Das religiöse Erbe Europas (1): Glaubensvielfalt

0

Wir schreiben das Jahr 723 nach unserer Zeitrechnung. Der angelsächsische Wanderpriester Bonifatius, der eigentlich Wynfreth heißt, zieht im Frankenreich umher, um die “Frohebotschaft” unter den erst teilweise christianisierten Stämmen zu verbreiten. In einem Wald nahe der nordhessischen Stadt Fritzlar lässt er eine alte Eiche, die den germanischen Gott Donar symbolisiert, fällen. Sie stelle ein Götzenbild dar und widerspreche den Zehn Geboten, so Bonifatius. Aus dem Holz lässt er ein christliches Bethaus erbauen. Diese Handlung ist nicht der Anfang der religiösen Kämpfe in Deutschland und Europa, aber auch nicht deren Ende. Es ist jedoch zweifelsohne eine Tat von großer symbolischer Wirkung.

Nicht nur, weil Bonifatius damit die Dominanz des „neuen Glaubens“, des Christentums, über den alten, germanischen demonstriert, sondern weil ein Grundstein für die spätere Ordnung der süddeutschen Bistümer gelegt wird. Auch, weil die Domstadt nach der Reformation im 16. Jahrhundert eine katholische Enklave inmitten protestantischen Gebiets bleibt. Damit ist sie ein Sinnbild für das religiöse Chaos, welches in diesem bewegten Jahrhundert ausbricht.

Erst beim Augsburger Religionsfrieden im Jahre 1555 wird entschieden: Der Landesfürst entscheidet über die Konfession seiner Gefolgsleute – cuius regio, eius religio. Ein Vorwand, unter welchem die Habsburger noch Jahrhunderte später im Zuge der Gegenreformation protestantische Landsleute in die ungarische Reichshälfte, zumal nach Siebenbürgen (heutiges Rumänien), verbannen werden.

Glaubensfragen als indogermanischer Gedankenkomplex

Schon die graue Vorzeit beweist: die Indogermanen, deren Nachkommen heute – nebst den in Freundschaft verbundenen Finnen, Esten, Basken und Ungarn – den Großteil der europäischen Bevölkerung ausmachen, sind gleichermaßen in der Tradition verhaftet, wie wahre Meister innovativen Denkens. Dieses macht auch vor dem höchstpersönlichen Glauben keinen Halt. Noch in Anatolien (Türkei) legen die Hethiter ihre althergebrachten Götter ab und frönen fortan den rauen tausend Göttern der Hattier. Im germanischen Götterhimmel ist am Ende nicht der mit Zeus und Jupiter etymologisch verwandte Tiwaz der Hauptgott, sondern Wodan. Im antiken Griechenland erklärt derselbe Xenophanes, dem Heraklit einst nahelegte, dass Vielwisserei keine Einsicht lehre: die Menschen haben ihre Götter selbst erschaffen – „Wenn die Pferde Götter hätten, sähen sie wie Pferde aus.“

In Persien hingegen – heute eine fremde, ganz uneuropäisch erscheinende Welt – bilden sich bereits im 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung im Dualismus zwischen dem Schöpfergott Ahura Mazda und seinem Zwilling und Widersacher Ahriman die Grundzüge eines ersten Monotheismus heraus. Von hier aus nimmt auch der Mithras-Kult seinen Ursprung, der später zu weiter Verbreitung unter den Soldaten des römischen Weltreiches gelangt. Wie Rudyard Kipling treffend in seinem weltberühmten Gedicht „A Song to Mithras“ besingt: „Rome is above the Nations, but thou art over all“ und „Mithras, also a soldier, keep us true to our vows“ – eine wahre Ode an die harte Lebensrealität der spätrömischen Kaiserzeit.

Der Aufstieg des Christentums zur Weltreligion

Es ist sodann auch das römische Weltreich als eine der Wiegen der europäischen Zivilisation zu bezeichnen, in dem die rege Verbreitung des Christentums seinen Ursprung nahm. Die Römer, deren wichtige Errungenschaft, im Gegensatz zur heroischen Dichtung und Philosophie der Griechen, in ihren mannigfaltigen Poleis, die Schaffung eines staatstragenden Rechtsapparats und einer ausgeklügelten Verwaltung mit Nachwirkungen in die Neuzeit liegt, erklärten es immerhin als Erste zur Staatsreligion. Galt in seinen Anfängen noch das kaiserlich verordnente „christianes ad leones“, ist es eingangs des 4. Jahrhunderts ein Traum des Kaisers Konstantin, welche von einer Zeitenwende kündet. Die Vision eines Kreuzes am Horizont am Vorabend einer großen Schlacht ist der Ausgangspunkt für die baldige Bekehrung des obersten Mannes im römischen Reich zum Christentum.

Konstantin ist es auch, der bis heute gültige Paradigmen im Katechismus der christlichen Kirchen mitbegründet. Zur Klärung verschiedenster Glaubensfragen beruft er in Nicäa ein Konzil ein – manche Beschlüsse wie die Berechnung des Osterdatums, das zölibatäre Leben von Kirchenmännern, der Umgang mit Abtrünnigen: sie sind noch der Kirche der Neuzeit bekannt. Daran ändert auch das vergebliche Streben einer Rückbesinnung auf heidnische Lehren unter Kaiser Julian nichts – bald ist der endgültige Siegeszug des Christentums angebrochen. Theodosius, der letzte Kaiser des römischen Gesamtreichs, erklärt es zur alleinigen Staatsreligion. Vorsorglich verbietet er auch die beliebten Spiele in Olympia als „heidnisches Fest“: Erst anderthalb Jahrtausende später wird der Franzose Pierre de Coubertin dieses für den griechischen Zusammenhalt so bedeutsame Spektakel, nun als verbindendes Glied der Europäer, neu beleben.

Und der Rest Europas?

In anderen Teilen unseres Kontinents wird sich der allmähliche Übertritt zur Christenheit höchst unterschiedlich gestalten. Mancherorts werden Grafen und Fürsten unter seinem Banner zerstrittene Stämme zu vereinen wissen und durch prunkvolle Kirchenbauten ihre Macht und den Wohlstand ihrer Ländereien zelebrieren. Anderswo werden noch Jahrhunderte später angedachte königliche Hochzeiten an der Weigerung, zum Christentum überzutreten, scheitern. Im slawischen Osten wird teilweise mit dem Schwert missioniert: hohe Straftribute werden fällig und es kommt zu brutaler Niederschlagung von Aufständen und Versklavung – unser Wort „Sklave“ erinnert heute an diesen Umstand.

Das isländische Althing hingegen zeigt seine Ausnahmestellung als Kronjuwel einer frühen Demokratie zwischen seinen Bauern: ein friedlicher Übergang soll es sein, in der Öffentlichkeit soll nur mehr das Kreuz gezeigt werden – Anhänger der alten Götter schaffen sich ein Wolfskreuz als Erkennungszeichen, sie deshalb aber zu verfolgen liegt den besonnenen Nordmännern fern, und manche Gebiete Finnlands werden gar erst allmählich christlich. Eine Sage aus der mittelfinnischen Region Häme erzählt von Bauern, die im 13. Jahrhundert ihre Taufe nach dem Abzug der schwedischen Eroberer „abwaschen“ und erst im Laufe der Jahrhunderte ihrem heidnischen Glauben endgültig abschwören.

 

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here