Der Verlust des Exponenten – Überlegungen zum Kulturbegriff

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Als der Poststrukturalismus kulturträchtigen Begriffen wie Nation, Kultur und Volk anhand des linguistic turn den ontischen Eigensinn nahm, wurde ein nie zuvor dagewesener Raub am generischen Kulturbegriff begangen. Die Kultur der Endmoderne ist daher nicht nur als Erbe einer beispiellosen Begriffsentweihung zu verstehen, sondern vor allen Dingen als ein künstliches Surrogat, das sich an die Stelle einer ontischen Verkümmerung stellte.

Der moderne Kulturbegriff besitzt demnach allen Beteuerungen zum Trotz keine epistemologische Eigenständigkeit. Im Gegensatz zu vorhergangengen Epochen bemißt sich sein Deutungsverhältnis zur Kultur nicht nach Art, sondern nach Grad. Da er parasitär vom kulturellen Destillat früherer Kulturphasen lebt, legitimiert er sich nicht substantiell, sondern entfaltet sich abstrahierend vom Wertschöpfungsmuster anderer Zeitalter. Diese versucht er zwar vordergründig zu überwinden, gesteht ihnen jedoch durch das Beharren auf Abgrenzung und Kritikfähigkeit ungewollt Deutungshoheit zu.

Ihm vorzuwerfen, er existiere somit außerhalb aller Bezugspunkte zur Frage nach der Transzendenz wäre falsch, denn er bezieht fast seine gesamten Legitimationsprinzipien aus dem Versuch, diese zu negieren. Dem modernen Kulturbegriff wohnt daher eine schizoide Deutung von Kultur inne. Indem er den transzendenten Überbau einer Kultur negiert und diesen durch einen säkularen zu ersetzten versucht, schafft er Kultur nicht ab; er erzeugt lediglich den gesellschaftlichen Konsens einer minimalen Kulturdefinition, die gefangen in einem horizontalen Gefüge, sich vertikal stets nach unten entwickelt.

Den Zugang zu einem kulturtragenden Exponenten – zu einem vertikal Höheren – hat eine Kultur, die sich in ihren Grundsätzen auf einen minimalen Kulturbegriff bezieht, nicht verloren, weil sie Transzendenz aus ihrem begrifflichen Repertoire gestrichen hat, sondern weil sie den generischen Kulturbegriff an sich in Abrede stellte.

Der zweispurige Begriff des Fortschritts

Während die vorchristiliche Welt den Gang der Geschichte als zyklisch betrachtete, trat mit der gesellschaftlichen Verankerung des Christentums zum ersten Mal eine vertikal ausgerichtete Epistemologie des Geistes in die westliche Welt hinein. Der Geist hörte auf, eine im Raum der Metaphysik stehende Idee zu sein, und versöhnte den Verstand mit dem Gegenstück der Offenbarung zu einem Ganzen. Das Ganze widerum war fordernd, es konsolidierte sich analog zum sittlichen Wollen des Menschen; das heißt, es war richtungsgebend. Obgleich es in der religiösen, wie auch in der historischen Deutungswissenschaft umstritten ist, kann man hier durchaus von einem ersten Auftauchen eines generischen Fortschrittsgedankens sprechen. Dieser positionierte sich allerdings konträr zu dem heutigen, rein auf kognitiven Fähigkeiten fußenden Begriffs des prometheischen Fortkommens. Er war vielmehr Form einer zielorientierten Weiterentwicklung der Seele hin zu einem exponentiell Höheren.

Es kann daher nicht überraschen, dass der impulsgebende Ansatz der Aufklärung, inspiriert durch die augustinische Auslegung des Sündenfalls, ebenfalls der des Fortschritts war. Doch während die christlich-scholastische Tradition die Wiederherstellung des adamitischen Menschen hermeneutisch deutete und den Sündenfall als eine qualitative Komponente menschlicher Natur ansah, verklärte der cartesische Skeptizismus diese zu einem pejorativen Menschen- und Kulturbegriff, den es kategorisch zu überwinden galt. Der Unterschied lag somit in der Auslegung einer theologischen Anthropologie. Beide Geistesströmungen gaben zwar die Rückkehr ins Paradies als richtungsweisend an, doch während der christliche Fortschrittsgedanke aus der Versöhnung geboren wurde und den Menschen hin zu einem Exponenten emporzog, speiste sich jener der Aufklärung aus der Verzweiflung heraus. Die damit einhergehende Deutung der Kultur war geprägt von einem epistemologischen Pessimissmus, der dem Menschen ein zielloses Streben aus sich selbst heraus offenbarte, und ihn zwangsläufig horizontal in seine eigene Gegenständlichkeit zurückzustieß.

Der Minimale und Maximale Kulturbegriff

Die Hermeneutik der westlichen Kultur wird seitens linker Kulturkritik oftmals als imperialistisch gedeutet, und folglich der Beliebigkeit inmitten anderer Kulturdeutungen preisgegeben. Dabei wird verkannt, dass westliche Denktraditionen keinen imperialistischen Impetus per se vertraten, sondern aus ihrem Standpunkt heraus beanspruchten, das Ganze zu denken. Das Anliegen vormoderner Theorieansätze kann demnach als Schaffung eines maximalen Kulturbegriffes unter Berücksichtigung transzendenten Maßstäbe angesehen werden. Letztere ergaben sich epistemologisch fast ausschließlich aus einer vertikal ausgerichteten Kulturauffassung. Der Begriff der Kulturnation deutscher Prägung ist als ein solcher Versuch zu deuten.

