Der stille Große (1) – Adalbert Stifter

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Ein Schriftsteller auf der Suche nach dem Eigentlichen und Göttlichen in der Kunst. Adalbert Stifter weckt mit seinem Werk Bewunderung und Ablehung. Was bleibt ist das solitäre Werk eines Schriftstellers, der in die Ruhe horchen wollte.

Im Jahre 1804, genauer am 23. Oktober in Oberplan bei Krummau im Böhmerwald, wurde ein Junge geboren, der später mit 35 Jahren ungeplant und unverhofft als einer der größten und ungewöhnlichsten Schriftsteller seiner Zeit erkannt wurde: Adalbert Stifter.

Adalbert_Stifter_photoFrüh mußte Stifter nach dem Tod seines Vaters auf dem Hof mithelfen. Doch schon bald besuchte er das benediktinische Stiftsgymnasium in Kremsmünster, wo seine Leistung von Anfang an auffiel. Die Zeit als Schüler empfand er als die schönste in seinem ganzen weiteren Leben. Hier entwickelte sch seine Liebe über die wohlgeordnete Schöpfung, sein tiefer Glaube verbunden mit aufklärender Wahrheitssuche, überhaupt dieser Blick auf das Ewige, der ihn niemals losließ.Der Stille unter »literarischen Tumultanten«

Sein Erstlingswerk „Der Condor“ fand 1840 eine junge Gönnerin, die Baroneß Ida Mink, die das Manuskript einem Verleger empfahl. Bereits dieses Werk erregte Aufsehen. Stifters literarischer Ruhm gründete sich allerdings auf die 1844 erschienenen „Studien“, einen Sammelband seiner bisher veröffentlichten Erzählungen. Stifter selber sah in diesen jedoch nicht mehr als der Titel erahnen läßt.

Seinen plötzlichen Erfolg konnte der Dichter, der sich bis dahin sein bescheidenes Leben als Privatlehrer in Wien erarbeitet hatte, und der seine Erwartungen so sehr überstieg, daß er sich oft wie im Traume fand, seinem Verleger nur so erklären: »Auf die entgegengesetzten Parteien machen sie denselben Eindruck, ich kann es mir nur dadurch erklären, daß die tiefe, sittlich schöne Absicht der Bücher die so erfreuliche Wirkung tut.«

Dies bewahrte ihn jedoch nicht davor, seine seelische Demut zu verlieren, eine Demut, die eine heitere des schaffenden Geistes vor Gott ist. »Ich ein Dichter!«, schrieb er einst »das können nur Leute sagen, welche einen gar geringen Begriff vom Dichten haben; ich habe einen höheren.«

Auch spätere Schriftsteller, die seinem Werk eher ablehnend gegenüberstanden, kamen nicht umhin, ihm ihren Respekt zu zollen. Arno Schmidt, über ein Jahrhundert später geboren und mit einem vollkommen anderen schriftstellerischen Ansatz, bezeichnete ihn als „sanften Unmenschen“, nicht ohne einzuräumen, daß er sein Werk dennoch schätze. Und auch Karl Kraus, zu seiner Zeit die schärfste Feder Wiens schrieb 1916 in der Fackel:

»Wenn das, was heute in deutscher Sprache zu schreiben wagt, ohne ihres Atems einen Hauch mehr zu verspüren, irgendwie, von einem metaphysischeren Anstoß als dem Weltkrieg geschüttelt, imstande wäre, noch ein Quentchen Menschenwürde und Ehrgefühl aufzubringen, so müßte die Armee von Journalisten, Romansöldnern, Freibeutern der Gesinnung und des Wortes vor das Grab Adalbert Stifters ziehen, das stumme Andenken dieses Heiligen für ihr lautes Dasein um Verzeihung bitten und hierauf einen solidarischen leiblichen Selbstmord auf dem angezündeten Stoß ihrer schmutzigen Papiere und Federstiele unternehmen.«

Weder hat das Werk Stifters, dieses »vollendete Original« (Alois R. Hein), seine Zeit nach weiteren hundert Jahren hinter sich, noch schießt Kraus‘ Polemik auch heute am Ziel vorbei.

