Im Gefängnis der Geschichte: Mircea Eliade (2)

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Die Entstehung der Moderne skizziert Eliade als einen Fall in die Geschichte. Der moderne Mensch bricht mit dem zyklischen Geschichtsdenken des homo religiosus und wird somit zum selbstbestimmten, anthropozentrischen Subjekt. Die Geschichte wird durch die Geschichte selbst überwunden – in diesem Vorgang wird ein urreligiöses Phänomen transformiert.

Der homo religiosus als religiöser Idealtypus

Der homo religiosus ist eine Bezeichnung, die nach Eliade einen Idealtypus des religiösen Menschen beschreibt, der wiederum durch den archaischen Menschen verkörpert wird. Hauptimpuls dieses religiösen Menschen ist die Suche nach dem Ursprung des Lebens und des Geistes, ein Heimweh nach einer universellen Matrix. Der Zugang zur Welt des homo religiosus wird dabei von dem Gegensatz des Heiligen und des Profanen geprägt:

Alle bisher gegebenen Definitionen des Phänomens Religion weisen ein Gemeinsames auf: jede von ihnen setzt in irgendeiner Weise das heilige und das religiöse Leben dem profanen und dem weltlichen Leben entgegen.

Am deutlichsten wird diese Charakterisierung am homo religiosus. Das Heilige bedingt das Profane, indem es „das ,Ganz andere‘, eine Realität, die nicht von unserer Welt“ darstellt und somit als integrierender Bestandteil der irdisch-materillen Welt fungiert. Daraus ergeben sich ebenjene Arten des In-der-Welt-seins, „zwei existenzielle Situationen, die der Mensch im Lauf seiner Geschichte ausgebildet hat“. Wo dieser Gegensatz offenkundig ist, können religiöse Zeugnisse, indem sie das Heilige manifestieren, sichtbar gemacht werden. Eliade bezeichnet diese Zeugnisse als Hierophanien, die Ausdruck letzter Wirklichkeit menschlichen Daseins sind und einen tieferen Sinn aller Symbole offenbaren. Hierophanien deuten auf „ein System zusammenhängender Merkmale“ hin, denn nur so kann die Begegnung des Menschen mit dem Heiligen entziffert werden. Das Heilige gilt es nach Eliade in unterschiedlichen Bereichen der kosmischen Daseinsform zu erkennen.

Der Terror der Geschichte

Dieser Versuch die Welt zu ordnen und an den ersten Mythos, den Ursprung, zurück zu binden, ist ein Urphänomen menschlichen Daseins: Es ist das Prinzip der archetypischen Wiederholung. Folglich lässt sich dieser Ansatz in allen religiösen Erscheinungen der Menschheit wiedererkennen, da es sich hier um ein universelles Sujet handelt. Hinter diesen strukturierenden Elementen steht ein Urvorgang, der alle weiteren Phänomene bedingt. Es ist der Versuch, die Zeitlichkeit und somit die irdische Bedingtheit menschlichen Daseins zu überwinden, es ist die Sehnsucht nach der Zeitlosigkeit. Das Voranschreiten der Zeit wird somit immer als Abfall von der heiligen, bedeutungsvollen Zeit verstanden, da das Voranschreiten zugleich ein Wegschreiten von der heiligen Zeit bedeutet. Aufgrunddessen versucht der homo religiosus mittels Riten und zyklischer Erneuerung eine Rückbindung an die heilige Zeit zu finden: die Zeit der Götter, die durch den Mythos offenbart wurde. Der Mensch, so Eliade, strebt danach, den Kosmos und somit sein irdisches Dasein zu heiligen und mit dem Ursprung allen Seins zu verbinden. In dieser Tendenz liegt das zyklische Bewusstsein aller vorabrahamitischen Religionen bedingt.

Der Historizismus des modernen Menschen

Dem homo religiosus stellt Eliade den modernen Menschen entgegen, der durch seine Geschichtlichkeit grundlegende Änderungen im Seinsverständnis begründet und das Prinzip der archetypischen Wiederholung auflöst. Der individualistische Aspekt des modernen Denkens tritt hinzu, denn aus der Vorstellung von der Formbarkeit der Geschichte resultiert zugleich die Vorstellung von einem freien und autonom handelnden Subjekt.

