Der ortlose Mensch – Descartes und die Utopien der Gegenwart

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Der Endpunkt des – wie man als Konservativer wertend sagen muss – slippery slope gegenwärtiger linker Projekte ist eine Utopie: ein Menschentypus, der jeden Ortes verlustig gegangen ist. Das Projekt des „Gender Mainstreaming“ arbeitet daran, den Menschen von seiner Geschlechtlichkeit zu befreien. Geschlechtlichkeit ist immer Leiblichkeit, und der Leib lässt sich nicht ortlos denken. Wäre der Mensch hingegen reiner, geschlechtsloser Geist, dann wäre er auch ortlos. Das ist die Utopie des Transhumanismus, in der viele Bestrebungen der Linken heute konvergieren.

Entsprechend strebt die Utopie grenzenloser Bewegungsfreiheit aller Menschen auf dem gesamten Globus (also die Abschaffung von Grenzen und Nationen) danach, den Menschen von jeder örtlichen Bindung zu „befreien“ – oder, wie man als Konservativer kritisch sagen muss, ihn jeder örtlichen Bindung zu berauben. Indem er von seinen Bindungen an Orte und Verwandte „befreit“ wird, soll der Mensch zugleich jeder Herkunft ledig werden.

Es wäre sicherlich eine genauere Untersuchung wert, wie in derartigen Utopien gnostische Ideen wiederauferstehen (Hinweise auf Konvergenzen zwischen Gnostizismus und Moderne finden sich schon bei dem Philosophen Hans Jonas). Mir geht es hier aber vielmehr darum, auf den zentralen Denker hinzuweisen, der der Moderne ein Bewusstsein ihrer selbst gegeben hat und wesentlich an ihrer Durchsetzung beteiligt war: auf René Descartes und sein Menschenbild. Für ihn ist der Mensch eine ortlose Substanz, deren Wesen im reinen Denken besteht.

Im vierten Teil seiner Programmschrift Discours de la méthode (erschienen 1637) beschreibt Descartes das Ergebnis seiner Zweifelsexzesse: Er erkennt, dass er an allem zweifeln kann, nur nicht am Akt des Zweifelns selbst. Dieser Gedankengang war schon damals in der Philosophie nichts Neues. Er findet sich bereits bei Augustinus. Descartes’ Originalität besteht jedoch darin, die absolute Gewissheit der Selbsterfahrung des Bewusstseins (beispielhaft in der Erfahrung des Zweifelns) zum Ausgangspunkt oder Fundament seiner gesamten Philosophie zu machen. Er schreibt: „Je connus de là que j’étais une substance dont toute l’essence ou la nature n’est que de penser et qui pour être n’a besoin d’aucune lieu ni ne dépend d’aucune chose matérielle“ (Discours 4, 2, Hervorhebung von mir). In deutscher Übersetzung: „Ich erkannte daraus, dass ich eine Substanz bin, deren ganzes Wesen oder deren Natur nur darin besteht, zu denken, und die zum Sein keinen Ort braucht noch von irgendeinem materiellen Ding abhängt“.

Blitzartig erhellt sich an dieser Descartes-Stelle das Streben einer ganzen Epoche, der wir noch lange nicht entronnen sind: der Mensch erkennt sich selbst als Subjekt, sub-iectum, also als das allem zugrunde Liegende, und als ab-solut, also abgetrennt von allem. Descartes will die Menschen aus dieser Position heraus zu „maîtres et possesseurs de la nature“ (Discours 6,2) machen, zu „Meistern und Besitzern der Natur“. Die Hoffnung auf die Meisterung der Natur, auf einen Sieg über die Krankheiten und Gebrechen des Leibes, treibt Descartes an. Descartes’ Vision eines ortlosen, körperlosen Subjektes, das von keinem materiellen Ding abhängt, ist vielleicht nicht so sehr die Feststellung eines Faktums als vielmehr die Explikation einer Utopie, einer Hoffnung, die noch heute viele antreibt. Vielleicht erleben wir heute aber auch die letzten Ausläufer und das endgültige Scheitern des cartesischen Projektes.

Es wäre höchste Zeit, alternative Menschenbilder stark zu machen: der Mensch ist nicht ortlos und bindungslos, es gibt ihn nur als Leib, als Mann oder Frau, verwurzelt in einer Heimat, einer Kultur. Er ist in Relationen verstrickt, in vielfältige Abhängigkeiten verflochten und keineswegs abgetrennt von allem. Er ist kein beliebig verschiebbares und mainpulierbares Material. Etwas überspitzt schreibt Joseph de Maistre über die abstrakte Idee des ortlosen „Menschen an sich“: „Ich habe in meinem Leben Franzosen, Italiener, Russen usw. gesehen. Dank Montesquieu weiß ich sogar, dass man Perser sein kann. Einen Menschen aber erkläre ich, nie im Leben gesehen zu haben, er müsste denn ohne mein Wissen vorhanden sein.“ (Joseph de Maistre: Betrachtungen über Frankreich, Wien und Leipzig 1991, S. 60.) Der Mensch, den de Maistre nie gesehen hat, ist das ortlose Subjekt Descartes’ – kein Wunder, denn dieser Mensch existiert tatsächlich nicht und wird auch nie existieren. Eine Verwirklichung linker Utopien ist nur um den Preis einer Zerstörung des Menschen denkbar.

5 KOMMENTARE

  1. >>> der Mensch… es gibt ihn nur als Leib…<<>>Er [der Mensch] ist in Relationen verstrickt … und keineswegs abgetrennt von allem.<<<

    Das "Absolute" unzulässig simplifizierend und damit falsch als "Abgetrenntes" zu definieren und das dann Descartes in die Schuhe zu schieben, ist schon… ich formulier`s mal höflich: ziemlich schräg.