Dem Wahren, Schönen und Guten

Die noch im „Condor“ gegenwärtige »barocke Gefühlsüberhitzung« (Helmuth Burgert) eines Jean Paul, der neben Goethe und Herder die stilprägendste Kraft im Schriftwerk Stifters war, wurde schon in den folgenden Erzählungen wie „Das Heidedorf“ oder „Der Hochwald“ überwunden.  Stifters eigener Stil tritt hervor, den man als Ausdruck des Rühmens bezeichnen könnte, worin er sich den Psalmisten nähert. Stifter lehrt den Leser die Landschaft mit dem adamitisch lauteren Blick zu betrachten. Mit einem Mal leuchtet dem Leser das Antlitz der Welt entgegen. Alles wird von einem goldenen Licht durchweht: Mutterliebe, Fernweh und Heimatliebe, Liebe zur Schöpfung überhaupt, aber ohne der Welt zu verfallen. Die scheinbare Verklärung ist dabei kein Trug einer falschen Idylle, sondern Intensivierung der Wirklichkeit. Unverzichtbar war ihm der Glaube als Erkenntnis des Goldgrunds, selbst im Alltäglichsten. Es gilt die »Goldfolie der Geistestiefe«, wie sie Stifter selbst einmal nannte, in die Erzählung einzuflechten.

 

Stift_Kremsmünster_um_1823-25
Arbeit Stifters, 1823/25.

Die Effekthascherei des Reizvollen in der Darstellung nimmt im Laufe seines Lebens ab, das klassische Ideal von Größe und Einfachheit der Antike wird ihm mehr und mehr maßgebend, überhaupt das Maß schlechthin, und so steigt das Epos als des Dichters anverwandte Gattung hervor.

Dies alles ist umso mehr verwunderlich, da er sich noch in seinen Vierzigern als zünftiger Maler sah und sogar Ausstellungen gab, auch wenn er schon längst anerkannter Dichter und Schriftsteller war. In ihm zeigt sich deutlich das verflochtene Unvermögen der Kunst: als Dichter will er Maler sein, als Maler des Wortes verweist er an einer anderen Stelle auf die Musik, mit der er manches wohl besser fassen könnte, ahnend, dass auch hier Grenze und Mangel Wesenszug sind. So bleibt dem Künstler nur das Rühmen, eine zur Schönheit weisende Handreichung, die Schöpfung selbst übertrumpft er nicht. Mit folgendem Satz formulierte der späte Adalbert Stifter seine Aufgabe als Künstler.

»Ein Körnlein Gutes zum Baue des Ewigen beizutragen.«

Der echte Realismus

Stifter widersprach seinen Kritikern, welche ihn der beschönigenden Traumphantasterei bezichtigten, daß alle Werke von den Völkern des Altertums und hernach das gemeinschaftliche Merkmal des Göttlichen bargen. Das, was nicht altert, was keiner Zeitströmung unterliegt, sei das Eigentliche der Kunst und somit sei Gotteserkenntnis und Darstellung des Göttlichen in der Schöpfung urgründige Aufgabe einer jeden wahren Kunst. Für ihn war der Mensch zuallererst Schöpfung Gottes, was den Künstler dazu verpflichtet, ihn auch als solchen zu erkennen und darzustellen. Stifter fragt  aus einer mythischen Weltsicht, wie sie u.a. Eliade beschreibt, heraus, »ist nicht Gott in seiner Welt am allerrealsten?«
Der höchste Realismus hat also immer auch das Göttliche, aus welchem alles strömt, mit einzubeziehen; das Wirkliche, so wirklich wie es ist, unverändert darstellen, das war seine Maxime, dann hebt auch der »Schwung«, welcher ohne uns in der Welt wirkt, das Werk selbst. Dagegen empfand er den bloßen, das heißt materialistischen Realismus sozialer Probleme als »grobe Last«, den bloßen Idealismus dagegen als »unsichtbaren Dunst und Narrheit«.

Der 2. Teil erscheint in den kommenden Tagen.

/cnb

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