Das Prinzip der archetypischen Wiederholung des homo religiosus wurde durch den Messianismus des Judentums überwunden. Der Mensch tritt (zumindest geistig) durch diesen erstmalig aktiv in die Geschichte ein und versteht sich von nun an als geschichtliches Wesen, das schaffen und formen kann und daher eine Rolle im weltlichen Geschehen spielt. Auf Grundlage des jüdischen Messianismus wird der Weg einer Philosophie der Geschichte geebnet: Das Judentum kennt einen Anfang und ein Ende der Geschichte, der den geschichtlichen Fortschritt zugleich in einen göttlichen Kontext, die heilige Offenbarung, stellt. Menschliches Handeln bedingt nun ebenfalls die göttliche Schöpfung, die in der Geschichte verewigt wird. Gott nahm im Christentum eine menschliche Gestalt an und griff durch Jesus in die konkreten historischen Geschehnisse ein, weshalb Eliade das Christentum als die Religion des modernen und zugleich geschichtlichen Menschen interpretiert: Der Christ habe die persönliche Freiheit und die Geschichte zur Überwindung der Zeitlichkeit des Menschen durch göttliche Offenbarung entdeckt. Aufgrund des Auftretens von Propheten im Juden- und Christentum wird erstmalig die Geschichte selbst als Epiphanie aufgefasst, denn die monotheistischen Offenbarungen finden in der Zeit statt. Der Messianismus vertritt die Auffassung, dass die Zeit nur durch die Zeit selbst, die Geschichte, überwunden werden kann, das illud tempus des homo religiosus wird somit aus der Vergangenheit in die messianische Zukunft versetzt. Die anti-historische Haltung des homo religiosus wird seit dem Messianismus also dialektisch verkehrt und neu interpretiert, wobei das anti-historische Moment bestehen bleibt. Hier wird deutlich, dass die Zeitlichkeit am Ende der Geschichte vollends überwunden ist, um die (Vor-)Geschichte durch das Eintreten in ein goldenes Zeitalter abzuschließen. Die Ausmerzung der Geschichte findet durch die Geschichte selbst statt.

Im Modus der Entsakralisierung

Nur durch die judäo-christliche Auffassung kann der Mensch an einem bestimmten Zeitpunkt endgültige Befreiung aus der Zeit erfahren. Der geschichtliche ist der moderne Mensch, und sein Referenzrahmen ist die Geschichte selbst, nicht der Kosmos. Die skizzierte Geschichtlichkeit des modernen Menschen, ausgehend vom jüdischen Messianismus, spiegelt jedoch nach Eliade noch immer das Bedürfnis des homo religiosus wieder, die Jetzt-Zeit mit der Verbindung zur göttlichen Zeit zu überwinden und sein eigentliches Ziel mit der Hoffnung auf das (irdische) Paradies zu erreichen.

Eine weitere entscheidende Implikation bei jener Geschichtsauffassung ist zugleich die Interpretation des Menschen als Subjekt des eigenständigen Handels, das sein individuelles historisches Schicksal begreifen und gestalten kann. Der Mensch ist nun nicht mehr ausschließlich Geist, sondern er wird Materie, durch sein Mitwirken in der geheiligten Geschichte, weshalb eine schöpferische Komponente zugesprochen wird. Der individualistische Aspekt der abrahamitischen Religionen wird ferner durch die Dimension des persönlichen, individuellen Glaubens geebnet. Gott offenbart sich durch Abraham als irdische Person, die ohne Rechtfertigung Gefolgsam und Glaube seiner Anhänger einfordert. Eliade schreckt bei seiner Analyse des modernen Menschen nicht davor zurück, jenen der Natur und dem Göttlichen entgegenzusetzen, da er schaffend und schöpfend ist. Aufgrunddessen ist für ihn prinzipiell fast alles möglich, weshalb der moderne Mensch vom Glauben an den Unglauben beseelt ist und scheinbar ohne Gott auskommen kann. Er selbst kann somit als Schöpfer seiner eigenen Geschichte auftreten.

Der Mensch macht sich selbst, und er kann sich nur in dem Maß wirklich selbst machen, in dem er sich selbst und die Welt entsakralisiert. Das Sakrale steht zwischen ihm und seiner Freiheit.