten über die Pflanzen und Lebewesen im Wald. Er bewegt sich im Wald absolut sicher, lockt Tiere an, war einer der jüngsten Jäger seines Volkes, kann wirklich „die Dinge bei ihrem wahren Namen nennen“. […]

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