    Für mich trotzdem ein wertvoller Artikel, zeigt er doch, dass selbst studierte Philosophen und (also in gewisser Hinsicht gebildete (sollte man jedenfalls meinen)) Konservative grundlegende Zusammenhänge (fast) komplett missverstehen können und so dem (linken) Gegner bravorös zuarbeiten. Aber wirkliches Wissen (Gnosis, Djana usw.) hat eben nichts mit Hochschulwissen zu tun…

    • Die Verwirrung um das “Absolute” kann ich vielleicht aufklären. Das lateinische “absolutus” ist PPP von “absolvere”, also “loslösen”. In diesem Sinne ist das “Absolute” wörtlich übersetzt das “von allem Losgelöste” – und genau in diesem Sinne versteht sich der moderne Mensch, der sich selbst an die Stelle Gottes setzt.
      Der Rest Ihres Kommentars macht mich etwas ratlos. Sie werfen mir vor, grundlegende Zusammenhänge misszuverstehen und dem Gegner in die Hände zu arbeiten. Solche Vorwürfe sollten doch bitte etwas besser begründet werden als mit ein paar nebulösen Begriffen (“wirkliches Wissen”, “Gnosis”, “Djana”) … Das ist mir für eine ernstzunehmende Kritik leider etwas zu dünn, obwohl ich für kritische Kommentare stets offen bin und neugierig bin, Neues dazuzulernen.

  2. Der Artikel ist vom Impuls her richtig. Der geistig beschaeftigte Mensch ist ortlos. Das liegt aber in der Natur des Geistes. Das war schon vor Descartes so. Er ist nunmal entfesselt und ein Wandernder. Nur sollte man Descartes nicht in der Ecke moderner Entwurzelungstendenzen verantworten. Besser ist es, ihn zeithistorisch als fortschrittlich zu betrachten. Das cartesische Geist-ich war notwendig als emanzipatorisches Signal fuer die Aufklärung. Bei aller Dialektik, die in ihr steckt, hat sie letztlich fuer einen menschlichen Fortschritt gesorgt und auch fuer eine Bewusstwerdung, dass wir “im Zweifel” uns für eine Heimat entscheiden können. Auch wenn diese Entscheidung vielleicht nur ein Wiederfinden von etwas Verlorengeglaubten ist. Oder für unseren Körper. Denn erst der Zweifel fordert eine bewusste Entscheidung und eröffnet damit einen Freiheitsgrad. Während das Unzweifelhafte nur fest bleibt, also nicht beatmet werden kann und damit immer im blinden unbefragten Dogma feststeckt.

  3. Ich denke, wir sollten etwas gnädiger im Urteil über Herrn Descartes sein. Ein Mann, der sich Zeit seines Lebens mit abstraktem Denken, mit Naturwissenschaft und Mathematik beschäftigt, erlebt sich in seinem Denken ganz natürlich als ortlos. Mathematische Gedankengebäude nehmen keine örtliche Färbung an, egal ob sie in Frankreich, Spanien oder auf Norderney entwickelt werden.

    Nehmen wir als Gegenbeispiel einen Bäcker zu Descartes Zeit. Im Denken beschäftigt er sich mit seinem Betrieb, seinen Mitarbeitern, seinen Kunden aus dem Ort. Er muss wissen, mit wem er es zu tun hat und wie er sich in der Sozialstruktur, in die er eingebunden ist, verhalten muss. Für den Herrn Bürgermeister backt er auch schon mal ein Extra-Brot, weil er sich gut mit ihm stellen möchte, und so weiter… Natürlich ist dieser Mann mehr in seiner Heimat, seiner Kultur verwurzelt als ein Geistesarbeiter wie Descartes. Beide machen vollkommen andere Erfahrungen.

    Könnte es deshalb nicht sein, dass beide, auf ihre Art, Recht haben? Und ist es so unmöglich, dass man beides zu verschiedenen Gelegenheiten sein kann – abstrakter Denker und ortsverwurzeltes Gemeinschaftsmitglied?

    Und was ort- und körperlose Entgrenzung der Seele angeht – diese Erfahrung kennt doch nahezu jeder, wenn man völlig selbstvergessen in Musik aufgeht. Oder in der Meditation, wenn die Gedanken still sind und nur noch das Bewusstsein “ich bin” da ist. Trotz alledem kann man im Alltag doch auch ortsverwurzelt ein Deutscher, Österreicher oder was auch immer sein. Das schließt sich doch nicht aus. Wir sollten zeitweilige geistige Grenzenlosigkeit nicht als Gefahr begreifen. Solche Bewusstseinszustände bringen frischen Wind in die Seele und ich möchte sie nicht missen. Genauso wenig wie selbstgebackene Brötchen nach traditionellem Rezept.

    • Mit Ihrer Aussage, dass man sowohl Verwurzelung als auch Weltoffenheit braucht, rennen Sie bei mir sozusagen offene Türen ein. Auch Ihre These, dass Intellektuelle wie Descartes aufgrund Ihrer vorwiegenden Beschäftigung besonders stark zum Kosmopolitismus neigen, ist plausibel. Hinzu kam damals noch, dass Latein die bevorzugte Kommunikationssprache unter Intellektuellen war – auch wenn Descartes den Discours in der Volkssprache Französisch verfasst hat.
      Problematisch wird die Ortlosigkeit, wenn sie einseitig wird und verkennt, dass der Mensch ein leibliches Wesen ist, das eben doch “einen Ort braucht” – selbst dann, wenn es sich vorwiegend mit abstrakten Gedankengebäuden befasst.

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