Der stille Große (2) – Adalbert Stifter

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Auch Stifter wollte realpolitische Veränderung und stand, vielleicht mag dies überraschen, Gedanken des Vormärz‘ wohlwollend gegenüber, sah die Freiheit des Einzelnen jedoch nicht in der Freiheit der Massen begründet.

Die »Welt der Freiheit in Schönheit und der Schönheit in Reinheit« (Rudolf Alexander Schröder), das war ihm Gebot. Ihm ging es immer um den je Einzelnen, der zuvorderst das Göttliche schauen und sich selbst erkennen und bilden muß.

Wahrheit schließt das Geheime mit ein

Dem Psychologisieren seiner Figuren enthielt er sich aus einer inneren Scham. In die intimsten Schichten der Person einzudringen wagte er nicht, hielt ihn doch eine innere Keuschheit der Menschengestaltung davon ab, eben diesen dargestellten Menschen zu zerfasern und schamlos zu enthüllen. Ihm war die Handhabung des Menschen, wie sie ein Baudelaire oder später ein Zweig vollführten, zutiefst fremd, wenn nicht gar ein Gräuel. Denn der Mensch ist immer auch Geheimnis und die wahre Darstellung muss diesen Wesenszug mit einbeziehen, will sie nicht dem Menschen seine Menschlichkeit rauben, ihm – bildlich gesprochen – brutal seine Kleider entreißen und nackt auf den Marktplatz werfen. So schrieb auch Bonhoeffer über Stifters Werk: »und wenn der Zyniker sich auch besonders ehrlich vorkommt oder als Wahrheitsfanatiker auftritt, so geht er doch an der entscheidenden Wahrheit, nämlich, daß es seit dem Sündenfall auch Verhüllung und Geheimnis geben muß, vorbei.«

Das Geheime, das, was nicht ausgesprochen wird, die Stille und Ruhe überhaupt, den Worten Raum zum Leuchten zu lassen, wieder zu horchen und zu sinnen, das alles muß auf überstrapazierte und den Takt von maschinenhaftem Nachrichtenbeschuß gewöhnte und zermarterte Seelen sterbenslangweilig wirken. Doch vollzieht sich genau in dem Augenblick der Zu- und Hinwendung eine Berührung mit dem Unverhofften, das einen in tiefes Staunen versetzt. Es ist dieses Staunen eine beginnende Wesenswandlung, welche einmal begonnen, fortwährend zur weiteren Vollendung strebt. Der einmal Getroffene ist derselbe, aber nicht mehr der gleiche. Hierin ruht eine kaum zu überschätzende Gefahr für diejenigen Kräfte, welche mit allem Treiben eben jenen Kuß des Goldgrundes zu unterbinden versuchen. In der hermetischen Tradition wird davon gesprochen, dass das reine Gold selbst alles zu Gold verwandelt, was es berührt. Mit dieser Hinwendung beginnt somit unweigerlich eine Heimkehr und mit ihr eine Genesung zu neuer Kraft.

Innerlichkeit ist kein Rückzug in die private Behaglichkeit

Sein letztes großes Werk „Witiko“, an dem Stifter siebzehn Jahre lang gearbeitet hat, ist Beweis genug, daß er mehr als ein Idyll-Lyriker des „Nachsommer“ war, wie manche ihn versuchten kleinzureden, auch wenn Größen wie Rilke und Hofmannsthal dies auch später vehement bestritten. Ihn als einen einfachen „Biedermeier“ seiner Zeit zu verunglimpfen, was auch immer das genau zu bedeuten hat, verfängt schlichtweg nicht. Helmuth Burgert schrieb über den „Witiko“, welcher auch die Figur dieser großen Erzählung ist, »Witiko ist der Mann, der sich völlig in der Gewalt hat; er ist das strenge Gegenbild eines triebgejagten, von unreinen Leidenschaften besessenen Halbmenschen. Er wirkt weniger durch seine Taten als einfachhin durch sein Sein.«

Es war eben jenes dreibändige Epos, welches Max Picard, der eigentümlich antimoderne Kulturphilosoph aus der Schweiz, zur Erkenntnis verhalf, »die Dichtung war zuerst auf der Erde und erst nachher kam der Mensch.« Der Dichter deckt das Wort – den logos – nur auf, entfaltet also, wenn er der Wahrheit verpflichtet ist; er erfindet nichts, sondern zeigt, was schon da ist und preist es.

Das Wort indes ist in seiner innewohnenden Schönheit und Wahrheit auch immer Sittlichkeit, und so kommt zum homerischen Preisgesang die Selbsterkenntnis und die moralische Immanenz einer jeden Handlung, der sich nicht zu entziehen ist. Beschrieben wird der Idealtypus eines Politikers, der sich mit Leib und Leben um das Wohl seiner anvertrauten Polis sorgt. Die sittliche Verpflichtung für das Wohl der Gemeinschaft, welche zuallererst Gestaltung der eigenen Lebensführung ist, beschränkt sich nicht auf einige Auserwählte, sondern ist eines jeden Gebot. Dabei gelten höhere Bindungen als Geld und Macht, welche selbst letztlich keine höhere Gültigkeit haben und nur zur Verknechtung des Menschen taugen, wenn sie allein Säulen der Gesellschaft sein sollen. Die kalte Welt des Nutzens, des rein „rechnenden Denkens“ (Heidegger), kann dieser Typus nur verachten, da sie wider die Wahrheit des Wortes steht. Die wahre Freiheit des Menschen ist die Freiheit der Entscheidung. Sich für das Schöne anstelle des Häßlichen, für das Gute anstelle des Schlechten, alsdann für das Wahre anstelle des Falschen zu entscheiden, darin erweist sich seine wirkliche Größe wie auch der Sinn seiner Existenz. Mit den Worten Witikos:

»Ich bin gekommen, meine Pflicht zu erfüllen.«

/cnb