Indem die minimale Kulturdefinition der Endmoderne jene Maßstäbe in den heutigen Humanwissenschaften nur subterran vertreten lässt, erhebt sie einen widersprüchlichen Anspruch in Bezug auf den Platz des Menschen in der Kultur: aus dem modernen Menschen soll ein vermeintlich kultiviertes Wesen gemacht werden, indem man sich seiner Kultiviertheit vergangener Epochen entledigt. Frei nach der Tradition des französischen und angelsächsischen Gesellschaftsvertrages soll der Mensch sich dem Aggregat anpassen, dem stets auf einer horizontalen Ebene Gelegenden, das ohne epistemologische Gradierungen auskommnt.

Diese Rolle entspricht dem Menschen in einer Kultur jedoch nicht, da er sich als Teil der Natur seines transzendenz Wesens – und somit seiner Differenziertheit, die durchaus graduierbar ist – nicht entledigen kann. In dem ewig Werdenden kann er als stationär Verharrender ohne einen höheren Überbau nicht existieren. Als fotografisches Negativ, als ein Ich inmitten einer Reihe von Ichs, ist er nach solch einer reduzierten Kulturauffassung letzlich nur ein metaphysisch Ertrinkender auf einer vom Reduktionismus durchtränkten hohen See.

Ein Neuer Kultursyllogismus

Wie kann einem transzendenten Überbau in der Endmoderne begegnet werden, wenn sich Kultur als bloßes Surrogat, als Form ohne Inhalt für den modernen Menschen erweist? Der Zweck heiligt nicht die Mittel, einer glorreichen Vergangenheit nachzueifern, die größtenteils aus Mythen besteht. Es gab bisher keine uns bekannte Epoche in der Vergangheit, in der ein holistischer Menschen- und Kulturbegriff über die sozialpolitische Wirklichkeit triumphierte. Mythos und Begriff sind für eine Kultur daher sowohl punktuell als auch universell von Relevanz. Sie machen deutlich, dass das, was wir in der heutigen Zeit brauchen, wohl eher einem Syllogismus gleicht, d.h. einer neuen Kunst des kulturellen Dechiffrierens und des Erinnerns an eine höhere Bestimmung.

Wer jedoch Höheres will, schrieb Goethe, muss auch das Ganze wollen. Die babylonischen Verhältnisse, die in der heutigen Kulturkritik vorherrschend sind, lassen sich nicht mit kosmetischen Korrekturen überwinden. Gemäß der logischen Überführung anhand des aristotelischen ignoratio elenchi, ist es die Relevanzfrage nach der Stellung des geistigen Überbaus – weniger die linksliberale Larmoyanz über ihren Ausgang -, die wortführend in jedem modernen Kulturdiskurs Einzug halten sollte. Es müssten sich die epistemologischen Koordinationspunkte in unserem Kulturbegriff verschieben. Ihr Referanzrahmen müsste erweitert werden, um das Ganze beherbergen zu können.

Kultur unter dem Deckmantel der Demut

Ist Kulturdeutung im Lokus der eigenen Gegenständlichkeit zentriert, dann ist sie in einer horizontalen Stratosphäre gefangen und vermag nicht, das Höhere zu fassen. Die Forderung nach einer syllogistischen Kulturauffassung wird daher zwangsläufig zur ihrer ersten Bedingung: die Transzendenz, welche sich der rationalen Allmacht der Menschen epistemisch entzieht, muss als Exponent einer maximalen Kulturdeutung anerkannt werden. Das Aggregat des Gesellschaftsvertrages kann nicht das kulturelle Bindungsglied sein, da die materielle Existenz des Menschen gekennzeichnet ist vom biologischen Zyklus des Verfalls. Das heißt, der Mensch wird und war, während sein Geist fortwährend ist. Kultur jedoch ist ein codiertes Diktum sowohl des menschlichen Geistes als auch des sozialen Habitus; es reicht daher über die bloße physische Existenz des Menschen hinaus.

Der Mensch kann sich demnach vom Laster des Materiellen ohne einen höheren transzendenten Überbau nicht befreien. Die Erlösung kann für ihn nur aus einer den Menschen überwundenen epistemischen Ebene kommen. Ein Erinnern an den Schmerz des Daseins, nicht die moderne Weltflucht vor jenem, beherbergt das Wissen über den epistemologischen Irrtum in einer Kultur. Der begangene ontische Raub muss von einer Kultur daher erst epistemologisch gedeutet werden, bevor er korrigiert werden kann.

Die epistemische Legitimation für einen kulturellen Exponenten kann konsequenterweise nur die Gesinnung der Demut liefern. Diese lässt den Menschen den Widerspruch zwischen dem präskriptiven Sollen und dem deskriptiven Sein aushalten, indem sie der menschlichen Ohnmacht wie auch der Tragik einen ontischen Platz im Leben zuweist. Aus einer demutsorientierten Kulturdeutung lässt sich darüber hinaus folgern, dass es in der Metaphysik kein Recht auf moralische Erleichterung gibt, die nicht gleichzeitig sine qua non einer Fügung hin zur seelischen Verkümmerung nachkomme. Solange ein minimaler Kulturbegriff jener Schwere und Relevanz des Seins mit epistemologischer Gleichgültigkeit begegnet, solange wird sein Ziel die bloße Verhüllung menschlichen Potentials im Mantel einer fadenscheinigen Erhabenheit sein.

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